Jardine Libaire – Uns gehört die Nacht

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Ein zartes Gesicht durch eine Fensterscheibe fotografiert, die vollen Lippen dunkel und bin einem Beerenton geschminkt. Die vielen Sommersprossen umspielen das rehbraune Auge, während das andere von weichem Haar bedeckt ist.  So sieht das Cover von Jardine Libaires Debüt “Uns gehört die Nacht” aus. Es hat mich angezogen und gefesselt, weit mehr, als es der eher kitschige Klappentext tat. Hier heißt es: “Obsession ist Liebe ist Schicksal”. Dass sich hinter diesem Buch eine so kraftvolle, erzählstarke Geschichte verbirgt, habe ich wohl nur herausgefunden, weil mich das Cover faszinierte. 

Denn vom Setting her ist dieses Buch nichts Neues: Eine Pretty-Woman-Situation in den 80ern angesiedelt. Das junge Mädchen Elise aus ärmsten Verhältnissen ohne Bildung oder wirklicher Zukunftsaussicht flieht aus ihrem von Drogen und Gewalt geprägten Elternhaus nach New Haven. Dort trifft sie auf den Yale-Studenten Jamey. Er ist der Spross einer der reichsten Familien Amerikas, traditioneller Geldadel mit konservativ-puritanischen Wurzeln.  Eine spannungsgeladene Mischung, die zum Scheitern verurteilt scheint. Ein wenig Romeo und Julia auf dem Campus, scheint es. 

Doch dieser Roman bietet mehr und überrascht durch eine feinsinnige und reflektierte Beschreibung der Gefühlswelten seiner beiden Protagonisten.
Ihre fast tierische Schlichtheit und Offenheit, was ihre Gefühle und Reaktionen angeht stößt immer wieder auf seine ironisch-zurückhaltende Grundhaltung, In seiner Familie wird nie offen ausgesprochen, was jemand denkt. Hier bestimmen Feinheiten, Mimik und Pausen das eigentlich Gemeinte. Bei Elise Zuhause herrschte stets ein direkter und brutaler Umgangston, der schnell in Schläge wechselte. 

Somit finden Jamey und Elise zunächst nur über ihre Körper, über Sex und Verlangen zueinander und eine gemeinsame Sprache. Ihre Kommunikation ist fast instinktiv, wenn auch holprig. Sie ist hier die Erfahrene, gibt den Ton an. Verlassen sie jedoch die Intimität des Bettes verliert sie ihre Selbstsicherheit und er übernimmt die Führung.

Freunde und Verwandte stehen abseits und betrachten ihre Verbindung kopfschüttelnd und verständnislos. Eine rebellische Phase bei ihm, sie eine Goldgräberin? Doch mit der Zeit finden sie eine Sprache, einen Umgang miteinander und wachsen so aus ihren alten Umfeldern heraus. Und über sich hinaus. Sie erkennen die Enge der gesellschaftlichen Erwartungen, in die sie jeweils verstrickt waren und die Freiheit, die ihnen ihre Verbindung gibt. 

Und doch schwebt über all dem ein drohendes Unheil, eine tickende Zeitbombe. Der Roman beginnt etwas über ein Jahr nach ihrem Kennenlernen und deutet eine Katastrophe an, um direkt danach in Rückblenden ihre Geschichte zu erzählen. 
Dieser erzählerische Kniff ist von Jardine Libaire so geschickt eingesetzt, dass das süßliche Grundsetting von Eighties-Romeo-und-Julia eine harte und bedrohliche Färbung bekommt. Alles wird wie in dunkle Blautöne getaucht, wie ein melancholischer Indie-Film.

Dabei ist diese Geschichte so intensiv und zugleich ruhig erzählt. Vollkommen fernab von Kitsch oder Übertreibungen gibt die Autorin ihren Figuren die Zeit und den Raum, um in ihrem eigenen Tempo den anderen kennen und lieben zulernen. Das mochte ich besonders: Ihre Tempi sind ganz unterschiedlich, benötigen verschieden lang, sich auf den anderen und seine Andersartigkeit einlassen zu können.  Diese Beziehung ist kein Märchen und auch kein Shakespeare Drama, sondern fühlt sich handfest und zugleich intensiv echt an. 

Fazit

Was für ein Buch! Ich habe die 450 Seiten in weniger als zwei Tagen regelrecht inhaliert und habe vermutlich eines der besten Bücher des Jahres gefunden. Manchmal ist es eben doch gut, wenn man sich von hübschen Covern beeinflussen lässt!

Eure Mareike


Jardine Libaire – Uns gehört die Nacht
Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz
Verlag: Diogenes
Paperback, 464 Seiten

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3 Comments

  1. Bri says:

    Wow, klasse Besprechung. Genau das was Du am Anfang beschreibst, ist mir auch passiert. Dieses Bild auf dem Cover fand ich unglaublich anziehend. Erst wusste ich nicht, soll ich das lesen? Tragische Liebesgeschichte … aber als ich angefangen hatte, war das alles so unverstellt, roh auf der einen und warmherzig, instinktiv richtig auf der anderen Seite. Jardine Libaire finde ich großartig. Und ich werde jetzt auch ihr erstes Buch auf englisch lesen. Tolle Autorin, toller Stoff. Schön, dass Du das so großartig in Worte fassen konntest. Dieses Buch ist für mich ein absolutes Highlight. Und auch was den Klappentext angeht, stimme ich dir absolut zu, der stimmt so nicht. Es steckt sehr sehr viel mehr in dieser Geschichte, die überhaupt nicht ktischig ist. Keine Frage. LG, Bri

    1. Mareike says:

      Liebe Bri,
      wir hatten ja bereits darüber gesprochen, dass dieses Buch uns beide umgehauen hat. Es freut mich sehr, dass dir meine Besprechung gefallen hat! Besonders, dass es du eine ganz ähnliche Erfahrung mit Cover und Klappentext gemacht hast, beruhigt mich :)

      Viele liebe Grüße
      Mareike

  2. Katrin Bietz says:

    Danke für die Besprechung liebe Mareike – ich hatte das Leseexemplar wegen des Klappentextes beiseite gelegt, nun hol ich es doch noch einmal hervor. Ich bin gespannt!

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