Melissa Broder – Fische | Erotische Einsamkeit mit Fischen?

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Der Debütroman von Twitter-Lyrikerin Melissa Broder lag etliche Wochen auf meinen Nachttisch, weil ich nach den ersten Seiten keinen rechten Zugang zur Handlung fand. Als ich mich jedoch durch die ersten 50 Seiten gequält hatte, konnte ich es nicht mehr weglegen. Warum? Es war wohl Faszination an der Absurdität dieses wenig als Literatur getarnten Erotikromans. 
Die 38-jährige Lucy trennt sich von ihrem langjährigem Partner, der bereits eine neue, jüngere Frau am Start hat. Nach einem Nervenzusammenbruch und einer einstweiligen Verfügung bietet ihr ihre ältere Schwester an, zu ihr zu fliegen und den Sommer über in deren Luxushaus am Strand den Hund zu betreuen. Ihre Schwester und ihr Mann planen, mehrere Monate gemeinsam unterwegs zu sein. Dieses Angebot einer kleinen Auszeit von ihrem Alltag soll Lucy durch die Trauer helfen. Deshalb meldet ihre Schwester sie auch kurzerhand für eine Selbsthilfegruppe an. 
Lucy findet sich langsam in ihren neuen Alltag zwischen Dogsitting, Therapiesitzungen und jeder Menge schlechten, aber sehr explizit beschriebenen Tindersexgeschichten ein. In all diesen Bereichen geht es um Verbindung und Bedürftigkeit. All die Menschen, die in diesem Roman vorkommen, sind begütert, körperlich gesund und vornehmlich attraktiv. Leider leiden sie alle an Bindungs-, Angst- und Zwangsstörungen. Auch Lucy ist hiervon nicht ausgenommen, auch wenn sie durchgängig verständnislos auf die Störungen der anderen schaut, während sie selbst an ihren nächsten Selbsterniedrigungsaktionen feilt. 

Das Bild von Liebe und Partnerschaft, das in diesem Roman gezeigt wird und durchgängig recht trennungsunscharf mit Sex mit Unbekannten vermischt wird, ist in sich das größte Problem. Die Protagonistin sinniert darüber, warum ihre Fantasie von Liebe und Begehren nie den tatsächlichen Begegnungen standhalten können. Warum Sex (wohlgemerkt nie zärtlicher, liebevoller, beidseitig befriedigender Sex) immer in einer Enttäuschung für sie endet. 
All das Selbstmitleid und die Suche nach Lebenssinn einer Enddreißigerin gipfelt schließlich vollkommen im Absurden, als sie einen attraktiven Meermann – ja, richtig gelesen – Meermann kennenlernt und sich in ihn verliebt. Glücklicherweise beginnt der Fischteil erst unter den wunderschön geformten Genitalien. Lobet den Herrn! 
Ich war fast ein wenig enttäuscht, dass die Autorin hier nicht noch ein paar Besonderheiten an diesem Fischmann gedichtet hat. Wie wäre es mit kleinen Flossen, die gezielt im Liebesspiel zum Einsatz kommen können?

Fazit

Auch die regelmäßigen Erwähnungen des altgriechischen Lyrikers Sappho oder antiker Sagen konnten diesem Buch nur bedingt den Anschein eines literarischen Werkes geben. Zu viele schlechte Sexszenen, absurde Fantasieelemente und eine vor Selbstmitleid vergehende Protagonistin haben mich nicht überzeugen können. 
Schade, denn die Autorin schreibt auch regelmäßig für Lena Dunhams berühmten feministischen Newsletter “Lenny Letter”. Da hatte ich eine weitaus aktivere, weniger sich von Männern abhängig machende Figur erwartet. So las sich das Buch eher wie eine erotische Fantasie für einsame Hausfrauen.

Eure Mareike

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Melissa Broder – Fische
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eva Bonné
Verlag: Ullstein
Gebunden, 352 Seiten, ca. 21 Euro

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2 Comments

  1. Jacquy says:

    Das klingt in der Tat ziemlich absurd, aber doch unterhaltsam. Zumindest die Rezension dazu ist es :)

    1. Mareike says:

      Dankeschön :)
      Ja, man muss es mit Humor nehmen.
      Viele Grüße
      Mareike

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