Klaus Modick – Keyserlings Geheimnis

Posted on
Klaus Modick Keyserlings Geheimnis neben Hyazinthe und Teelicht

Eduard von Keyserling hat ein paar der schönsten Novellen des 20. Jahrhunderts geschrieben. Zart, blumig und mit einem Hauch von Vergänglichkeit erzählt er vom Adel in seiner baltischen Heimat. Ein Adel, der bereits zu seiner Lebzeit nur noch die Fassade von Bedeutung aufrecht erhielt. Die Beschreibungen seiner Schlösser und Landschaften brachten ihm den Ruf als Impressionist der Literatur ein. Und wenn mich jemand fragt, welches seiner Werke ich empfehlen würde, kann ich mich nur schwer entscheiden. 

Natürlich war ich Feuer und Flamme, als ich den neuen Roman von Klaus Modick mit dem Titel “Keyserlings Geheimnis” entdeckte. Denn über den baltischen Grafen ist wenig bekannt. Es gibt ein recht bekanntes Porträt von Lovis Corinth, das ihn in einer eindringlichen Hässlichkeit zeigt, die in der Wissenschaft gern als metaphorische Kehrseite seiner so bestechend schönen Literatur bemüht wird. 
Dieses Porträt spielt in Modicks Roman eine nicht unbedeutende Rolle. Doch geht es auch um die geheimnisumwobene Vergangenheit des stillen Mannes, der sich in der Münchner Literaturszene einen Namen macht. Er lässt seine Werke für sich sprechen und schweigt selbst über seine Vergangenheit. 
Diese Leerstellen im Leben Keyserlings füllt Klaus Modick nun mit einer farbenprächtigen und melancholischen Geschichte, die selbst wie eine keyserling’sche Novelle anmutet. Mit einer eleganten Mischung aus humorvollen und melancholischen Begegnungen wird der Weg vom väterlichen Gut in die bayrische Großstadt erzählt. Die körperliche Schwäche, sein sensibles Gespür für Stimmungen und sein Wunsch nach künstlerischen Aufgaben steht im scharfen Kontrast zu der körperlichen Arbeit auf den Feldern des Gutes, zu den Verwaltungsaufgaben, die täglich in einer Grafschaft anfallen. Hier herrscht ein kühler Pragmatismus, dem der junge Eduard entfliehen will. Doch nicht nur das, sondern auch einige Verwicklungen und ein Skandal bewegen ihn schließlich zur Flucht nach Deutschland. 
Hier will er neu beginnen und doch lässt ihn die alte Heimat nicht los. Die Liebe und die Sehnsucht an seine Heimat verklären und verdichten sich schließlich in seinen Romanen voll zarter, weißgewandeter Prinzessinnen, wortkarger, schüchterner Herren und Schlössern in schönsten Landschaften. 

Biographische Fiktion

Klaus Modick gelingt es, dass ich immer wieder innehielt und ich im Netz nach Antworten suchte: Wieviel Wahrheit steckt in seiner Fiktion? Wo beginnt die Fantasie und was ist durch Fakten belegt? Obwohl ich mich jahrelang auch wissenschaftlich mit dem Leben von Eduard von Keyserling beschäftigt habe, kann ich es nicht mit Sicherheit sagen. Ich möchte es aber auch gar nicht. Es ist viel zu schön zu glauben, dass dieser brillante, heute kaum mehr bekannte Schriftsteller ein solch bewegtes Leben hatte. Die Begegnungen und Beobachtungen, die Keyserling in diesem Roman macht, decken sich teilweise mit Stellen aus den Originaltexten. Die Anspielungen sind so zahlreich und mühelos in die Handlung eingeflochten, dass man es für absolut glaubhaft hält, dass es sich so zugetragen hat. 

Genau das macht diesen Roman für mich so lesenswert: Er verknüpft so mühelos und mit viel Witz Versatzstücke aus dem Werk Keyserlings und lässt sie Teil des Romans werden. Zugleich übernimmt Modick Elemente aus Beschreibungs- und Erzählstil des Meisters und bringt sie in eine moderne, sehr flüssig lesbare Form. 
Sprich: Man muss kein Keyserling-Fan-Girl sein (wie ich), um ein paar sehr schöne Stunden mit einem heiter-melancholischen Roman zu haben, der in den 20er, 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielt. Im Gegenteil bin ich davon überzeugt, dass man nach diesem Roman ganz dringend ein paar seiner Novellen lesen möchte. Aber das solltet ihr sowieso dringend tun. 

Eure Mareike


Klaus Modick – Keyserlings Geheimnis
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Gebunden, 240 Seiten, ca. 20 Euro 

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

0 Comments

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: