“Schon auch SCHÖNER WOHNEN hier, nur eben anders”

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Buch auf Dekoration Christine Zureich "Garten,Baby!"

Wenn man in der Großstadt wohnt, muss man sich immer wieder seine eigenen kleinen grünen Oasen suchen und schaffen. Denn wenn viele Menschen zusammenkommen, muss als erstes Grünfläche weichen. Wir haben uns bewusst für ein Leben etwas abseits Hamburgs entschieden. Gehen fast täglich an unserem kleinen See vorbei und schaffen uns jeden Sommer auf unserem Balkon ein zweites grünes Wohnzimmer. 
Doch auch Menschen, die gern zentral leben, sehnen sich immer mehr nach dem eigenen kleinen Garten. Schrebergärten boomen wie lange nicht mehr, Zimmerpflanzen sind seit Jahren ein Trend und Urban Gardening findet konstant neue Anhänger. 
Genau über diese Großstädter hat nun Christine Zureich ihr Debüt verfasst. In “Garten, Baby!” erzählt sie in einer Reihe von amüsanten Episoden von dem Mittdreißiger-Paar Doro und Rob und ihren sehr unterschiedlichen Nachbarn. Gemeinsam haben sie sich ihrem kleinen Grünstreifen hinter dem Haus zugewandt und wollen sich selbst eine grüne Oase schaffen. Oder ist es wirklich die Gemeinschaft, die das will? Zwischen den Zeilen schwingt stets mit, um wessen Herzensprojekt es sich hier hauptsächlich handelt: Doros. Zwar hat sie in ihren Nachbarn, besonders dem schwulen Amerikaner Fred, stets verlässliche Unterstützung. Doch sie ist die treibende Kraft, bindet die sehr unterschiedlichen Nachbarn ein, verteilt Aufgaben und erschafft so einen Zusammenhalt zwischen den Menschen, die eigentlich nur zufällig das selbe Haus bewohnen. 

Wie entsteht Verbindlichkeit, Gemeinschaft in der Stadt? Mitten in der Großstadt?

Christine Zureich gelingt mit dem Gartenmotiv etwas, was mir in vielen Büchern, die sehr unterschiedliche Menschen zusammenbringen, oft fehlt: einen wirklich sinnigen und facettenreichen Grund, dass diese Menschen miteinander zu tun haben. Ich habe schon einige Romane gelesen, in denen die Leben verschiedener Mietparteien beleuchtet wurden. Oft wirkten die Begegnungen und Verbindungen bemüht und artifiziell. Diese Art von Geschichten haben gern den Fokus, Einsamkeit in der Großstadt zu verdeutlichen. Es wird gezeigt, wie Menschen nebeneinander her leben, nichts von ihren Nachbarn, ihren unmittelbaren Mitmenschen wissen. 
Hier wird ein ganz anderes Bild von Großstadt gezeichnet. Eine moderne Form des Miteinanders, des Mehrgenerationenhauses. Hier lebt die Alleinerziehende, die sich auf ihre Nachbarn verlassen kann, wenn sie einmal Betreuung für ihr Kind benötigt. Hier hilft der handwerklich begabte Nachbar stets aus. Wohnungen werden gemeinsam gestrichen und man kann stets sicher sein: Wenn einmal wieder alles zu viel wird, findet sich immer jemand mit einem Glas Wein zum Reden. 
Dieser neuen Form des Miteinanders und der stetigen Suche nach Verbindlichkeit (soviel zum Klischee der bindungslosen Generation Y!) steht die ältere Generation in Form der über 80-jährigen Nachbarin Dittrich mit Misstrauen und Häme gegenüber. Sie erfüllt alle Klischees der durch Türspalten linsenden, im Hausflur horchenden und auf Ruhezeiten pochenden Rentnerin. 

Sprachlich frisch und unmittelbar

Was die Geschichten besonders auszeichnet sind die sprachlichen Feinheiten: elegante Sätze, stimmige Wortspiele und sprachliche Bilder, die sich lesen wie kleine Schokostückchen im Eis.

Die Kapitel oder Episoden lesen sich wie Anekdoten, die man einer Freundin erzählt. Sehr mündlich und unmittelbar. Einige Erklärungen und Beschreibungen doppeln sich so geschickt und so beiläufig, dass es sich anfühlt wie in einem Gespräch mit einer Freundin. Ein wenig erinnert der Stil an eine gute Staffel einer Serie: Episodisch wird fast ein Jahr in dem Mehrparteienhaus beleuchtet, doch die Beziehung von Doro zu den verschiedenen Personen und ihre eigene Entwicklung bilden den Rahmen um die einzelnen Ereignisse. 

Fazit

Modern und leicht und sehr treffend erzählt Christine Zureich in “Garten, Baby” von dem Leben von Mittdreißigern in der Großstadt. Sie erzählt von der eigenen Dynamik, die eine zusammengewürfelte Hausgemeinschaft entwickelt, und von der emotionalen Verbindlichkeit, die ein gemeinsames Projekt erschaffen kann. Ein völlig neuer, warmer und vielfältiger Blick auf das Großstadtleben, das seit fast einhundert Jahren als genau das Gegenteil stereotypisiert wird.

Eure Mareike


Christine Zureich – Garten, Baby!
Verlag: Ullstein Fünf
Gebunden, 176 Seiten, ca. 16 Euro
ERSCHEINT 23. Februar

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