Laetitia Colombani – Der Zopf

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Das Haar übt seit Jahrtausenden eine Faszination aus. Bereits in der Antike spielte Länge und Fülle des Haares eine wichtige Rolle bei der Selbstdarstellung. Griechische wie germanische Krieger waren stolz auf ihre langen Mähnen. Lange, glänzende Zöpfe, gepflegt mit teuren Ölen, waren ein offensichtliches Zeichen von reichen Frauen. 
Glatzen und kehlgeschorene Köpfe hingegen waren Zeichen von Armut oder aber Demut. So viele Priester- und Mönchskasten, die ihre Bescheidenheit in ihrer Haarlosigkeit zeigt. Trauernde Witwen rasierten sich zum Zeichen des Verlustes ebenfalls schon in der Antike die Köpfe. Während die wohlhabenden Ägypter sich bereits in frühsten Dynastien auf das Knüpfen von wunderschönen Perücken verstanden, um den lästigen Läusen ein Schnippchen zu schlagen. 
Die Kulturgeschichte des Haares (und jetzt nur bezogen auf das Haupthaar) ist so reichhaltig und durch alle Jahrhunderte und über alle Kulturkreise hinweg vielfältig und symbolbeladen. Wäre die Kopftuchdebatte ebenfalls eine so heftige, wenn es um Gürtel oder Handschuhe gehen würde? So oder so: Das Haar ist faszinierend.

Und die Faszination und Macht, die es hat, verbindet uns rund um den Erdball. Das perfekte Leitmotiv für einen guten Roman also. Das dachte sich auch Laetitia Colombani, eine französische Schauspielerin und Regisseurin, die mit “Der Zopf” ihren ersten Roman veröffentlicht. 

Sie verbindet mit einem Zopf drei Frauenschicksale, die kaum unterschiedlicher zu sein scheinen. Auf der einen Seite finden wir die kanadische Erfolgsanwältin Sarah, die sich nach zwei gescheiterten Ehen voll auf ihre Karriere in einer sehr renommierten Anwaltskanzlei fokussiert. Sie trennt ihr Leben klar in zwei Bereiche: Der Beruf kommt zuerst und dann ihre drei Kinder, die mehrheitlich von anderen betreut werden. Doch ihr Weg an die Spitze der Kanzlei erhält eine plötzliche Ausbremsung durch die Diagnose Brustkrebs. Plötzlich sieht sie sich, immer perfekt und leistungsstark, mit dem Stigma Krankheit behaftet. 
Auch Smita, eine junge indische Mutter aus der Kaste der Unberührbaren hat mit ihrem Stigma zu kämpfen. Zwar ist ihre Kaste offiziell nicht mehr existent, doch sieht das Leben auf den Dörfern in der indischen Provinz noch aus wie in den Jahrhunderten davor. Statt Toiletten oder fließend Wasser sammeln Frauen wie Smita mit bloßen Händen die Exkremente der höherrangigen Nachbarn auf. Smita will ihrer Tochter dieses Schicksal ersparen und erkämpft ihr einen Platz an der Dorfschule, ohne über die Folgen nachzudenken. 
Ebenfalls recht unbedarft geht die italienische Guilia vor, als sie sich in einen indischen Einwanderer aus der Sinhk-Kaste verliebt und mit ihm eine Affäre beginnt. Vielleicht auch, um der Enge des kleinen Familienbetriebs, einer traditionellen Perückenfabrik in Sizilien zu entkommen. Dann erleidet ihr Vater einen Unfall und plötzlich stellt sich alles in einem neuen Licht dar.

Dieses Buch verbindet auf sehr elegant verwobene Weise die Schicksale dieser drei Frauen zu einem vielfältigen Bild der modernen Frau weltweit. Es zeigt indische Dörfer, in denen Frauen nach dem Tod ihres Mannes nichts mehr wert sind. Aber auch religiöse Vorbehalte gegenüber jungen Mädchen und auf der anderen Seite Frauen, die für eine Karriere bis an ihre körperlichen Grenzen gehen müssen und dafür die eigenen Kinder zurücklassen müssen. 
Ein Roman über Selbstbehauptung, den täglichen Kampf gegen alte Wege und Ängste, aber auch über drei unglaublich starke Frauen, die ihre eigenen Leben leben und dadurch ihre Welt verändern wollen. 

Fazit

Laetitia schlägt einen leichten, manchmal etwas simplen Ton an. Die Sätze sind kurz und schlicht. Dadurch merkt man gar nicht, wie schnell man durch die Seiten fliegt. Jedes Kapitel endet so, dass man stets auf eine Geduldsprobe gestellt wird, weil zunächst wieder die Geschichten der anderen beiden Frauen erzählt werden. Geduldig, wie ein in sich geflochtener Zopf wird Strang für Strang gleichmäßig ineinander verwoben, um am Ende zu einem schönen, berührenden Gesamtwerk zu werden. 

Die Filmrechte von “Der Zopf” sind bereits verkauft und mich wundert es nicht. Die Geschichte bietet sich absolut für eine filmische Umsetzung an. Ich bin schon gespannt darauf.

Eure Mareike


Laetitia Colombani – Der Zopf
Übersetzt von: Claudia Marquardt
Verlag: Fischer
Gebunden, 228 Seiten, 20,00 €

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