Königskinder – Alex Capus. Ein Geschichtenerzähler erreicht einen neuen Höhepunkt

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Der neue Roman von Alex Capus heißt “Königskinder” und erzählt auf sehr verschlungene, meisterhafte Art von einem Greyerzer Hirtenjungen, der über Umwege am Hofe Ludwigs XVI. landet – am Vorabend der Französischen Revolution. Faszinierend dabei: Diese Geschichte ist wahr.

Ich habe bereits einige Romane von Alex Capus gelesen: Leon und Louise habe ich sehr gemocht, fand die Handlung aber etwas seicht. “Das Leben ist gut” erzählte mir zu sehr das Leben des Autors selbst ohne wirklich Spannung aufkommen zu lassen.

Welches Buch mich jedoch wider Erwarten regelrecht fesselte, war “Reisen im Licht der Sterne”. Hier verfolgt Capus mit der akribischen Genauigkeit eines Schatzsuchers jede Spur rund um die Theorie, dass Robert Louis Stevenson selbst die Schatzinsel, die er in seinem Roman verewigte, fand und dadurch unermesslich reich wurde. Es gibt einige Gerüchte und verstreute Hinweise, die darauf hindeuten. Aus diesen webt Alex Capus eine so fesselnde Geschichte, in der sich Fakten und Fiktion gekonnt mischen, dass man sie nur zu gern glauben wollte.

Wie eine Erzähler aus dem Orient

In diesem Roman merkte man: Hier liegt seine große Stärke. Akribische Recherche, wahre Ereignisse und eine so elegant darum verwobene Geschichte, dass die Grenzen von Wahrheit und Fiktion verschwimmen. Und der Leser diesen Moment des Rätselns und Zweifelns so sehr genießt, dass man einfach alles für möglich hält! Das ist die Gabe eines großen Geschichtenerzählers. Schaut man in den orientalischen Raum, ist es ein typisches Muster der alten Märchen und Erzählungen, dass man stets an der Grenze zur Realität bleibt und von da aus elegant in die Welt der Fantasie tänzelt. Typische Geschichten begannen dort mit: “Schaut her: Dort wohnte einst ein Mann…”

Genau dieser Muster bedient sich auch Capus. Er nutzt einen Erzähler aus der Gegenwart, der zusammen mit einer zweifelnden Zuhörerin geschickt durch die Geschichte führt. Das Paar sind Mann und Frau. Max und Tina sind mit ihrem Wagen auf einem Alpenpass eingeschneit und müssen sich die Zeit vertreiben, bis Rettung naht. 
Glücklicherweise kennt Max eine gute Geschichte, denn er weiß, wer früher in der kleinen Hirtenhütte direkt gegenüber vor über 250 Jahren wohnte(Erzählmuster!): Ein einfacher Hirte namens Jakob Boschung, der einige Berühmtheit erlangte, als er am französischen Hof arbeitete. 

Tina glaubt Max natürlich kein Wort – zu groß ist der Zufall und zu genau sind die Details. Woher will Max wissen, dass der Jakob wirklich tiefsinnige braune Augen hatte? “Ist das wichtig, ob es wahr ist?”, fragt er sie. Und natürlich ist es nicht wichtig. Und doch hat Max erst kürzlich die Musterungsunterlagen gelesen, als Jakob als Söldner anheuerte. Braun waren sie tatsächlich! 

All diese Einschübe und Zweifel von Tina geben der Geschichte um den Hirten Jakob und seiner tragischen Liebe zur reichen Großbauertochter einen besonderen Twist. Sie reagiert mal ironisch, mal kritisch und holt dadurch die moderne Sichtweise in die Erzählung. Dadurch driftet die Erzählung nie ins Kitschige oder Profane ab. Im Gegenteil: Tina ist das Element der Vernunft. Sie folgt der Geschichte mit einer gewissen Skepsis und lässt sich doch zugleich auf die Erzählung ein, fragt nach mehr Details oder genaueren Erklärungen zum historischen Hintergrund. 

Ich habe das Buch auf einer längeren Autostrecke meinem Mann vorgelesen. Und spannenderweise hakte er immer genau an der Stelle ein, an der sich dann auch Tina kurz darauf zu Wort meldete. So unterbrachen wir oft die Lektüre, um mit Wikipedia die ersten bemannten Flüge am französischen Hof nachzulesen, nur um dann im nächsten Moment von Max genau das auch erzählt zu bekommen. 

Diese Autofahrt war eine der schönsten, die ich je hatte. Wir fühlten uns zeitweise, als würden wir gemeinsam mit Tina und Max im Schnee feststecken, obwohl wir gerade die sonnige Straße entlangfuhren. Wir fieberten mit Jakob mit, hatten Angst um ihn und seine große Liebe und hofften, dass sie von der Französischen Revolution verschont bleiben würden. 

Fazit 

Als ich “Königkinder” zuschlug, war ich seltsam ruhig und beseelt. Es hatte mir wieder ins Gedächtnis gerufen, warum ich Bücher so liebe: Wegen der Kunst, mit Fantasie und schönen Worten etwas zu schaffen, was größer ist als reine Fakten und Realität. 

Dieses Buch ist – auch, wenn ich dafür Klischees verwenden muss – ein kleiner Schatz, ein Hauch von Zauber. 

Eure Mareike


Alex Capus – Königskinder
Verlag: Hanser
Gebunden, 176 Seiten

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