Tom Rachman – Die Gesichter

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Der Roman "Die Gesichter" auf grauer Decke neben Tablet mit Pflanze

Ein Künstler gilt gern als verschroben und sonderlich. Der moderne Künstler lebt, atmet, fühlt seine Kunst, geht völlig in ihr auf. Der Mensch, der stets etwas abseits der Norm steht, vielleicht sogar über den Dingen zu schweben scheint. Die Menschen um ihn herum haben es nicht leicht mit diesem Exzentriker, dem Genie.

Wie muss es sein, unter einem solchen Künstler aufzuwachsen? Das Kind eines Mannes zu sein, der seine Kunst und seine eigenen Schöpfungen über alles andere stellt? Wie muss der Alltag sich anfühlen, wenn man immer an zweiter Stelle steht und zugleich weiß, dass man ebenfalls eine Schöpfung dieses Mannes ist?

Tom Rachman spielt in seinem neuen Roman eine solche Konstellation von Künstlervater und ewig-zweitem-Sohn in all seinen Facetten durch. Es geht um Egozentrik, Liebe und Verehrung, aber auch um Vernachlässigung und Manipulation. 

Bear und Pinch. Vater und Sohn. Ihr Leben lang haben sie eine komplizierte, wenn auch überraschend intensive Bindung. Pinch lebt mit seiner leicht schrulligen Mutter in Italien. Seinen Vater hatte er nur für einige frühe Jahre um sich. Dann zog dieser weiter. Nahm sich eine neue Frau, zeugte weitere Kinder. Wie auch davor und noch etliche Male danach gründet er überall auf der Welt kleine Familien. Zu seinen Halbgeschwistern und deren Müttern hat Pinch sehr unterschiedliche Beziehungen. Doch seine Bindung zu seinem Vater scheint enger als die anderer Kinder. 

Wie der Vater so der …?


Die wenigen Erinnerungen an seine Kindheit mit dem großartigen Künstlervater prägen Pinchs Verständnis von Kunst, Liebe und seinen eigenen Fertigkeiten tief. Er träumt ebenfalls davon Künstler zu werden. Wie besessen arbeitet er sich an dem Werk seines Vaters und dessen Vorbildern ab.
Doch reicht es nie. Die Bestätigung durch Bear bleibt aus. Wieder und wieder sucht der Sohn sein Leben lang nach der Anerkennung seines Helden. Nur sehr langsam dringt in sein Bewusstsein, dass der Vater vielleicht gar nicht der Jahrhundertkünstler und Über-Vater ist, für den er ihn immer gehalten hat.

Der Roman "Die Geshichter" neben einem Glas Weißwein und einigen Muscheln

Der Roman hatte einige Längen und so richtig konnte mich die Geschichte nicht packen. Das lag zu großen Teilen an der starken Vergötterung Bears durch seinen Sohn. Pinch saugt jedes Wort seines Vaters auf, als würde er die Offenbarung hören. Jeder noch so flapsig dahingesagte Ratschlag wird über Jahre intensiv befolgt und in Ehren gehalten. Das zieht sich durch Pinchs komplette Kindheit bis hin in sein Erwachsenenleben. Als Leser durchschaut man das schnell und ermüdet daran etwas.

Wirklich spannend wird es erst, als Pinchs Freundin, eine aufstrebende Kunstdoktorandin, auf seinen Vater trifft und ihm nackt (!) modellsitzend ordentlich die Meinung geigt. Eine grandiose Szene, die mit einem Schlag die Außenwelt und den Zeitgeist der 70er in die staubige Welt des Künstlers holt.

Hier und an vielen weiteren Stellen zeigt sich das große Schreibtalent von Tom Rachman. Er lotet die Vater-Sohn-Beziehung gekonnt, wenn auch etwas zu penibel aus. Hier hätten es einige Kapitel weniger auch getan. 
Nichtsdestotrotz ein guter Roman über die Bürde, das Kind eines bedeutenden Menschen zu sein.

Eure Mareike


Tom Rachman – Die Gesichter 
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Verlag: dtv
Gebunden, 416 Seiten

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2 Comments

  1. Kate says:

    Hallöchen,
    ich hab dieses Buch vor kurzem entdeckt und war schon drauf und dran, es mir zu holen. Durch deine Rezension merke ich jetzt aber, dass mir das Buch vielleicht doch nicht so zusagen würde.
    Aber eine tolle Rezension hast du da geschrieben, danke!
    Liebste Grüße, Kate

    1. Mareike says:

      Liebe Kate,
      es ist vermutlich Geschmacksache, ob man die Intensität der Bewunderung so ausufernd beschrieben haben möchte oder nicht. Ich habe auch schon gehört, dass andere LeserInnen genau das am Buch mochten. Ich verstehe aber gut, wenn du lieber auf dein Bauchgefühl hören magst. Es gibt so viele Bücher, die noch da draußen warten ;)

      Viele liebe Grüße
      Mareike

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