Emily Ruskovich – Idaho | Einer rätselhaften Familientragödie auf der Spur

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Idaho. Das Romandebüt von Emily Ruskovich gibt mit ihrem Ein-Wort-Titel ein klares Statement, um was es im Grunde geht: Um ein mystisches, wildes Land, abseits der Zivilisation. Es geht um die Menschen, die hier leben und ihre Nähe zur Natur. 
Das ist die Verheißung hinter diesem einfachen Wort, das nach Ureinwohnern und Pferdewagen, nach Wäldern und Holzhütten klingt.

Zugleich stellt dieser Titel einen vor ein Rätsel. Er gibt einem keinerlei Hinweise auf die Geschichte dahinter. Geht es um Liebe? Um Familie oder Freundschaft? Um eine Stadt oder gar um eine ganze Gesellschaft?

Das Rätselhafte ist der Kern dieses Romans. Erst nach und nach enthüllen sich die Fakten um diese Familie, die hoch in den Wäldern lebt und die Einsamkeit sucht. Die Familie, das ist Wade mit seiner zweiten Frau Ann. Doch seine erste Frau und die beiden Töchter sind immer noch präsent. Ihre Abwesenheit, wie sie regelrecht auf dem Haus und aus Wades Leben herausgestrichen wurden, ist so präsent wie der helle Fleck, den ein fehlender Bilderrahmen an einer vergilbten Wand hinterlässt. Das Schweigen um die drei ehemaligen Bewohnerinnen ist ohrenbetäubend. Und als Wade durch eine geerbte aggressive Form der Demenz zunehmend seine Erinnerungen verliert, geht Ann auf die Suche nach den Vorfällen von damals.

Nach Details, die damals nicht in den Nachrichten waren. Kleinigkeiten, die ihr helfen, die Ereignisse zu verstehen. So nimmt sie den Leser mit auf ihre Spurensuche, bleibt dabei aber stets selbst unzuverlässig und vage.  
Nur sehr langsam und über Umwege nähert man sich den Figuren, lernt sie und ihre Motive kennen und umkreist dabei stets diesen einen Moment. Diesen Tag, der alles veränderte und große Leerstellen zurückließ. 

Ich muss zugeben, dass ich selbst nicht alle Lücken füllen konnte und noch lange dieser Geschichte und den Motiven hinter den Ereignissen nachgespürt habe. Ich frage mich: Habe ich nicht aufmerksam genug gelesen? Hätte ich Andeutungen eindeutiger interpretieren sollen? Mir bleiben viele Dinge in diesem Buch ein Rätsel, doch dies ist die Stärke dieser Studie der menschlichen Sehnsucht. Es geht um Freundschaft, Liebe und Verbundenheit.
Alle Figuren sehnen sich nach etwas, das sie so in dieser Weise nicht haben können und zerbrechen an diesem Gefühl. Sie klammern sich an Momente, kleine Gesten und Erinnerungen, die sie ausmachen. Und in ihrem Zentrum ein Mann, dem Stück für Stück all diese Dinge genommen werden. Und mit ihm schwindet die Erinnerung an seine frühere Familie und die Hoffnung, das letzte Puzzlestück zu einem großen Rätsel finden zu können. 

Fazit

Dieser Roman ist auf vielen Ebenen mystisch, spannend und zugleich deprimierend und beklemmend. Die Ereignisse offenbaren sich so zögerlich und behutsam. Besonders zu Beginn war ich sehr neugierig auf die rätselhaften Ereignisse und beschleunigte mein Lesetempo, wenn ich auf der nächsten Seite ein neues Puzzlestück erwartete. Jedoch ebbt die Spannung im Laufe der Lektüre ab. Im letzten Drittel gibt es nicht mehr viel zu erzählen, denn die Rätsel sind soweit gelöst und die letzten Fragen werden bewusst offen gelassen. 
Idaho enthält also ein gewisses Frustationspotenzial, das man aushalten können muss. Die bewussten Leerstellen, die Lücken in den Erinnerungen, die vagen Motive lassen nicht nur Ann nicht mehr los. Auch als Leser wird man sie mit sich nehmen. 

Eure Mareike

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Mit Büchern um die Welt


Emily Ruskovich – Idaho
Verlag: Hanser
Gebunden, 384 Seiten, ca. 24 Euro

2 Comments

  1. elizzy91 says:

    Hallo :) Das hört sich wirklich sehr interessant an! Das Buch kannte ich so nicht und ich weiss nicht, ob ich es ertragen könnte, wenn es so viele Lücken in der Geschichte gibt.
    Hab einen tollen Tag!

  2. Andrea Karminrot says:

    Ein Buch das man vielleicht doch nicht lesen muss. Trotzdem macht es neugierig.
    Wieder toll rezensiert.
    Lieben Gruß
    Andrea

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