Ian McGuire – Nordwasser

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Die Geschichte des Walfangs ist aus heutiger Sicht keine glorreiche. Sie ist voller Brutalität, Geldgier und düsterer menschlicher Abgründe. Die Tiere wurden zerhackt, gehäutet, gekocht und noch vieles mehr. Wenn man nicht auf Wale stieß, so schlachtete man erbarmungslos ganze Herden von Robben ab, ließ ihre gehäuteten Körper neben ihren Jungen liegen und zog weiter. Es stellt sich bei diesem blutigen Handwerk die Frage: Was für Menschen waren das, die in diesem Beruf tätig waren? Wie gut verkraftet eine Seele das dauerhafte Töten? 

In seinem düsteren Roman „Nordwasser“ erzählt Ian McGuire genau von diesen Abgründen der menschlichen Seele. Mit dem Harpunierer Henry Drax und dessen Gegenspieler, dem ehemaligen Militärarzt Patrick Sumner, erzählt er von der letzten Fahrt des Walfangschiffs „Volunteer“ in den dunkelsten Farben. 

Bereits auf den ersten Seiten dieses spannungsreichen Abenteuerromans wird deutlich, dass es sich um kein Buch für Zartbesaitete handelt. Bereits zwei Morde ereignen sich noch vor dem Ablegen der „Volunteer“. Kalt und ohne jede Gefühlsregung zeigt Henry Drax, dass jahrelanges Töten zur Routine werden kann. Mehr als das: Es wird ein Bedürfnis, das genauso befriedigt werden muss wie der ständige Drang nach Hochprozentigem. 
Dem Kapitän des Walfangschiffes ist der brutale Ruf Drax‘ bewusst. Doch die Geschäfte laufen schlecht, Tran ist nicht mehr so begehrt seit dem Aufkommen von Petroleum und Pflanzenfetten, die Preise fallen. Gleichzeitig sind die Gebiete überfischt, Walsichtungen fast eine Seltenheit. Somit muss man sich mit zwielichtigen Gestalten und entlegenen Routen abfinden. 

Doch hat jeder an Bord neben seiner vorgeblichen Mission scheinbar noch eine andere. Das gilt für den Kapitän, wie auch für den seltsamen ehemaligen Militärarzt Patrick Sumner, wie auch für Henry Drax. 
Patrick Sumner führt ebenso ein düsteres Geheimnis aus den indischen Kolonien an Bord des Schiffes. Angeblich erwartet er eine größere Erbschaft und will die Zeit mit einer Fahrt in die eisigen Gewässer der Arktis überbrücken. Doch Drax glaubt ihm nicht und findet schnell heraus, welches Geheimnis der junge Arzt mit sich trägt. 
Als an Bord schreckliche Misshandlungen für Zwietracht und gegenseitiges Misstrauen in der Mannschaft sorgen, während die Walsuche zugleich erfolglos bleibt, kommt es zur Eskalation auf hoher See.

Ian McGuire schont seine Leser nicht. Unerbittlich gewährt er Einblick in die Gedankenwelten dieser Männer. Er deckt Schwächen und Sünden auf und gibt wenig Hoffnung auf moralisches Handeln. Diese Männer handeln nach ihren Instinkten, sie sind sich selbst und ihrem eigenen Überleben hörig. Ein soziales Miteinander gibt es nur oberflächlich. Bei der ersten Gelegenheit reißt der dünne Firnis des zivilisierten Verhaltens und bringt rohe Männer ohne Gewissen zum Vorschein. 
Das mag jetzt episch und archaisch klingen, so liest sich dieses Buch auch. Man erwartet im ewigen Eis, dass gleich Frankenstein sein Monster verfolgt, dass Drax sich als ein Alter Ego von Mr. Hyde entpuppt, oder aber einer der Schiffsjungen durch Dickens eine große Erbschaft erhält.

Nah an düsteren viktorianischen Erzählungen des 19. Jahrhunderts orientierte sich Ian McGuire vermutlich für sein „Nordwasser“. Einzig den wohl berühmtesten Walfänger der Literaturgeschichte wird man hier vergeblich als Paten suchen. In Moby Dick ging es um den Kampf von Mensch gegen Tier. Der ewige Kampf von Kultur gegen Natur. In „Nordwasser“ hat das Tier keine Chance, es ist der Mensch in seiner brutalen Wildheit, vor dem man sich fürchten muss. 

Fazit

„Nordwasser“ ist kein Roman für entspannte und nette Stunden. Hier wird brutal und dramatisch der Überlebenskampf einer Mannschaft in der eisigen Wüste der Arktis beschrieben. Erzählerisch schnörkel- und erbarmungslos wird hier vom Kampf um das, was uns zu Menschen macht, erzählt. Mich hat es geschockt, fasziniert und immer wieder zum Innehalten gebracht. Doch bin ich froh, diesen außergewöhnlichen Roman gelesen zu haben.

Eure Mareike


Ian McGuire – Nordwasser
Verlag: Mare
Gebunden, 304 Seiten, ca. 22 Euro

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1 Comments

  1. Sebastian says:

    Dieses Buch habe ich in diesem Monat auch auf meiner Beobachtungliste weil ich das Szenario sehr reizvoll finde. Deine Rezension hat mir jetzt noch mehr Lust auf das Buch gemacht, gerade weil es anscheinend ziemlich düster und kompromisslos ist. Außerdem bin ich mal wieder in der Stimmung für einen Abenteuerroman und weil mich der Umfang von „Moby Dick“ bisher immer abgeschreckt hat scheint „Nordwasser“ ein guter Einstieg zu sein :D Außerdem finde ich das Cover sehr gelungen und stimmungsvoll! :)

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