Buch auf Schaffell

Jochen Missfeldt – Sturm und Stille

„Sturm und Stille“ von Jochen Missfeldt habe ich passenderweise an einem verregneten und stürmischen Wochenende gelesen. Es erschien mir richtig, mich von den äußeren Umständen auf meine Lektüre einstimmen zu lassen. Eine gute Entscheidung – manche Bücher brauchen heulenden Wind und prasselnden Regen, um noch intensiver zu wirken.

Husum ist auch als die graue Stadt am Meer bekannt. Kaum eine andere Person dürfte das Bild so sehr geprägt haben wie Theodor Storm. Wie Generationen vor mir habe auch ich in der Schule seinen „Knecht Ruprecht“ gelesen und später auch den „Schimmelreiter“. Mittlerweile wohne ich gar nicht mehr sooo weit weg von Husum und eigentlich müsste ich jetzt endlich mal einen Ausflug dahin machen. Denn Missfeldts Beschreibungen der Stadt machen mich neugierig und haben so gar nichts Graues an sich. Dafür schmeckt man das Meer förmlich auf jeder Seite. Es ist präsent, es prägt das Leben und den Rhythmus der Stadt und seiner Bewohner. Und auch das norddeutsche Wetter mit Wind, Regen und Sonne wird plastisch nachgezeichnet und hat eine tragende Rolle im Roman.

Doch im Mittelpunkt des Romans stehen Theodor Storm und Dorothea Jensen, deren Geschichte vom fiktiven Husumer Biografen Gustav Haase erzählt wird. Beide Figuren kennen sich seit Jensens Kindheit und schon früh fühlt sich Dorothea zu dem älteren Mann hingezogen. Doch Storm verlobt sich mit Constanze Esmarch und Dorothea versucht sich anderen Dingen zu widmen.
Doch schon kurz nach der Hochzeit beginnen Storm und Jensen eine Affäre, die man mit dem Titel des Buches als „Sturm und Stille“ beschreiben kann. Die Beziehung der beiden steht unter keinem guten Stern und trotz aller Hingabe widmet sich Storm hauptsächlich seinen eigenen Belangen und treibt seine Karriere voran. Dorothea hingegen wird von ihrer Familie verbannt, um die Beziehung zu einem verheirateten Mann zu unterbinden – und auch, um selbst einen Ehemann zu finden. Nichts wäre schlimmer, als wenn die junge Frau als „Mamsell“, als Unverheiratete, zurückbleiben würde. Allein ihre Reisetruhe und ihr Wetterglas, das sie schon als Kind hatte, bilden auf ihren zahlreichen Verschickungen eine Konstante in ihrem Leben – Ruhe ist ihr nicht vergönnt.

Jochen Missfeldt arbeitet in seinem Buch die Biografie einer ungewöhnlichen Frau des 19. Jahrhunderts aus. Die Orte, an die Dorothea geschickt wird, sind mir zu großen Teilen bekannt und ich kann die Entfernungen grob einschätzen. Und doch wirkt es jedes Mal aufs Neue, als würde sie eine Weltreise unternehmen.  Auch hier spürt man wieder den Geist des Titels. Ihr Leben ist geprägt von Sturm und immer hofft sie auf die Stille, die darauf eigentlich folgen muss. Erholung oder Ankommen an einem Ort bleiben jedoch aus. Und dennoch gibt sie nie auf, kämpft sich weiter durch den Sturm ihres Lebens, immer auf der Suche nach dem Platz, an dem sie bleiben darf.

Fazit

Ein Roman, der perfekt in die stürmische Jahreszeit passt. Jochen Missfeldt porträtiert eine junge Frau, über die nur sehr wenig bekannt ist, und zeichnet die Wege ihres Lebens feinsinnig nach. Ihm ist es gelungen, ein Stück des Nordens zu fangen und zwischen zwei Buchdeckeln zu halten. Er zeigt, wie das Meer und das Klima den Norden und seine Bewohner prägen.

Eure Maike


Jochen Missfeldt – Sturm und Stille
Verlag: Rowohlt
352 Seiten, Hardcover, 22 €

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