Isabelle Autissier – Herz auf Eis

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Eine moderne Robinsonade über ein junges Paar, das auf einer Insel in der Antarktis landet und dort nach einem Sturm gestrandet ist. Diese Ausgangssituation nimmt Isabelle Autissier in ihrem Roman “Herz auf Eis”. Der Titel klingt etwas brutal. Doch der Leser dieses Romans sollte alles andere als zart besaitet sein. Es geht hart her im Eis am Ende der Welt.

Louise und Ludovic lieben den Nervenkitzel. Jedes Wochenende zieht es sie aus den stickigen Pariser Büros in die Berge und Felswände. Eines Tages wird ihnen das zu wenig, alles ist zu eng – deshalb nehmen sie ein Sabbatical und kaufen sich ein Schiff. Das junge Paar strandet schließlich durch Selbstüberschätzung und Unvernunft auf einer unbewohnten Insel vor Kap Hoorn, als sie dort die ehemalige Walfängerstation besichtigen wollen. Ihr Schiff sinkt im plötzlich auftretenden Sturm und der Überlebenskampf beginnt.
Ohne Aussicht auf baldige Rettung, ohne Vorräte oder Funkgeräte halten sich die beiden zunächst überraschend ruhig und logisch handelnd. Sie beginnen nach Nahrungsquellen zu suchen und werden schnell in der reichen Tierwelt fündig.
Kühl und mit einer klaren, manchmal ins Berichtende tendierende Erzählhaltung wird man unmittelbar in die Ereignisse geworfen. Mit einer fast perfiden Distanz berichtet uns der Erzähler auf kaum mehr als 200 Seiten den fast ein Jahr andauernden Überlebenskampf.

Mord, Verzweiflung und Verrat: Alles geschieht fast beiläufig und ohne viel Worte. An manchen Stellen empfand ich diesen Stil als zu schwach, um die Situationen tatsächlich begreifbar zu machen. Während für die Natur durchgängig sehr bildhafte und präzise Beschreibungen gefunden wird, bleiben die Figuren teilweise hölzern und in ihrem Handeln unverständlich.

Louise und Ludovic verwandeln sich zusehens in roboterhafte Schatten ihrer selbst – was mich teilweise befremdete.
Es wirkt, als ergäben sie sich in das Verhalten der alten Wal- und Robbenfänger. In das Abschlachten und den brutalen Überlebenskampf. So wird auch ihr Umgang miteinander ebenfalls immer primitiver. Essen, Töten, Sex, Schlafen. Ihr Leben wird zum reinen Bedürfnis-Befriedigen.
Als sich ein Kreuzfahrtschiff nähert, reagieren beide überstürzt und heftig. Doch sind sie sich uneinig in ihrem Vorgehen und geraten schließlich in einen brutalen Streit. Dieses Ereignis bildet einen zentralen Wendepunkt in der Beziehung von Louise und Ludovic. Ab hier nimmt das Buch rasant an Fahrt auf und der Erzählton verändert sich.

Es ist faszinierend und zugleich verstörend, das junge, eigentlich lebenslustige Paar beim steten Verwilderungsprozess zu beobachten. Etwas zerbricht in ihnen. Wie zerrissene Kleidungsstücke legen sie nach und nach Hemmungen und ihr zivilisiertes Verhalten ab. Der Hunger und der Wunsch zu Überleben sind die zentralen Triebfedern in ihrem Verhalten in der Einsamkeit.
Anders als Robinson und sein Haussklave Freitag sind Louise und Ludovic ein modernes Paar auf Augenhöhe. Sie liebten sich innig, spornten sich in ihrer Beziehung stets zu neuen Höchstleistungen an und unterstützten sich gegenseitig. Louise ist die etwas schüchternere, etwas weniger attraktive. Der aus reicheren Verhältnissen kommende Ludovic ist es gewohnt zu gewinnen und leicht an sein Ziel zu gelangen. Er gerät immer häufiger in unkontrollierte Wut. Sie steht vor der Entscheidung, ob sie sich diesen Launen unterordnet oder nach einem eigenen Weg nach Rettung suchen soll. Damit riskiert sie aber alles, was sie noch haben: einander.

Fazit

Eine eindrückliche Robinsonade, die teilweise so eisig ist wie das vernebelte Cover. Das Schicksal von Louise und Ludovic berührt und lässt einen zugleich erschrocken auf Distanz gehen. Beim Lesen ist man Seite für Seite glücklicher, auf dem heimischem Sofa zu sitzen und alle Vorzüge der Zivilisation genießen zu können. Und doch nagt die leise Frage an einem, wie man selbst in einer solchen Situation handeln würde.

