Robert Seethaler – Der Trafikant

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Aus unterschiedlichsten Richtungen wurde mir immer wieder “Der Trafikant” von Robert Seethaler empfohlen. Besonders Männer aus meinem Bekanntenkreis betonten immer wieder wie außerordentlich gut dieser Roman sei und dass man ihn unbedingt lesen solle. Anscheinend sind sie da nicht die einzigen, denn ich halte heute die neunte Auflage davon in der Hand.
Wie viele Bücher des Kein & Aber Verlags hat auch dieser Roman des österreichischen Schriftstellers einen hübschen Farbschnitt in blau, was ich sehr mag. Und irgendwie prägt die Farbe die Lesestimmung. Vielleicht hat aber auch der Verlag ein besonderes Gespür dafür, welche Farbe gut zum Inhalt der Bücher passt.

So oder so: Der Trafikant ist blau. Blau wie der Himmel über dem See im Salzkammergut, an dem der knapp 17 Jährige Franz aufgewachsen ist. Die Natur und auch der Himmel waren immer von großer Faszination für den jungen, etwas träumerischen und antriebslosen jungen Mann. Seine Mutter, die sich und ihn lange Zeit durch ihre Beziehung mit dem reichsten Mann der Gegend durchgebracht hat, ist etwas ratlos, was sie mit ihrem Sohn anfangen soll. Franz scheint zu zart und introvertiert für die typischen Lehrberufe in der Gegend. Als ihr Liebhaber stirbt und sie ohne Versorgung dasteht, schickt sie ihn kurzerhand zu einem Bekannten aus ihrer Jugend nach Wien: Otto Trsnjek ist der Besitzer einer Trafik – einem typisch österreichischem Kiosk für Tabak, Zeitungen und Schreibwaren. Hier soll Franz in die Lehre gehen.
Der wichtigste Teil seiner “Ausbildung” besteht für den gutmütigen Otto hauptsächlich aus Zeitungelesen. Ihm ist es wichtig, dass Franz das Weltgeschehen kennt und einordnen kann. Für den jungen, isoliert aufgewachsenen Jungen eine ziemliche Herausforderung. Denn die Zeiten sind rau im Jahr 1937/38. Als er schließlich den guten Kunden der Trafik, Siegfried Freud, kennenlernt, wird ihm klar, wie wenig er von der Welt weiß.

Zögerlich und mit einer schlichten, ja an Naivität grenzenden Sprache führt Seethaler den Leser in die Welt eines sehr einfachen Gemüts ein. Während ich zunächst noch glaubte, dass Franz nur ein schlichter Landjunge ist: leicht zu beeindrucken, nicht ganz helle und in seinen Gefühlen eher in der Hosengegend aktiv. Doch dann gab es faszinierende, scharfsinnige und authentische Gespräche zwischen Franz und Freud, die mich berührten und überraschten. In diesen Momenten blitzte die Brillanz Seethalers durch, der sich ansonsten in sprachlicher Hinsicht sehr zurückhält. Vermutlich ist es eine Kunst, eine so komplexe, feinfühlige und philosophische Geschichte in einem so schlichten Sprachgewand zu kleiden. Erst mit der Zeit erkannte ich die tiefgreifende Geschichte und war gefesselt. Nach etwa der Hälfte nimmt das Buch plötzlich Fahrt auf und Franz entwickelt sich – innerhalb seiner begrenzten Möglichkeiten – zu einem beeindruckenden Mann.

Einzig bei der “Liebesgeschichte” zwischen ihm und der jungen Böhmin Anezka schießt der Autor über das Ziel hinaus. Sie bricht Franz nicht nur mit einer routinierten Regelmäßigkeit das Herz, nein, sie bekommt im gesamten Roman kaum mehr als optische Attribute zugesprochen. Tiefe oder logische Charaktereigenschaften sucht man bei ihr leider vergebens. Dafür werden mit einer gewissen Regelmäßigkeit verschiedene Körperteile von ihr gelobt.
Sprich: Ich verstehe durchaus, warum ich bisher mehr Männer als Frauen mit Begeisterung über diese Buch habe sprechen hören. Es ist ein sehr männlich dominiertes Buch. Selbst die von Franz so vergötterte Mutter sinniert recht offen vor ihrem Sohn, mit wem sie wohl sinnvollerweise als nächstes anbandeln sollte, damit sie wieder gut versorgt ist. Ein eindimensionales Frauenbild.

Davon abgesehen erzählt dieser Roman in wunderschöner Tradition von dem Leben eines Kleinen-Mannes  während des Nationalsozialismus in Österreich. Die von Blutdurst geschwängerte Atmosphäre und Begeisterung der Österreicher für Hitler waren mir in dem Ausmaß sicherlich nicht bewusst. Auch der Alltag eines einfachen Angestellten in den 30er Jahren wurde mit der wunderschönen, klaren und schlichten Sprache herrlich eingefangen. Das tröstet über die eher eindimensionale Darstellung der Frauen hinweg. Am Ende bleiben die wahrhaft brillanten und teilweise sehr amüsanten Gespräche zwischen Franz und Sigmund Freud in Erinnerung als ein perfektes Beispiel für literarische Freiheit.

Fazit


Ein schöner, wenngleich etwas schleppender Entwicklungsroman eines kleinen Mannes während des Nationalsozialismus. Die Sprache ist klar und voller ruhigem Feinsinn. Leider verliert sich der Autor in der Darstellung der Frauen in Klischees, was für mich einen Beigeschmack hinterließ.

 

Mareike


Robert Seethaler – Der Trafikant
Verlag: Kein und Aber
Taschenbuch, 256 Seiten, ca. 11,00€

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