Kathrin Weßling – Super, und dir?

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Kathrin Weßlings neuen Roman “Super, und dir?” habe ich mit großer Aufregung erwartet. Ich mag ihre Art Dinge zu sehen und zu beschreiben. Wenn sie auf Instagram oder auf Facebook von ihrem Alltag erzählt, könnte ich ihr stundenlang zuhören. 
Das liegt hauptsächlich daran, dass sie so spricht, wie ich denke: Irgendwo zwischen wütend, laut, rotzig und verletzlich. Und wenn ich mir nun ihren neuen Roman anschaue, dann kann ich mit Bestimmtheit sagen: Ich bin die sozial und emotional gefestigte Version ihrer Protagonistin Marlene. 
Marlene ist 31, in einer liebevollen Beziehung, klug und ehrgeizig. Sie hat einen enorm begehrten Job in der Marketingabteilung eines großen Konzerns bekommen. 
Sie hat hart für diesen Tag gearbeitet: Perfektes Abitur, eine fleißige Studentin und nach einigen Praktika DER Job. Ihr Volontariat in einem namenhaften Konzern ist die logische Fortführung der Biografie einer jungen, hübschen, weißen Frau aus dem Mittelstand. Jeder von uns kennt sicherlich eine Marlene. Doch welchen Preis die Seele für diesen Weg zahlen muss, das weiß man selten. 

Marlene ist ein Junkie, doch selbst als sie dies ihrem Arzt sagt, glaubt er ihr dies nicht. Nein, eine junge, erfolgreiche Frau, gepflegt, mit geregeltem Einkommen und einer eigenen Wohnung passt nicht in das Bild, was die Gesellschaft von einem Drogenabhängigen hat. So jemand wie Marlene verliert nicht die Kontrolle, sie kann jederzeit wieder aufhören. Sie braucht das Kokain, das Ritalin und die Amphetamine doch nur, um die Leistung zu bringen. Um voll da zu sein. Sie muss funktionieren in einer Gesellschaft, die von uns jeden Tag und jederzeit erwartet, dass wir nur gute Momente und Erfolge mitzuteilen haben. Nur dann gibt es Likes und noch mehr Freunde auf Facebook. Doch was ist, wenn nicht die Marlenes dieser Welt das Problem haben, sondern unsere Gesellschaft? 

Es gab enorm viele Momente, in denen ich mich und meine eigenen Gedanken in dem wilden Gedankenstrudel von Marlene wiederfinden konnte. Es waren oft Kleinigkeiten, Nebensätze, die mich direkt ins Mark trafen, weil ich sie so gut kenne. Er war beängstigend und zugleich enorm befreiend zu wissen, dass man mit all diesen Selbstzweifeln und Ängsten nicht allein ist. Dass es vermutlich viel mehr ein Phänomen unserer heutigen Generation ist. Wir sind es so sehr gewöhnt zu inszenieren, den perfekten Winkel für alles zu finden, dass wir selbst daran zweifeln, was echt ist und was wir können.
Aber sie zeigt auch ein System, das darauf ausbaut, genau diese Unsicherheiten auszunutzen. Chefs, die mit perfiden Phrasen jedes letzte bisschen Selbstachtung von diesen jungen Menschen einfordern. Ich habe solche Chefs auch schon kennengelernt und hatte genug Mut und Rückhalt, um zu gehen. Zu sagen: Bis hier hin und nicht weiter.
Marlene fehlt dieser Rückhalt, die Sicherheit in ihrer Beziehung bröckelt und es sind die Drogen, die ihr eine neue Form von Sicherheit vorgaukeln. Es ist ein erschreckender Blick in ein Leben, in das ich hätte – in das quasi jeder junge Berufsanfänger hätte rutschen können. So erschreckend nah an allem, was ich täglich höre oder bei Freunden mitbekommen habe, dass ich mich frage, ob es sich hierbei nicht schon fast um einen Mirko-Gesellschaftsroman handelt. Sind wir nicht alle ein bisschen Marlene?

Fazit


Kathrin Weßlings Roman ist düster und auf unverblümte, soghafte Weise ein Bild unserer Zeit – meiner Generation. Wer selbst ein paar Praktika zu viel, abends ein bisschen zu lange im Büro und vom eigenen Wahnsinn immer wieder überrumpelt wird, sollte dieses Buch schnellstmöglich lesen. Warum? Ich brauche dringend jemanden, der mit mir darüber spricht!

Eure Mareike


Kathrin Weßling – Super, und dir?
Verlag: Ullstein fünf
Taschenbuch, 256  Seiten, ca. 16 Euro

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9 Comments

  1. Evy says:

    Tolle Kriti, sehr treffende Worte!

  2. Marina says:

    Ich geb mir Mühe das Buch ganz fix zu lesen, damit wir darüber sprechen können!

  3. Yvonnes Bücherecke says:

    Liebe Mareike,
    ich habe das Buch auf diversen Blogseiten gesehen, aber interessiert hat es mich bisher doch nicht. Aber deine Rezension hat mich aber so neugierig gemacht, dass ich es lesen möchte.

    Danke dafür. <3

    Viele Grüße
    Yvonne

  4. Buchstabenträumerin says:

    Liebe Mareike,
    ich würde zu gerne mit dir über dieses Buch reden, denn das Thema ist einfach ein Thema unserer Zeit, aber ich habe es noch nicht :( Es sitzt jedoch schon ganz unverrückbar auf meiner Wunschliste!
    Liebe Grüße,
    Anna

  5. Vera says:

    Bin heute damit fertig geworden – ganz großartiges Buch! Aber auch traurig, dass es vorbei ist, hätte gern noch länger über Marlene gelesen.
    Liebe Grüße
    Vera

  6. „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling – Rezension zum Roman says:

    […] Herzpotenzial […]

  7. schonhalbelf says:

    Lass uns darüber sprechen.

    1. Mareike says:

      Deal – Du bekommst ne Mail von mir :)

  8. [Rezension]: Kathrin Weßling – Super, und dir? – Lesen macht glücklich says:

    […] Herzpotential […]

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