Julia von Lucadou – Die Hochhausspringerin

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Das Buch Die Hochhausspringerin neben einem Glas Wein

Halt dich fest, George Orwell, jetzt springen wir! 

Die Hochhausspringerin lebt in einer nicht allzu fernen Zukunft und möchte nicht mehr springen. Sie heißt Riva und gilt als perfekte Sportlerin. Ihr Körper funktioniert wie eine Maschine. Mit höchster Perfektion springt sie ohne zu zögern von gewaltigen Gebäuden, dreht ihre zarten Glieder in perfekte Figuren, rollt, schraubt und streckt sich in der Luft, um im richtigen Moment den Sicherheitspunkt auszulösen und elegant zu landen.


Doch jetzt will sie nicht mehr. Sie geht von einem Tag auf den anderen nicht mehr zum Training. Sitzt stumm in ihrer Wohnung. Ihre Millionen Fans spekulieren über Trennungen, Gefangenschaft und Depression. Ihre Trainer und Sponsoren fürchten Vertragsbruch und hohe Geldeinbußen – deshalb muss eine Psychologin her, um das Problem, die Dysfunktionalität einer menschlichen Präzisionsmaschine, zu beheben.

Hitomi ist aufstrebend und fleißig. Hitomi soll Riva schnellstmöglich wieder aus dem Haus und wieder ins Training bewegen – jedoch ohne Rivas Wissen. Die Psychologin sitzt vor ihrem Bildschirm und erhält durch unzählige Kameras Einblicke in Rivas Leben. Schließlich hat Riva nur ein Wohnprivileg und somit kein Recht auf Privatsphäre. Die Geldgeber sind schließlich besorgt und haben absolute Kontrolle.

Big Brother is watching you

Für Hitomi ist es ein Leichtes, jede Kleinigkeit über Rivas Leben, ihre Kindheit und Jugend zu erfahren. Über ihren Aufstieg aus den Peripherien (dem wüsten Land abseits der Stadt), ihre Sehnsucht nach Bioeltern und die Entfremdung von ihrem Partner. Die Sehnsucht nach Familie gilt für Stadtbewohner als überwunden, ist es doch für ein effizientes Leben unlogisch. Kinder werden von speziellen Brüterinnen geboren, Elternschaft ist ein hinderliches Konzept in einer Welt, die auf Produktivität und Leistungsfähigkeit aufgebaut ist.

Auf den ersten Blick eine komplett egalitäre Welt, die rein auf Leistung, nicht auf Status oder Beziehungen setzt. Hier wird nicht vererbt oder genetzwerkt. Man erhält seinen Beruf, sein Gehalt und selbst die Wohnung rein aufgrund der Leistungsbeurteilung.
Sozialer Aufstieg gelingt in den Peripherien nur durch Castings. Die Kinder müssen dort regelmäßig ihre Leistungen zeigen, in der Hoffnung, einen Ausweg aus den wüsten Slums zu finden. Rein in ein Leben für den Erfolg.


Was für diesen Lebensstil auf der Strecke bleibt, ist logisch: Familie, Zuneigung und Zusammenhalt. Dass diese Gesellschaft nur auf den ersten Blick so funktioniert, enthüllt sich dem Leser erst mit der Zeit.

Hitomi ist ein Kind von Stadteltern und wuchs somit nicht in den Peripherien auf, sondern in einem teuren Heim, das auf die Castings vorbereitet.
Auch sonst schimmert an vielen Stellen Ungerechtigkeit, Einsamkeit und erster Widerstand durch: Die Menschen in der Stadt lesen begierig Familienblogs und buchen sich stundenweise Geschwister oder rufen den Mamabot an. Natürlich wird auch das genauestens aufgezeichnet und bewacht. Fürchtet man die eigenen Bewohner?

