Philip Pullman – Über den wilden Fluss

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Buch Über den wilden Fluss von Philip Pullman, grünes Cover

Fantasy lese ich nicht. Genauer gesagt: nicht mehr. Früher war sie meine kleine Flucht in andere Welten. Meine ganze Jugend hindurch habe ich wie eine Besessene alles gelesen, was das Fantasyregal meiner Buchhandlung und meiner Bücherei so hergaben. Von Ted Williams über so ziemlich alles von Wolfgang Hohlbein bis hin zu Philip Pullman, der schließlich mit seiner “Sally Lockhard”-Reihe meine Neugierde auf das viktorianische England entfachte. 
Seitdem hat sich in meiner Biografie als Leserin eine Menge getan. Neben Klassikern zogen immer mehr moderne Gesellschafts- und Familienromane bei mir ein. Mein Regal hat sich sehr verändert. Fantasy findet man dort nicht mehr viel. 
Doch Pullman hat dort immer noch seinen Platz.

Jetzt ist nach vielen Jahren ein Prequel zu seiner erfolgreichsten Reihe, der “His Dark Materials”-Trilogie, erschienen. Damals hatte ich mich mit großer Begeisterung für den ersten und zweiten Band in die Welt der kleinen Lyra und besonders ihr Oxford verliebt. Leider entfernten sich die Bücher recht schnell von diesem schönen Ort, und den dritten Band habe ich schließlich sogar irgendwann abgebrochen, weil ich die wirren Kriege im Himmel zwischen den Dimensionen eher anstrengend fand. Umso gespannter war ich nun auf den neuen Roman “Über den wilden Fluss”, der einige Jahre vor “His Dark Materials” spielt und erzählt, wie Lyra als Baby am College Asyl erhält. 

Im Fokus der Geschichte steht aber nicht Lyra, sondern Malcolm, ein 11-jähriger Sohn einer Wirtshausfamilie, und sein Daemon Asta (dessen außerkörperliche Materialisierung seiner Seele). Er hilft nicht nur fleißig in der familieneigenen Schänke mit dem klingenden Namen “Zur Forelle”, er unterstützt auch die Nonnen im benachbarten Kloster. Besonders häufig ist er dort, seit die kleine Baby-Lyra dort von den Nonnen aufgenommen wurde. Das Baby wächst ihm schnell ans Herz und er fühlt sich für ihre Sicherheit verantwortlich, weil er eine Verbundenheit spürt, die er sich nicht genau erklären kann. 
Lyra braucht aber auch allerlei Schutz, denn diverse Kirchenbehörden und wahnsinnige Wissenschaftler scheinen es auf das unschuldige Kind abgesehen zu haben. Hat es etwas mit der Identität ihrer Eltern zu tun? Oder mit der Prophezeiung der Hexen des Nordens? Malcolm gerät zwischen die Fronten aus faschistischem Kirchenorganisationen und dem Widerstand der Wissenschaft. 

Als dann plötzlich eine Jahrhundertflut ausbricht, beginnt für Malcolm und seinen kleinen Schützling das Abenteuer seines Lebens. Der treffende Titel “Über den wilden Fluss” ist ab der Hälfte wörtlich zu nehmen. Denn die Fluten zerstören nicht nur alle sicheren Zufluchtsorte, sondern auch die bestehende Ordnung. Die natürliche Ordnung der Dinge und das, was Melcolm für die Realität hält, beginnt sich aufzulösen. Der zweite Abschnitt des Buches ist eine rasante Odyssee, die voller Magie, Meeresgötter, Feen und verwunschenen Inseln steckt, die tatsächlich Anleihen an klassische Heldenreisen und antiker Sagen nimmt. Allein das macht dieses Buch enorm lesenswert. Es ist unterhaltsam, kurzweilig und voller überraschender Ideen. 

Philip Pullman ist in diesem Buch wieder nah an den Figuren geblieben, wie auch im ersten Teil seiner HDM-Reihe. Es geht weniger um die metaphysische Bedeutung von Materie, der Seele und die Verbindung von Paralelluniversen. Und hier liegt meiner Meinung nach auch Pullmans Stärke: starke, sympathische Figuren zu schaffen, die man gern auf ihren Abenteuern begleitet. Dies hat er bereits in der Sally Lockhart-Reihe bewiesen, in der jede Figur liebenswert und vielschichtig war. Und dann spielt es auch noch in der Welt Lyras, die ich als Jugendliche sehr mochte. Es stellte sich nach bereits wenigen Seiten ein “Zuhause”-Gefühl ein. Sein ganz eigener Sprachsound (wieder toll von Übersetzerin Antoinette Gittinger eingefangen) nimmt mich jedes Mal wieder gefangen. Dass einem dann immer wieder bekannte Figuren begegnen, ist dann das Tüpfelchen auf dem i.

Fazit

550 Seiten flogen selten so schnell durch meine Finger. Der neue Pullman-Roman ist außerordentlich stark, denn er besinnt sich auf seine eigentliche Stärke abseits der metaphysischen Handlung gegen Ende der HDM-Trilogie. Er schafft sympathische, vielschichtige, schillernde Figuren, die einen in eine andere Welt entführen. Ein Buch, das viel Spaß macht, und das “Fortsetzung folgt…” auf der letzten Seite macht mich jetzt schon vorfreudig. Die abwechslungsreiche, dichte Mischung aus Magie, Mythologie, Faschismuskritik (ein gruseliger Hitlerjugend-ähnlicher Kirchengeheimbund für Schulkinder spielt ebenfalls eine Rolle), Metaphysik und Roadnovel ist einfach extrem gelungen. 
Wenn Jugendbuch, dann bitte so.

Eure Mareike


Philip Pullman – Über den wilden Fluss
Aus dem Englischen von Antoinette Gittinger
Gebunden,  560 Seiten, ca. 24 Euro 

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3 Comments

  1. greubel says:

    Oh wow! Das klingt toll!

  2. Philip Pullman: Über den wilden Fluss – LeseLustFrust says:

    […] Herzpotenzial […]

  3. Sonntagsleserin* 02_2018 – Rückblick auf den Januar | Studierenichtdeinleben says:

    […] guten Dinge sind drei und so habe ich beim literarischen Duo von Herzpotential die Rezension zu „Über den wilden Fluss“ von Philip Pullman von Mareike gefunden – noch ein Buch, das ich selbst gelesen/rezensiert […]

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