Draufsicht Roman Sieh mich an von Mareike Krügel

Mareike Krügel – Sieh mich an

Die meisten Romane beschreiben Frauen auf eine sehr bestimmte Art und Weise. Auf eine männliche Weise. Auch wenn die Romane selbst von Frauen verfasst wurden, ist die Tonalität ziemlich häufig eine, die sich an einem männlichen Wertekanon orientiert: emotionale, gern zarte bis sinnliche Figuren schlängeln sich durch Handlungen, die sich spannend und doch immer fremd anfühlen. Natürlich: Wir lesen schließlich auch, um uns in andere Welten, in andere Geschichten zu katapultieren. 
Doch meist bleibt ein Teil von mir zurück. Dass ein Roman mich tatsächlich in der Hinsicht überraschen, ja begeistern kann, habe ich lange nicht gedacht. Es ist der hochdotierte Debütroman meiner Namensvetterin Mareike Krügel, der mir wieder die Hoffnung in neue, moderne literarische Wege gibt: „Sieh mich an“.

„Sieh mich an“ – ein Hilferuf und ein Kampfschrei

Die Protagonistin Katharina lässt uns einen Tag lang an ihrem Leben teilhaben. Dieses Leben ist laut, turbulent, voller Unfälle und dieser Tag vor allem eins: fast wie jeder andere. Doch nur fast, denn Katharina hat etwas entdeckt. Dieses Etwas sitzt in ihrer Brust und sie muss an ihre Mutter denken, die an einem ähnlichen Etwas gestorben ist. Aber das Leben hält nicht einfach an, nur weil man einen schrecklichen Verdacht hat. Das Leben einer mehrfachen Mutter in den Dreißigern, die zwischen Beruf, SMS vom abwesenden Ehemann und Haushalt von einem Krisenherd an den nächsten gerufen wird, hat schlicht keine Zeit für Sorgen oder genauere Betrachtungen. Sie muss funktionieren. Die Tochter hat mal wieder so lange an der Nase gedrückt, bis sie in nahezu sadistischer Freude das Schulgebäude mit roten Flecken verziert hat, während anstrengende Eltern aus ihren Musikfrüherziehungskursen eine Sonderbehandlung ihrer kleinen Genies einfordern. Dann ist da noch der transsexuelle Nachbar, der mit seinem homosexuellen Partner verzweifelt den vom gepimpten Rasenmäher abgesägten Daumen sucht. Natürlich geben in diesem Moment auch noch Küchengeräte den Geist auf, Expartner tauchen auf und über allem schwebt die Frage, ob ihre Ehe überhaupt noch existiert. 

Atemlos hetzt man von einer kleinen Alltagskatastrophe in die nächste. Die Genialität liegt im Tempo dieses Romans. Die Handlung spielt an einem Tag, nahezu in Echtzeit verfolgt man die Ereignisse. Durch die dichte Aneinanderreihung von Ereignissen wird man einfach mitgerissen. Ich mochte das Buch kaum aus der Hand legen. Zu sehr lässt einem die Geschichte von Katharina, die so auch in meiner Nachbarschaft leben könnte, nicht mehr los. In kurzen Rückblenden erfährt man mehr über ihre Beziehung zu ihren Eltern, den Tod ihrer Mutter und vor allem über die vielschichtige Beziehung zu ihrem Mann, der nach fast einem Jahr selbstgewählter Isolation im Arbeitszimmer einen Job in Berlin annimmt – weit weg von seiner Familie. 
Die Interpretationen seines Verhaltens können vielfältig sein, und so ändert sich auch im Laufe ihres Tages ihre Einstellung zu ihrer Ehe. Und dann wird daraus plötzlich ein verrückter Roadtrip.

Fazit|

Ein Roman, der wohl jeder Menge Frauen aus der Seele spricht: 
Leichtfüßig tänzelt Katharina in diesem atemberaubenden Roman dicht am Abgrund entlang. Nur eine Kleinigkeit, ein falscher Schritt, und sie stürzt für immer ins Chaos. Ein Gefühl, das unsere Zeit und unsere Lebensgeschwindigkeit perfekt einfängt. All die Sehnsüchte nach Hygge, Achtsamkeit und Entschleunigung resultieren genau aus diesem Gefühl. Und doch zeigt Mareike Krügel einen neuen Weg aus dem Alltagskarussell: Ein Kampfschrei, eine Bitte und ein Mantra an sich selbst: Sieh mich an!

Eure Mareike

Mareike Krügel – Sieh mich an 
Verlag: Piper 
Gebunden, 256 Seiten, ca. 20 €

MerkenMerken

MerkenMerken

 

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

6 Kommentare

  • Antworten fruehlingsmaerchen 8. Oktober 2017 um 19:54

    Wow, eine wirklich wahnsinnig tolle Rezension zu dem Buch! Ich habe es auch noch im Regal zu stehen und will es wirklich bald lesen, weil bisher jeder so begeistert davon spricht.
    Viele liebe Grüße
    Liesa

    • Antworten Mareike 8. Oktober 2017 um 20:52

      Liebe Liesa,
      vielen Dank! <3
      Du wirst es ziemlich schnell durchlesen, denn man kann es nicht wirklich aus der Hand legen.

      Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten schonhalbelf 8. Oktober 2017 um 20:25

    Ich mag es auch sehr gerne und habe es wirklich in Rekordtempo gelesen, weil ich einfach nicht aufhören konnte.

    • Antworten Mareike 8. Oktober 2017 um 20:51

      Ja, oder? Dass ein Roman so viel Fahrt aufnimmt, hatte ich lange nicht mehr.

  • Antworten Brigitte "Bücher-Spezial": Die besten Bücher des Jahres 2017 - Meine Highlights 31. Oktober 2017 um 17:30

    […] Herzpotenzial und Leseschatz haben dieses Buch bereits besprochen und ich bin sehr gespannt darauf es selbst zu lesen. […]

  • Antworten Sieh mich an von Mareike Krügel | Lovely Mix 9. Dezember 2017 um 15:16

    […] Herzpotenzial […]

  • Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: