Theresia Enzensberger – Blaupause

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Ein Roman, der nach außen gern den Anschein erwecken möchte, ein Bauhaus-Roman zu sein, in seinem Inneren aber etwas ganz anderes ist. Theresia Enzensberger lässt in “Blaupause” zwar auch die Großen wie Paul Klee oder Kandinsky auftreten, dennoch ist es viel mehr ein Entwicklungsroman ihrer Protagonistin Luise.

Luise Schilling aus Berlin geht 1921 nach Weimar, um am berühmten Bauhaus Architektur zu studieren. Es fühlt sich alles modern und fortschrittlich an und sie lässt sich von der Energie, die der Ort hat, mitreißen. Schon in den ersten Tagen ihrer Vorkurse an der Universität fällt ihr eine Gruppe junger Menschen in groben Kapuzenjacken auf – Anhänger ihres Professors Johannes Itten, der Mazdaznan praktiziert. Luise wird von ihnen gleichermaßen abgestoßen wie auch angezogen. Besonders Jakob, einer von Ittens engsten Vertrauten, hat es ihr angetan. Schon bald wird sie selbst Teil des ausgewählten Kreises der Mazdaznan-Anhänger und lässt sich auf eine verhängnisvolle Beziehung mit Jakob ein. Ihr Studium rückt dabei immer mehr in den Hintergrund, erst als man ihr den Zugang zum Architektur-Studiengang verwehrt und stattdessen zum Weben schickt (viel angemessener für eine junge Frau), verändert sich ihre Sichtweise.
Luises Eltern, die von den Entwicklungen ihrer Tochter gar nicht angetan sind, beenden ihr Studium und rufen sie zurück nach Berlin, damit sie eine Haushaltsschule besucht und einen passablen Ehemann findet. Doch so leicht gibt Luise ihren Traum von der Architektur nicht auf und immatrikuliert sich ein paar Jahre später am neuen Bauhaus in Dessau. Auch diese Studienphase ist wieder geprägt von einem Mann: Hermann, der Werbeplakate malt und so ganz anders ist als Jakob. Und dieses Mal darf sie ihr Studium in der gewünschten Fachrichtung fortsetzen. Dennoch werden ihr noch viele Steine in den Weg gelegt, bevor sie ihren Abschluss machen kann.

Luise Schilling ist eine junge aufgeweckte Ich-Erzählerin, die ziemlich naiv durch ihr Leben schreitet. Ihre Freiheit macht sie euphorisch und beschwingt, gleichzeitig wirkt sie davon etwas überfordert. Ihr Studium nimmt sie gegen den Willen ihrer Eltern auf und gibt sich redlich Mühe, die dort gelehrten Inhalte vor ihnen zu verheimlichen. Doch das ist eine Erfahrung, die viele junge Menschen machen müssen: Es ist verdammt schwer, den eigenen Eltern etwas zu verheimlichen. Und so beordern ihre Eltern sie zur Mitte des Buches zurück nach Berlin. Für ihre einzige Tochter hatten sie sich etwas anderes vorgestellt als Johannes Itten und dessen Anhänger, von denen sie nicht sonderlich begeistert sind. Ich kann mich ihnen da nur anschließen, selten ist mir eine so unsympathische Gruppe begegnet wie Luises Freunde am Weimarer Bauhaus. Als sie dann einige Jahre später ihr Studium fortsetzt, lässt sie sich wieder von ihren Kommilitonen mitreißen. Enzensberger legt den Fokus auf die Beziehungen der jungen Frau und nicht auf das Studium. Dadurch erhält der Leser Einblicke in die Zeit, spürt die Veränderungen in der Welt draußen, aber erfährt nur wenig über das Bauhaus. Vielleicht ist der Roman gerade deswegen so gut lesbar? Ich habe ihn an einem Tag weggelesen und mich gewundert, dass es so schnell ging. Der Schreibstil Enzensbergers ist so leicht, wie es die 1920er Jahre in meiner Vorstellung sind, auch wenn Champagnerstimmung und wilde Charleston-Partys eher selten auftauchen. Luises emotionaler und gedanklicher Entwicklung konnte ich mal besser und mal schlechter folgen, aber Langeweile kam selten auf.

Fazit

Liebe Bauhaus-Fans, ich glaube, dieses Buch ist nichts für euch. Stattdessen sollten Leser zugreifen, die der Entwicklung einer jungen Frau auf der Suche nach ihrer eigenen Emanzipation folgen wollen und bereit sind, sich dafür in die weniger schillernden, aber sehr realen 1920er Jahre zu stürzen.

Eure Maike


Theresia Enzensberger – Blaupause
Verlag: Hanser
256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 22 €

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