Kerstin Wacker – Herr Katz, Isolde und ich

Das Goldkind ist inzwischen in einem Alter, in dem sie ganz genau wissen möchte, wie Dinge funktionieren. Sie stellt uns regelmäßig Fragen über alles, was sie sieht oder hört. So kommt es vor, dass ich erklären muss, dass die Dinos vor dem zweiten Weltkrieg gelebt haben – und ja, Handys gab es damals auch nicht. Wälder müssen nicht abgesperrt werden – so groß ist die Gefahr vor bösen Hexen und mädchenfressenden Wölfen nicht mehr. Das Meer ist übrigens nicht durch einen offenen Wasserhahn entstanden und Tiere, die Winterschlaf halten verpassen leider Weihnachten. Nicht immer ist es ganz einfach diese Fragen zu beantworten – doch wenn ich es schaffe, nicht zu sehr kichern zu müssen, versuche ich es mit einer spannenden Geschichte. Lasse die Dinosaurier am Himmel einen Meteor entdecken (nein, Goldkind, nicht der selbe Stern, der bei Jesu Geburt…) oder erzähle ihr von den Förstern, die beim Prüfen der Waldbestände auch immer die verlassenen Hexenhäuser checken.
Geschichten machen Fakten und dröge Sachthemen lebendiger und wenn wir einmal ehrlich sind: Kaum etwas ist so lebendig wie die Gedankenwelt kleiner Kinder. So praktisch also Wissenbuchreihen wie „Was ist was“ „Wieso weshalb warum“ und wie sie alle heißen auch sind: Ich würde mir viel mehr Mut auf dem Buchmarkt wünschen, auch einmal Umwege bei der Wissensvermittlung zu gehen. Denken ist nunmal nicht linear und in der Schule werden noch oft genug genormte „Warum – Darum“-Lehrmethoden zur Wissensvermittlung eingesetzt, dass ich keine Lust habe, meinem Kind ebenfalls immer in den gleichen Schemata Dinge zu erklären.
Zum Glück gibt es mutige Menschen, wie Kerstin Wacker, die in ihrem kleinen Berliner Verlag „Wacker und Freunde“ ein Sachbuch herausgebracht hat, das weitaus mehr ist. In ihrem charmanten, bunten, wilden Bilderbuch „Herr Katz, Isolde und ich“ geht es um die Frage „Wie macht man eigentlich ein Buch?“.
Doch statt sich dieser Frage zu nähern, indem bei A wie Autor angefangen und bei Z wie Zeichnungen aufgehört wird, geht sie einen völlig anderen Weg.

Das Buch erzählt aus der Sicht der kleinen Amra, einem wilden sommersprossigen Lockenkopf von ihrer Vorfreude auf die Geburt ihres Cousins Thies. Zu seiner Geburt kommt ihr eine Idee: Sie beschließt sein erstes Lebensjahr in einem Buch festzuhalten, damit er später nachlesen kann, wie seine ersten Monate verlaufen. Sie macht Abdrücke von seinen kleinen, hält in Fotos und kleinen Anekdoten jeden kleinen und großen Meilenstein fest. So vergeht das erste Jahr und sie hat viel Material gesammelt. Ein solches Herzensprojekt möchte sie gern als richtiges Buch gedruckt haben. Nun stellt sich aber die Frage: Wie macht man eigentlich ein Buch? Amra macht sich bei Verwandten und den Freunden ihrer Eltern (Grafikerin, Redakteur, Illustratorin etc.) auf die Suche nach Antworten. Ganz nebenbei erfährt man etwas über das Lektorat, über Layout, Format und Gestaltung eines Buches. Amra begibt sich auf die Suche nach einer Druckerei und muss sich bald eingestehen, dass eine so kleine Auflage nicht ganz günstig ist. Welche Bindungsarten gibt es also? Wie bekommt man mit Taschengeld und Autoputzen genügend Geld zusammen?
Wacker_Katz_Isolde_Ich2Diese und viele weitere Fragen werden spannend, kreativ und immer sehr nah an der Realität von Kindern zwischen acht und zehn Jahren erklärt. Die Bilder sind bunt, mit unterschiedlichen Farben und Schriftgrößen werden wichtige Wörter im Text hervorgehoben und mit vielen lustigen, an Kinderzeichnungen erinnernde Kritzeleien aufgelockert.
Beim wiederholten Durchblättern viel mir auf, wie viel konkretes Wissen über das Büchermachen in dieser süßen Geschichte verpackt ist. Auf den ersten Blick fällt das nämlich nicht auf und allein das ist für mich ein riesiger Pluspunkt. Hier wird mit Witz und viel Liebe zu den Figuren und Details ein komplexes Thema kindergerecht aufbereitet ohne belehrenden Ton.
Im Gegenteil: Die persönliche Ansprache durch das Mädchen Amra holt ein Kind auf Augenhöhe ab und führt sie im leichten Erzählton durch die Geschichte.
Zugegeben: An manchen Stellen hätte ich mir ein wenig mehr Stringenz gewünscht. Ich bin der Meinung, dass ein ausführliches Spagetti-Rezept nicht unbedingt in dieses Buch gehörte. Für die Handlung hat es keine Funktion und es wirkt eher eingeschoben in die Geschichte rund um die Buchentstehung. Die Basteltipps für eigene Hefte mit Fadenbindung oder ein eigenes Lesezeichen zum Ausschneiden haben hingegen den Mittendrin-Charakter des Buchs wunderbar unterstrichen und waren thematisch stimmiger.

Fazit


Bei dem Buch „Herr Katz, Isolde und ich“ handelt es sich um eine mutige und kreative Umsetzung eines Sachbuchs für Kinder ab ca. sieben, acht Jahren. Ohne belehrenden Ton, aber dafür mit sehr viel Detailliebe und Spaß wird das Thema „Wie entsteht ein Buch“ erklärt. Ich hoffe sehr, dass es noch mehr Bücher in diesem Stil geben wird.

 

Eure Mareike


Kerstin Wacker – Herr Katz, Isolde und ich
Verlag: Wacker und Freunde
Gebunden, 56 Seiten, 19,95€

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