Helle Helle – Wenn du magst

Ein Buch, das mir aufgrund des eher nichtssagenden Titels fast in der Masse an Neuerscheinungen entgangen wäre. Das wäre in der Tat ein Verlust gewesen. Denn diese durch und durch alltägliche Geschichte über zwei ungeübte Jogger, die sich im Wald verlaufen, hat mich ungemein in den Bann gezogen.

Woran das lag? Vermutlich an dem sehr pointierten Erzählstil von Helle Helle. Jeder Satz war prägnant, kein Wort war zu viel.

Es ist Ende Oktober, und Roar nutzt bei einer Tagung auf dem Lande die Gelegenheit und geht das erste Mal in seinem Leben joggen. Die Schuhe dazu hat er in einem Geschäft aus dem Korb gezogen und in der Eile nicht bemerkt, dass sie verschiedene Größen haben. Als Erstes läuft er sich eine schmerzende Blase. Unterwegs verläuft er sich und trifft auf eine ebenfalls joggende Frau, die sich auch verlaufen hat. Gemeinsam probieren sie die unterschiedlichsten Wege aus, ohne Erfolg.

Es ist unheimlich faszinierend, wie die Autorin innerhalb weniger Seiten eine vollkommen alltägliche Situation eskalieren lassen kann. Aus einer kurzen Runde Joggen wird eine Nahtoderfahrung allererster Güte. Der nicht mehr ganz junge Roar begeht natürlich einige vollkommen naive Fehler. Aber gut. Als erfahrene Heels-Trägerin hätte ich mich mit neuen Schuhen niemals allzu weit von mir bekannten Wegen entfernt. Ja, ich hätte nicht mal das Hotel außer Sichtweite kommen lassen. Das gewaltige Funkloch, das sich über den gesamten Wald zu erstrecken scheint, wäre für mich der nächste Grund gewesen, definitiv NICHT dort hineinzulaufen. Aber Roar ist an diesem Tag etwas neben sich und so nimmt sein Unglück seinen Lauf. Dass er zufällig auch noch eine weitere im Wald gestrandete Joggerin antrifft, ist dabei nur eine weitere Steigerung der leichten Absurdität, in die sich diese Geschichte steigert.
Beide landen schließlich zum Einbruch der Dunkelheit in einem Unterschlupf und ernähren sich von ihren letzten Pfefferminz-Kaugummis, bevor sie sich im flackernden Displayschein des Handys seinen geschundenen Füßen annehmen.
Im zweiten Abschnitt des Buchs erfährt man dann auch etwas mehr über die junge Frau: In Rückblenden wird ihr bisheriges, eher mittelmäßiges Berufs- und Beziehungsleben erzählt, während sie sich in der Gegenwart durch den Wald kämpft.

HelleHelle_Wenndumagst_Doerlemann2Man hatte das Gefühl, das stets unter der eigentlichen, alltäglichen Erzählung über die beiden Jogger noch etwas Tieferes verborgen lag. Eine düstere zweite Ebene, die stets in den normalen Gesprächen und Schilderungen mitschwang. Teilweise erwartete ich das düstere Monster, das aus dem Schatten heraustritt und die beiden erledigt. Doch es kommt ganz anders und doch nicht weniger überraschend…

Wie ich bereits erwähnt habe, hat mich der prägnante und reduzierte Stil sehr angesprochen. Das unter zweihundertseitige Büchlein kommt ohne Schnörkel oder allzu viel Personal aus. Doch hat mich etwas verwirrt, dass das Leben der Joggerin so intensiv beleuchtet wurde. So ganz hat mich der Handlungsaufbau nicht überzeugen können, weil ihr bisheriges Leben und die Notsituation in der Gegenwart nicht befriedigend miteinander verbunden wurden. Jede Ebene stand etwas für sich, das fand ich schade, denn ich habe schon auf eine saubere Verbindung der Handlungsstränge am Ende gewartet.
Vielleicht war dies aber auch naiv: Helle Helle bricht an so vielen Stellen mit den Erwartungen, spielt mit den Lesegewohnheiten des Lesers und treibt ihre Handlung mit einer tiefen Ernsthaftigkeit auf die Spitze der Ironie. Trotzdem blieb ich etwas ratlos zurück, was das Buch aber nicht weniger lesenswert machte.

Fazit


Ein kleiner Roman, der zeigt, wie nah wir uns tagtäglich am Abgrund befinden. Ein kleiner Fehltritt und alles gerät ins Rutschen. Mit klarem und nüchternem Stil führt Helle Helle ihre Figuren von einer Extremsituation in die Nächste – einen Steinwurf vom nächsten Reihenhaus entfernt. Ungewöhnlich, etwas abstrus, aber dabei sehr sehr lustig.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leer

Eure Mareike


Helle Helle – Wenn du magst 
Deutsch von Flora Fink
Verlag: Dörlemann
Gebunden, 192 Seiten, 20€

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2 Kommentare

  • Antworten Mariki 25. Oktober 2016 um 16:08

    Helle Helle. Ist das ein Pseudonym? ;)

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