Lucy Fricke – Töchter

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Betty ist eine ruhelose Seele. Als Journalistin kann sie dieser Rastlosigkeit wunderbar nachkommen: Sie reist. Dank der Aufträge nie ganz ziellos und doch lässt sie sich gern treiben. Liebt es, unverbindlichen Sex zu haben, in jeder Stadt findet sich eine einsame Seele. Sie ist routiniert im Schließen von kurzen Freundschaften. Es gibt wenige Konstanten in ihrem Leben. Eine davon ist ihre beste Freundin seit Studiumszeiten. Martha, die seit Jahren erfolglos versuchte ein Kind zu bekommen. Sie und ihr Mann Holger versuchten mit einer verzweifelten Routine endlich eine Familie zu werben: Arzttermine, Hormone, Sex, Arzttermine, Schwangerschaft, Arzttermine, noch mehr Hormone, Fehlgeburt und dann wieder zum Arzt. 
Diese beiden sehr unterschiedlichen Frauen verbindet aber eine recht ähnliche Kindheit und ein ähnlich schwieriges Verhältnis zu ihren Vätern. Spannend eigentlich, wenn man bedenkt, dass die beiden Frauen inzwischen um die Vierzig sind. Weit entfernt vom Abnabelungsprozess. Und doch scheinen die Väter präsenter als je zuvor im Leben der beiden zu sein.

Martha hat erst im späteren Erwachsenenleben eine Beziehung zu ihrem Vater aufbauen können. In ihrer Kindheit glänzte er durch Abwesenheit. Erst in den letzten Jahren seines Lebens, er ist schwer erkrankt und entdeckt seine familiäre Seite. Martha kümmert sich vermehrt um ihn, während ihre Mutter sie für bescheuert erklärt. Als er sie bittet, ihn in die Schweiz zur Sterbehilfe zu fahren, ruft sie sofort Betty zur Hilfe. Sie weiß, dass sie diese Reise nicht ohne ihre Freundin antreten kann. Doch diese sitzt gerade in Rom und hadert mit sich: Endlich will sie das Grab ihres Ziehvaters Ernesto besuchen. 

Dankbar für die Ablenkung folgt Betty der Bitte und es folgt ein teilweise rasanter Roadtrip quer durch Europa: Schweiz, Italien, Griechenland. So viel sei verraten: Es kommt zu einer Flucht, einer Grabschändung und eine Mordwaffe spielt ebenfalls eine Rolle. 

Und genau das ist das besondere an diesem Roman: Hier wird nicht das Leben zweier Frauen und hier Vielfalt an unterschiedlichen Rollen beschrieben. Es geht nicht um Marthas Versuche, ein Kind zu bekommen. Es geht nicht um Bettys Suche nach einem Anker in ihrem Leben. Es geht um ihre Beziehungen zu ihren Vätern und wie diese sie sie jeweils geprägt haben. 

“Mütter waren seltsam, besonders für uns, die wir sie ständig auch als Exfrauen erlebten, in einer endlich scheiternden Beziehung mit unseren Vätern. Wir hatten zwei Menschen aneinandergekettet, die ohne uns seit über dreißig Jahren kein Wort miteinander gewechselt hätten, und das zu Recht.” S.99

Mit einem sehr klugen und süffisanten Ton erzählt Betty von sich und ihrer besten Freundin, schonungslos und mit etlichen zitatreifen Sätzen. Der Stil ist voller überraschender Sprachbilder, die einfach Spaß machen und die manchmal etwas harten Offenbarungen von Betty auffangen. Lucy Fricke ist es gelungen, meinen Blick auf das Verhältnis von Vätern und Töchter zu verändern. Vor allem aber auf die Belastung und Verpflichtung, die Trennungskinder wohl fühlen müssen. Ich habe mir etliche Sätze angestrichen – entweder wegen ihrer sprachlichen Eleganz oder aber, weil sie mich noch lange zum Nachdenken gebracht haben. 

Fazit
Töchter von Lucy Fricke ist eine bildrauschende, skurrile, feinsinnige Road Novel, das sich nicht zu schade ist, auch einmal mit dem Holzhammer zu hantieren. Der Roadtrip von Betty und Martha sowie deren sterbenden Vater Kurt ist eine Geschichte, die so noch nicht erzählt wurde. Eine Geschichte, die von nachdenklich über leise traurig bis absurd komisch in wenigen aufeinanderfolgenden Sätzen schwankt – wie das Leben. Ein Roman, der mir sehr gut gefallen hat. 

Eure Mareike


Lucy Fricke – Töchter
Verlag: Rowohlt
Gebunden, 240 Seiten, ca. 20 Euro

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