KINDERHERZPOTENZIAL| Lernt Hilda kennen!

Posted on

Das Goldkind macht gerade seine ersten Schritte Richtung Selbstlesen. Die ersten Leselernbücher hat sie bereits durch. Doch so richtig begeistern konnten diese sie nicht. Ich verstehe gut, was sie meint, doch darüber werde ich bald nochmal ausführlicher schreiben.  Das Lesenlernen ist komplex und anstrengend.

Darum habe ich mich daran erinnert, was mir damals besonders viel Freude gemacht hat: Comics! Mein erstes Taschengeld ging für die wöchentliche Ausgabe der Micky Maus drauf. Ich mochte das Gefühl, mit meinen Eltern am Wochenende am Frühstückstisch zu sitzen und zu “lesen”. Mein Vater mit seiner Zeitung, meine Mutter mit ihrem neusten Roman und ich mit meiner Zeitschrift. Zu Beginn habe ich versucht, mir die Geschichte aus den Bildern zu erschließen. Nach und nach kamen die Sprechblasen hinzu. 

Aber will ich wirklich, dass sie mit Figuren aufwächst, in denen die weiblichen Figuren eigentlich immer nur auf die männlichen antworten? Wo ihr einziges Merkmal ist, dass sie zickig sind oder entführt werden? Ich will dem Micky Maus-Universum nicht Unrecht tun, vielleicht hat sich da in den letzten Jahren etwas getan. Aber bisher hat das Goldkind wenig Interesse an den Figuren gezeigt. Dann doch lieber ein Comic mit einem kleinen Mädchen als Heldin! 

Ihr wisst, dass ich stets auf der Suche bin nach solchen Rolemodels für junge Mädchen. Die mutig, klug und neugierig die Welt entdecken. Und zwar eine vielfältige, fantasievolle Welt abseits von Schlössern und Reiterhöfen. 

Hilda ist ein aufgewecktes Mädchen, das mit ihrer Mutter in einem Häuschen mitten in einem wundersamen Tal lebt. Hier trifft man Wassergeister, Riesen und andere wundersame Wesen. Wenn man nicht aufpasst, schlüpft das traurig wirkende Holzmännchen herein und legt sich vor den Kamin. Immerhin bringt es Holz mit – aber ein wenig seltsam findet Helga es schon. Das blauhaarige Mädchen liebt es zu zeichnen, wie ihre Mutter, und geht gern auf Entdeckungstour durch den nahe gelegenen Wald. 

Mal entdeckt sie dabei versteinerte Trolle oder eben verirrte Wassergeister. Stets begleitet von ihrem Hörnchen (ein weißes Fuchshörnchen), das sie beschützt wie ein treuer Hund. 

Besonders schön finde ich, dass Hilda mal mutig, mal laut, mal schlau ist und dann doch wieder ungeschickt und voller Ängste. Ihre Geschichten handeln fast immer davon, dass sie sich ihren Ängsten stellen muss und es eine Erklärung gibt, warum das Verhalten der Wesen bedrohlich oder gefährlich wirkt. 

Aktuell besitzen wir vier Bände der Hilda-Reihe. 
Im ersten Band: “Hilda und der Troll” geht sie gemeinsam mit Hörnchen im Wald auf die Suche nach versteinerten Trollen. Sie hat gelesen, dass man ihnen eine Glocke an die Nase binden soll – doch damit beginnt das Chaos. 
Im zweiten Band: “Hilda und der Mitternachtsriese” bekommen Hilda und ihre Mutter täglich winzigkleine Drohbriefe von einem unsichtbaren Elfenvolk. Denn ungünstigerweise steht ihr Haus genau in einem derer Dörfer und sie trampeln damit ständig auf den Elfenhäusern herum, ohne es zu merken. Gleichzeitig taucht jede Nacht ein Riese auf, der etwas zu suchen scheint. Müssen sie ihr geliebtes Tal jetzt wirklich verlassen?
In den weiteren Bänden geht Hilda zu den Pfadfindern, lernt die Nissen kennen und begibt sich mit ihrer Mutter in den Steinwald. 
Die Welt von Hilda und ihrer Mutter ist voller mystischer, typisch skandinavischer Wesen. Die Geschichten sind farbenfroh und schwanken stets zwischen Spannung und Komik. Mal erscheint einem alles absolut unheimlich, nur um im nächsten Moment einen surreal lustigen Sinn zu ergeben. 

Die Geschichten sind klug und einzigartig. Sie erzählen in einer schönen Mischung aus Bild und Text ihre Geschichten. Manchmal wird über eine ganze Seite nicht gesprochen. Den Bildern, der Natur und vor allem den Reaktionen der Figuren wird viel Raum gegeben. So ergibt sich eine spannende Mischung aus textlastigen Passagen, in denen man länger verweilen muss, und kurzen, spannungsgeladenen Seiten, in denen die Bilder rasant die Handlung vorantreiben. 

