Kent Haruf – Lied der Weite

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Der Roman Lied der Weite von Kent Haruf neben einer Tulpenvase

Es gibt immer wieder Schriftsteller, deren Werk in sich eine durchgängige Komponente hat: E. A. Poe und Kafka mit ihren Ich-Erzählern, die überraschende Ähnlichkeiten mit den Autoren aufweisen, Thomas Hardys fiktives Wessex, das in all seinen Romanen auftaucht, oder John Fante, dessen Hauptfigur Arturo Bandini in all seinen Romanen die Hauptrolle spielt.
Ein weiterer Autor, dessen gesamtes Werk einen gemeinsamen Nenner aufweist, ist Kent Haruf. All seine sechs Romane spielen in der fiktiven amerikanischen Kleinstadt Holt – und das macht den besonderen Reiz des Leseerlebnisses aus. 

“Lied der Weite” beleuchtet die Leben sehr unterschiedlicher Figuren, die das Schicksal oder der Zufall zueinanderführt. Die siebzehnjährige Schülerin Victoria entdeckt, dass sie schwanger ist und wird von ihrer Mutter ohne viel Federlesen vor die Tür gesetzt. Ihre Lehrerin Maggie nimmt sie vorerst bei sich auf, doch durch ihren dementen Vater kommt es rasch zu unschönen Vorfällen. Ihr fallen die beiden alten Brüder McPheron ein, die zurückgezogen außerhalb von Holt eine Viehzuchtfarm betreiben. Die beiden alten Männer überrumpelt sie mit ihrer absurden Idee, das junge Mädchen aufzunehmen. 
Während sich Victoria eher widerwillig bei den verschrobenen Alten einrichtet und vom Kindsvater träumt, nähern sich Maggie und ihr Kollege Tom Guthrie an. Dieser steht seinen Söhnen ratlos gegenüber, seitdem seine depressive Frau zu ihrer Schwester gezogen ist und vermutlich nie wieder kommen wird. 

All diese Figuren eint ein Gefühl von unbestimmter Einsamkeit. Jeder hat sich für sich in diesem Gefühl eingerichtet, sich seine Welt so geschaffen, dass ihn das Gefühl kaum noch zwickt. Und doch ist es stets da und bedrückt sie. Doch ist schnell klar, dass die Hoffnung besteht, sich gegenseitig zu retten. 

Was das Buch besonders macht, ist sein angenehmer, wohltemperierter Erzählstil, der einen einnimmt und umfängt wie eine warme Decke. Ein Wohlfühlduktus, der sich in einer lockeren Sprache und einer lässigen, nie ausschweifenden Beschreibung der Umgebung widerspiegelt. 

Kent Harufs Welt ist beschaulich, aber nicht per se harmonisch oder kitschig. Die Schönheit und die Idylle von Holt schimmert erst im Laufe der dichten Erzählungen zwischen den Zeilen hervor. Die Schicksale sind alle nicht einfach und jede der Figuren hat seine eigenen Wünsche und nicht immer logische Vorstellungen vom Leben. Doch in “Lied der Weite” finden sie in der Gemeinschaft den Trost und die Kraft weiterzumachen. 
All die Einzelschicksale sind ineinander verwoben, doch lösen sie sich nicht alle am Ende in Wohlgefallen auf – dies hätte zu einer absoluten Überzuckerung der Geschichte geführt und das hätte ihr nicht gut getan. 

Fazit

Haruf erzählt in einer Wohlfühlsprache von bewegenden Begegnungen, die aber stets durch die Bodenständigkeit seiner Figuren und ihres Sprachduktus’ geerdet werden. Ein wenig Nicolas Sparks, nur mit weniger Krebs und Liebesschwüren – ein warmes Zuhausegefühl, wie frischer Pudding zu herbem Kaffee. 
Man möchte die Personen aus Holt wiedertreffen und ich denke, das ist die große Stärke von Kent Haruf gewesen: Seine Stadt bleibt als Sehnsuchtsort im Gedächtnis – trotz all seiner fehlerbehafteten Figuren. Oder vielleicht gerade deswegen?

Ich werde mir sicherlich noch “Unsere Seelen bei Nacht” besorgen und hoffen, dass Diogenes auch die anderen vier Romane des 2014 verstorbenen Schriftstellers ins Deutsche übersetzen lassen wird. Holt habe ich nicht zum letzten Mal besucht.

Eure Mareike


Kent Haruf – Lied der Weite
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
Verlag: Diogenes
Gebunden, 384 Seiten, ca. 24 Euro

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4 Comments

  1. the lost art of keeping secrets says:

    Liebe Mareike, mir hat der Roman auch total gut gefallen. Wenn es um die Übersetzungen geht, kann ich dir nur zustimmen. Frohe Ostern! Eva

    1. Mareike says:

      Danke dir!

  2. Joel says:

    Das Buch klingt wirklich llesenswert, denn die geschilderte “Wohlfühlsprache” sagt mir sehr zu.
    Mit freundlichen Grüßen
    Joel von Büchervergleich.org

  3. Bri says:

    ein absolut großartiges Buch – ich kenn kaum einen Autor, der es wie Kent Haruf schafft, so “alltägliche” Geschichten mit einer solchen Leichtigkeit und gleichzeitigen Intensität zu verfassen. LG, Bri

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