Tracy Chevalier – Der Neue // Othello

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Aufgeklapptes Buch "Tracy Chevalier Der Neue" unter rosa Tulpen

Typus: Tragödie
Erschienen: 1603/4
Inhalt: OTHELLO, Venedigs Star-Feldherr, heiratet heimlich die schöne DESDEMONA. Sein Untergebener JAGO ist wütend, weil CASSIO und nicht er befördert wurde. Deshalb erzählt er OTHELLO, dass CASSIO und DESDEMONA eine Affäre hätten. Als dieser ein Taschentuch von DESDEMONA bei CASSIO findet, rastet er aus und erwürgt seine Frau. Die hellsichtige EMILIA hat beobachtet, wie JAGO die Intrige einfädelte und erzählt OTHELLO alles. Aus Schuld und Trauer bringt er sich um.
Bekannte Zeile: Behauptung ist nicht Beweis.
Wichtig zu wissen: Die Forschung ist sich nicht einig, welche Nationalität Othello zugedacht war. Einige vermuten, dass er Nordafrikaner, also Maure sein sollte und die veraltete Bezeichnung “Mohr” in die Irre führe. Eigentlich war es damals üblich, dunkelhäutige Menschen als moralisch verkommen im Theater dazustellen. Othello jedoch war außerordentlich fleißig und tugendhaft.

 

Tracy Chevalier, die bekannt wurde durch Romane wie “Das Mädchen mit dem Perlenohrring”, “Zwei bemerkenswerte Frauen” oder “Eine englische Freundin”, erzählt gewöhnlich historische Romane, die einige Jahrhunderte zurück angesiedelt sind. Deshalb war ich überrascht, als ich merkte, dass sie ihre Neuinterpretation von “Othello” in den 70er Jahren in Amerika, genauer an einer Middleschool in Washington spielen lässt. Die Vergleiche zu “10 Dinge, die ich an dir hasse” – einem Kinofilm, der Shakespeares “Der Widerspenstigen Zähmung” an eine Highschool der Gegenwart verlegt, liegen nahe. Doch hier steht das Rassenthema, also die Dunkelhäutigkeit des neuen Schülers an einer rein weißen Schule im Vordergrund. Deshalb bieten sich die politisch turbulenten 70er Jahre an. Im Gegensatz zu “10 Dinge, die ich an dir hasse” sind die Protagonisten in diesem Roman aber eindeutig noch Kinder, weswegen die Verflechtungen und Intrigen eine völlig neue Konnotation bekommen. 
Der Roman beginnt mit der Ankunft des neuen Schülers Osei Kokote (OTHELLO), der dank des Vaters, einem ghanesischen Diplomaten, regelmäßig die Schule wechseln muss, diese Situation bereits kennt und souverän seine Rolle spielt (wie er selbst sagt). Der Lehrer Mr. Brabant (BRABANTIO, Vater von DESDEMONA) bittet seine Lieblingsschülerin Dee (DESDEMONA), sich um den Neuen zu kümmern.

Anhand eines Schultages entspinnen sich die Intrigen und Verwechslungen der jungen Schüler, die sich in ihrer Dramatik nicht allzu sehr vom Original unterscheiden. Liebe, Eifersucht und Verrat sind für die Elfjährigen in ihrer Naivität so abstrakte Begriffe, dass sie deshalb in ungebremster und unreflektierter Weise ausgelebt werden, wie es wohl nur Vorpubertierende und elisabethanische Dramatiker können. 
Tracy Chevalier nimmt den Stoff des verratenen Mohrenkommandanten als lose Schablone und orientiert sich hauptsächlich an den Motiven und Motivationen der Shakespeare’schen Vorlage und erzählt damit aber eine völlig neue Geschichte über Rassismus in den 70er Jahren. Osei wird Opfer der Vorurteile seiner Lehrer und zugleich der Eifersüchte seiner neuen Mitschüler. Es ist ein Ausprobieren von Beziehungen, von Liebe und Verbindlichkeiten, ohne je verbindlich werden zu müssen. Jedes “Miteinander gehen” ist hier für die Ewigkeit gemacht. Kaum eine Beziehung übersteht mehr als zwei große Pausen. Doch durch das Auftauchen des Neuen, der durch sein Aussehen und seine Fähigkeiten das gewachsene, über Jahre eingespielte System von Klassenlieblingen, Rowdies und Außenseitern durcheinander bringt, bekommt dieses Ausprobieren eine völlig neue Dynamik. Osei ist als einziger schon viel gereist und war bereits mehrfach “Der Neue” an Schulen, hatte somit Zeit, um diverse Eingliederungsmechanismen durchzuprobieren. Er durchschaut schnell die Hierarchien und nutzt die Sympathien und seine Talente, um innerhalb weniger Pausen zu einer zentralen Figur im Schulhofsystem aufzusteigen. 
Nebenbei erfährt man aber auch immer wieder in kurzen Rückblenden etwas über seine Beziehung zu seiner Familie und vor allem zu seiner großen Schwester, die sich der Black Panther-Bewegung angeschlossen hat. Ein nicht unwichtiger Aspekt in der Entwicklung dieses turbulenten Schultages, an dem Osei immer stärker den latenten Rassismus spürt und schließlich die Radikalität seiner Schwester immer deutlicher nachvollziehen kann. 

Eine rasante und durchaus amüsante Novelle, der Tracy Chevalier durch die immer spürbare Verwandtschaft zum Shakespeare’schen Original eine Tiefe und Symboldichte mitgibt. Man möchte sie wieder und wieder lesen. Und ich bin mir sicher: Dabei findet man stets noch weitere Anspielungen und versteckte Hinweise.

Eure Mareike


Tracy Chevalier – Der Neue
Verlag: Knaus
Gebunden, 200 Seiten, ca. 18 Euro

3 Comments

  1. Sarah says:

    Ich liebe eure Rezensionen zum Shakespeare Projekt! Diese ist auch wieder ganz großartig.
    Aber ich glaube es hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen, 10 Dinge die ich an dir Hasse ist doch die Verfilmung von der Widerspenstigen Zähmung oder?

  2. Mareike says:

    Liebe Sarah,
    vielen Dank! Du hast natürlich vollkommen recht. Da war ich im Kopf irgendwo bei König der Löwen :D :D

    Danke!
    Mareike

  3. Rezension | Tracy Chevalier: Der Neue | KillMonotony Buchblog says:

    […] Herzpotenzial […]

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