Insgesamt scheint das Private mit dem Eintritt in das Stadtleben abgegeben zu werden. Es wird alles protokolliert: Herz- und Schlaffrequenz werden vom Chef genauso beurteilt wie die Erfüllung des täglichen Fitnessprogramms und natürlich jede noch so kleine Maßnahme während der Arbeit. Fast in Echtzeit wird Hitomis Einschätzung von Rivas Zustand geprüft und gescort. Jeder kleine Fehler wird mit weniger Credits und Privilegienentzug bestraft. Doch halt, nein – es ist anders herum: man belohnt! Gutes Verhalten wird belohnt, Boni werden gezahlt bei Erfolg. Doch das System setzt darauf, dass man stets mehr leistet, stets einen Bonus anstrebt. Denn vom normalen Lohn kann sich Hitomi ihre Wohnung nicht leisten.

Um sich abzusichern, leistet sie noch Nachtschichten bei einer Seelsorge-Hotline. Natürlich nie anonym, denn jede Stimme, jedes Tablet kann genau zugeordnet werden und wird es von den allwissenden Programmen auch. Alles wird aufgezeichnet, verschlagwortet und archiviert. Natürlich fehlen dadurch wichtige Stunden Schlaf und dadurch gelangt sie langsam ins Trudeln, beginnt Fehler zu machen. Sie beginnt sich emotional auf Rivas Schicksal einzulassen und trifft dadurch folgenschwere Entscheidungen.

Ein außergewöhnliches Buch über erschreckend glaubwürdige Zukunft hat Julia von Lucadou hier verfasst. Zeitweise fehlten mir Erklärungen oder genauere Beschreibungen, die mir die Welt noch näher hätten bringen können. Es werden feststehende Begriffe wie Papavid oder VJs nicht ausreichend erklärt. Auch bei der Kinderpflege oder dem Hochhausspringen bleiben viele Leerstellen zurück, die ich gern gefüllt gesehen hätte. Und das Handeln Rivas kann ich für mich nur grob interpretieren, jedoch bleibe ich auch hier unbefriedigt zurück.

Vielleicht macht das aber genau den Twist aus: Trotz all der Überwachung und Kontrolle bleibt das Innere des Menschen doch ein Mysterium. 
Dieses Buch hallt auf jeden Fall nach.

Eure Mareike


Julia von Lucadou – Die Hochhausspringerin
Verlag: Hanser Berlin
Gebunden, 288 Seiten

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3 Comments

  1. https://leselustbuecher.blogspot.com says:

    Liebe Mareike,

    Das klingt nach einem sehr interessanten Buch. Ich habe zuerst nur das Cover gesehen und fand das schon so schön, dass mich das Buch gleich angesprochen hat. Deine Rezension macht mich jetzt wirklich neugierig. Diese Zukunftswelt klingt ein bisschen verstörend, aber irgendwie auch sehr interessant. Und deine Rezension hat mich jetzt noch neugieriger gemacht, auch wenn das Buch den Leser/ die Leserin ja anscheinend auch mit einigen Lücken und Leerstellen zurücklässt.
    Danke für die schöne Buchvorstellung.

    Liebe Grüße, Julia (von Leselust Bücherblog)

  2. Gabi says:

    Puh, was für eine gruselige Zukunftsvision. Keine sozialen Bindungen, keine Privatspähre und Druck, Druck, Druck, damit man reibungslos fuktioniert. Das ist ein erschreckendes, aber auch interessantes Setting für ein Buch.
    Allerdings stört es mich gewaltig, wenn ich die Handlungen und Entscheidungen der Protagonisten nicht nachvollziehen kann und in diesem Punkt scheint es ein bisschen zu mangeln. Das ist sehr schade, denn wenn Dinge offen bleiben und der eigenen Interpretation überlassen werden, ist das eine Erzählweise, die mir in den meisgten Fällen nicht zusagt.
    Mal sehen, ob ich mir das Buch irgendwo ausleihen kann, denn so ganz überzeugt, dass ich es unbedingt lesen möchte, bin ich noch nicht.

    Liebe #Litnetzwerkgrüße
    Gabi

    1. Mareike says:

      Liebe Gabi,

      ich verstehe gut, was du meinst. Ich bin auch unentschlossen zurückgeblieben. Viele waren massiv begeistert, bei mir bleibt dieses nagende Gefühl, dass mir etwas Wichtiges entgangen ist.
      Viele Grüße
      Mareike

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