Eure Mareike


Isabelle Autissier – Herz auf Eis
Übersetzt von Kirsten Gleinig
Verlag: Mare
Gebunden, 224 Seiten, 22 Euro

9 Comments

  1. Claudia Bett says:

    Ich habe noch nie von diesem Buch gehört, aber das klingt großartig. Ist sofort auf meiner Wunschliste gelandet. Danke für den Tipp!
    LG Claudia

    1. Mareike says:

      Liebe Claudia,

      wie schön!!
      Das freut mich sehr. Du wirst es nicht bereuen.

      Viele Grüße
      Mareike

  2. Kerstin says:

    Hallo Mareike,
    das Buch würde ich ja fast schon als Perle bezeichnen. Mich hast Du mit Deiner Rezension jedenfalls begeistert und sehr neugierig auf diese Geschichte gemacht.
    Herz auf Eis ist definitiv ein ‘möchte ich lesen Buch’. Gerade wenn es in die menschlichen Abgründe (aus welchen Gründen auch immer ) geht, bin ich immer gerne dabei um vielleicht zu verstehen warum es so kam.
    Ich muss mal stöbern gehen ob es das auch als Hörbuch gibt.
    Viele Grüße und ein schönes Wochenende
    Kerstin
    #litnetzwerk

    1. Mareike says:

      Liebe Kerstin,
      das freut mich sehr! Aktuell weiß ich von keiner Hörbuchfassung, aber da das Buch momentan ja sehr beliebt ist, wachsen die Chancen ja.

      Viele Grüße
      Mareike

  3. |Rezension| Herz auf Eis – Isabelle Autissier • Literatour.blog says:

    […] Verlag für dieses Rezensionsexemplar. Weitere Rezensionen zum Buch: Die Buchbloggerin | Herzpotenzial | Literaturen var disqus_url = […]

  4. -Leselust- says:

    Liebe Mareike,
    Über dieses Buch bin ich schon beim Stöbern in den Verlagsvorschauen gestolpert und irgendwie hat es schon etwas in mir angesprochen, der Klappentext konnte mich aber nicht 100%ig überzeugen, so dass es nicht auf die Wunschliste gewandert ist. Deine Rezension lässt mich diese Entscheidung aber überdenken, denn was du schreibst klingt wirklich gut. Eisig und ein bisschen erschreckend, aber gut. Da hast du mich wirklich neugierig gemacht.
    Liebe Grüße, Julia

  5. [Bloggestöber]: #4 – Springtime! says:

    […] II] Ebenfalls meine Neugierde für ein Buch konnte Mareike vom Blog Herzpotential wecken. Ihre Besprechung zu Herz auf Eis klingt so wunderbar […]

  6. Angelika Wilke says:

    Liebe Mareike – danke, deine Rezension hat mich nochmal daran erinnert, was ich so faszinierend und beklemmend an „Herz auf Eis“ fand. Und dein Fazit bringt die Geschichte auf den Punkt!
    Die von dir erwähnte, beiläufige und oft auch protokollarische Erzählweise passt ohne Frage zu der nüchternen und zugleich gewaltigen antarktischen Landschaft. Mit monströsen Superlativen würde man ihr wohl weit weniger gerecht.
    Was manche Konflikte und andere Inhalte angeht, habe ich wie du Erklärungen vermisst. Sie würden die Geschichte einfach noch spannender machen. Zumindest ich habe nämlich die ganze Zeit mitgefiebert, ob sich die beiden in ihrer Notlage helfen können und wie sie das jeweils anstellen. Dabei fühlte ich mich hin und wieder „ausgegrenzt“, es wurde nicht verraten oder nur angedeutet, warum die Protagonisten sich so oder so verhalten.

    Euer Blog gefällt mir übrigens sehr gut! Viele Grüße, Angelika

    1. Mareike says:

      Liebe Angelika,
      vielen lieben Dank für die ausführliche und spannende Meinung. Du hast sicher Recht: Nichts passt besser zu der Landschaft als dieser doch sehr reduzierte Stil.
      Ausgegrenzt habe ich mich auch oft gefühlt. Und meine Schwiegermutter meinte auch nach der Lektüre: Man wird nicht richtig warm mit dem Buch.
      Das fand ich eine sehr stimmige Beobachtung.

      Viele liebe Grüße
      Mareike

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