Ist Hilda eine Geschichte für Kinder? Absolut! Doch ausschließlich? Auf keinen Fall! Viel zu detailverliebt, fantasievoll und mit ironisch-trockenem Humor sind diese Geschichten um eine kleine neugierige Heldin und ihre Freunde. 

Die Comics gibt es zum einen in einer klassischen Paperback-Version und dann noch in einer wunderschönen, sehr wertigen halbleinenen Hardcover-Version, die ich besonders mag. Bei meinem Vater standen früher die gebundenen Asterix-Comics. Bei uns stehen nun einige Bände von Hilda. Ein besseres Symbol für einen Generationswechsel könnte es für mich nicht geben: Wir wohnen hier oben im Norden und sind den skandinavischen Ländern und ihren Mythen weitaus näher. Für uns ist eine junge Mutter mit ihrer klugen Tochter, die naturverbunden und bibliophil leben sehr viel schneller ans Herz gewachsen als es ein paar ältere Herren, die Römer verprügeln können. 
Die Comics von Hilda fühlen sich sehr modern (inhaltlich) und zugleich nostalgisch an. Die konsequente Farbgestaltung, die weichen Zeichnungen und die fantastische Fabelwesenwelt erinnern vielleicht etwas an die Moomins und ihre süßen Abenteuer. 
Doch Hilda ist uns näher. Das kleine, wache Mädchen, das sich mit jedem noch so fantastischen Wesen anfreunden kann und das Treiben der Menschen eher etwas skeptisch betrachtet. Ja, eine gewisse Ähnlichkeit zu meinem Goldkind kann ich nicht leugnen – auch wenn die Hamburger Fabeltierwelt noch nicht bei uns angeklopft hat. 


Ein Glück, dass es für jeden die richtigen Comics gibt. Dass es dank kleiner, engagierter Verlage wie dem Reprodukt Verlag heute eine größere Vielfalt auf dem Comicmarkt gibt als noch vor 20 Jahren in meiner Kindheit, freut mich sehr. Asterix und Micky Maus konnten sie nicht packen. Doch Hilda war Liebe auf den ersten Blick. Für das Goldkind konnte ich mir keinen besseren Start in die Welt der Comics wünschen. 

Und weil sich auch die Welt des Fernsehens wandelt, gibt es die erste Staffel von “Hilda” inzwischen als Netflix-Produktion. Wir sind eher mit Vorsicht und geringen Erwartungen an die Verfilmung herangegangen. Gewöhnlich sind solche Adaptionen mit vielen Änderungen Richtung Massentauglichkeit verbunden. Doch hier hat uns Netflix überrascht: Die animierte Hilda, ihre Abenteuer und selbst die sehr ungewöhnliche Farbgestaltung sind nahezu perfekt aus den Heften übernommen worden. Sie bilden sogar die ideale Ergänzung und Vertiefung zu den Comics. Kann es wirklich sein, dass hier ein medialer Wandel einsetzt? Traut man dem heutigen Fernsehpublikum tatsächlich anspruchsvolle, ungewöhnliche Geschichten zu, die nicht nach gewohnten Sehmustern erzählt werden?

Wir haben die erste Staffel mit großer Begeisterung gesehen und die Comics haben einen Ehrenplatz im Kinderzimmer bekommen. Schaut einfach mal in die erste Folge auf Netflix rein, um euch ein Bild zu machen. Wenn ihr danach Lust auf weitere Abenteuer mit Hilda, ihrem Hörnchen und all den magischen Trollen, Feen und Holzmännchen habt, dann erwarten euch liebevoll gestaltete Comics.

Eure Mareike


Luke Pearson – Hilda (div. Bände)
Aus dem Englischen von Matthias Wieland
Handlettering von Michael Hau
Verlag: Reprodukt
Teilweise als Softcover und Hardcover erhältlich.
Ca. 36 Seiten, farbige Innenseiten

  • Share

2 Comments

  1. Tina says:

    Was für ein toller Beitrag! Ich bin tatsächlich erst über Netflix auf Hilda gestoßen und weil ich die Serie so wunderbar fand, zog bei mir auch gleich das erste Buch ein. (Die Comics erscheinen jetzt auch als “Novellierung” – heißt das so? Also ein Comic als 200 Seiten Buch mit sehr tollen Illustrationen. Im Januar gibt’s Band 2!) Ich kann es kaum erwarten, mehr von Hilda zu sehen/zu lesen!

    Liebe Grüße,

    Tina

  2. Ann Vasz says:

    Tolle Rezension! Ich will Hilda!

Leave a comment

Your email address will not be published.

Bitte erklär dich damit einverstanden, dass deine Daten einzig für den Zweck des Kommentarschreibens in unserem System gespeichert werden.