Lempi, die Ewig-Abwesende

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Der Roman Lempi das heißt Liebe auf einer grauen Decke

Das Gefühl der Unschärfe, wenn man etwas flüchtig aus den Augenwinkeln sieht; wenn etwas stets am Rande des eigenen Sichtfeldes bewegt und man den Kopf nie schnell genug in die richtige Richtung dreht. Dieses frustrierende Gefühl von vergeblicher Anstrengung kennen besonders auch Brillenträger, wenn die Augen nicht das machen, was man sich wünscht. Man sieht die Formen und Größe, erahnt Farben und doch fehlt ein letztes bisschen, ein My Verschiebung der Wahrnehmung um das Bild klar zu sehen. 
Genau dieses Gefühl der Unschärfe fängt Mina Rytisalo in ihrem Debüt “Lempi, das heißt Liebe” auf genauso zarte wie grausame Weise ein. Man begibt sich mit der ersten Seite auf die Suche nach Lempi, der wunderschönen Bauersfrau und findet doch nur Annäherungen an sie.

Lempi ist das altfinnische Wort für Liebe und genau das verkörpert die schöne Frau für den jungen Bauern Viljami, als er sie trifft: Sie ist die pure, unverfälschte Liebe. Doch als er aus dem zweiten Weltkrieg zu seinem Hof zurückkehrt, ist sie verschwunden. Ihn erwarten dort nur die Dienstmagd und die beiden Kinder. Seine große Liebe ist spurlos verschwunden. Gerüchte erzählen von einem Nazi, in dessen Wagen sie davon fuhr. Doch das sind Mutmaßungen, wie alles über Lempi.
Man lernt nach und nach die Figuren in ihrem Leben kennen: ihren jungen Mann, ein einfacher Bauer, der weit abseits des Dorfes lebt. Er ist bei weitem nicht so gebildet wie sie, kommt aus einfachen Verhältnissen und hat keine großen Ambitionen. Sie ist die Tochter eines reichen Kaufmanns, der ihr alle Bildung zuteil werden lässt. Man vermutet, dass sie wie ihre Zwillingsschwester in die Großstadt gehen wird, eine Ausbildung oder gar ein Studium beginnen wird. Sie überrascht alle, als sie den einsiedlerischen Bauern heiratet. Sie kennt ihn kaum. Doch er liebt aufrichtig, pur. Seine Lempi ist für ihn eine ätherische Heiligenfigur, fehler- und makellos.

Der Roman Lempi das heißt Liebe neben Notizbüchern auf einem Bücherstapel

Nach und nach zeigen sich aber andere Facetten Lempis und mit ihnen auch andere Formen von Liebe. Der Liebe von zwei (Zwillings-)Schwestern, füreinander oder die Liebe und Treue einer Dienstmagd für ihren Herren. 
Wer nie zu Wort kommt ist Lempi selbst. Lempi, die Schöne, die Stolze und Eigenwillige.

Minna Rytisalo erzählt in ihrem Debüt auf sehr spannende und behutsame Weise von einer Frau in der finnischen Einsamkeit, umkreist sie erzählerisch und entlarvt zugleich die Funktion, die eine schöne Frau oft hat: die Projektionsfläche der Gefühle der anderen. Dass sie ihre Titelfigur nie zu Wort kommen lässt, ist überraschend radikal und zugleich tragisch konsequent. So war es doch oft das Schicksal solch schöner, fleißiger und angepasster Frauen, schlussendlich nie wirklich gehört zu werden. 

Der Roman enthält aber noch eine weitere, für deutsche Leser überraschende Ebene. Er erzählt von dem ambivalenten Verhältnis der Finnen zu den Nazi-Deutschen während des Zweiten Weltkriegs. Von der Zusammenarbeit, von der freundlichen Aufnahme der Rassisten bis hin zum schließlichen Bruch und der damit verbundenen Feindschaft. 
Eine Perspektive, die mir bis dato vollkommen unbekannt war und erst durch das Nachwort der Übersetzerin im größeren Kontext einzuordnen war.



Fazit

Der Roman “Lempi, das heißt Liebe” kommt so klein und zart daher und enthält zugleich so viel Faszinierendes. Ein Debüt, das kunstvoll von einem Schicksal und zugleich von einem ganzen Land erzählt, ohne dabei je den Fokus, genauer gesagt: die Präzision der Unschärfe, nie verliert.


Minna Rytisalo – Lempi, das heißt Liebe
Aus dem Finnischen Elina Kritzokat, mit einem Nachwort von Elina Kritzokat
Verlag: Hanser
Gebunden, 224 Seiten



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