Ein Abend mit Ian McEwan zu seinem neuen Roman „Kindeswohl“

Am Mittwoch hatte ich das außerordentliche Vergnügen, eine Lesung von Ian McEwan mit anschließendem Gespräch sehen zu dürfen. In den Hamburger Kammerspielen fand sich – Dank der Heymann Buchhandlungen – der berühmte wie erfolgreiche Autor ein, um über sein neustes Buch „Kindeswohl“ zu sprechen. Dass die Erwartungshaltung an ihn und sein neues Buch hoch sein würden, war wohl in dem Moment klar, als die Veranstaltung bereits nach kurzer Zeit ausverkauft war, ja, leider sogar über die Beleggrenzen hinweg, weshalb ich auf den Rang ausweichen musste.Kindeswohl Das Buch ist erst seit dem 9. Januar auf dem Markt, doch bereits in aller Munde, auch nicht zuletzt, weil es einen Nerv trifft: Religiöse Gefühle treffen auf Staatssysteme. Die Familienrichterin am obersten Gerichtshof, Fiona Maye verkörpert in ihrer logischen und disziplinierten Art das Staatssystem, das sich überraschend oft religiösen Fragen und Problemen auseinandersetzen muss. Es werden in „Kindeswohl“ unterschiedliche Fälle mit unterschiedlichen Religionen und deren Ausprägungen erwähnt; verschieden extreme Auslegungen von religiösen Riten treffen aufeinander, Krankheiten und moderne (medizinische) Technologien stehen moralischen Vorstellungen gegenüber. Ein brisantes Thema, bedenkt man die Debatten um „Pegida“ oder den religiös motivierten Terrorismus.

Dass McEwan sich nicht nur außerordentlich gut verkauft, sondern auch seit 30 Jahren den literatur- und kulturwissenschaftlichen Diskurs bereichert, zeigt sich in seiner sehr reflektierten und themenübergreifenden Gesprächsführung. Sein Interesse an institutionalisierten Einrichtungen, sein eigener Atheismus und seine Auffassung von den Aufgaben des Romans kommen zur Sprache. Dabei holt er zuweilen weit aus, baut Annekdoten ein und behält doch immer die Gesprächsfäden logisch in der Hand. Auch im Gespräch durch und durch der große Erzähler und Novellist.
Er berichtet über sein Interesse an dem Richterstand als ein eher vernachlässigter Beruf des juristischen Personals in Romanen – besonders in Krimis – und betont die fast literarische Qualität von Urteilen als eigene Kunstform. Es geht für ihn eine unheimliche Faszination von dem Richterstand aus, der die Macht hat, Menschen ihrer Freiheit zu berauben. Er verfolgt seit vielen Jahren bestimmte Richter und ihre Urteile, die nicht selten philosophische oder literarische Anklänge enthalten mit großer Aufmerksamkeit. So stieß er in den 90ern auf einen Fall, der ihn nicht mehr losließ und als Grundlage für die Handlung von „Kindeswohl“ diente.
2McEwan_Lesung_HamburgIm Zentrum steht jedoch der Fall um eine Bluttransfusion bei einem 17-jährigen Sohn von Zeugen Jehovas. Dieser intelligente, eloquente wie charmante junge Mann, den die Richterin persönlich im Krankenhaus besucht, um seine Ansichten direkt von ihm selbst zu hören – ein ungewöhnliches, inzwischen unübliches Verfahren. Mit dieser Begegnung beginnt Fionas Leben endgültig ihrer Kontrolle zu entgleiten. Es ist der klassische McEwan’sche Twist, bei dem durch eine Kleinigkeit, fast eine Unachtsamkeit ein Gefüge, eine sorgsam erschaffene Fassade zerbricht. Das Leben der Richterin wird jedoch schon zuvor erschüttert, als ihr ihr Ehemann mitteilt, dass er eine (letzte große) Liebesaffäre plant und dafür gern ihr Einverständnis haben würde. Fiona ist geschockt und verletzt und flüchtet sich in ihre Arbeit, der sie den eigenen Kinderwunsch und vielleicht sogar ihre Ehe geopfert hat.
Fiona zwingt durch ihr Urteil den jungen Mann zur Bluttransfusion, rettet ihm damit indirekt das Leben. Zugleich hat sie mit ihrem Besuch und ihrem Urteil weit mehr in dem jungen Mann bewirkt, der bisher kaum Berührungspunkte außerhalb seiner Religionsgemeinschaft hatte. Er ist fasziniert von dieser starken, eleganten Frau, die mit Logik und Methodik argumentiert – für den jungen Adam ein Novum. Er kommt schließlich aus einer Welt, die blinden Gehorsam und Glaube an eine höhere Logik fordert.

Dieser kurze Roman entwickelt in seinem zwingend logischen Ablauf eine enorme Sogkraft. Nicht selten hörte ich in den letzten Wochen, dass auch andere Leser das Buch einfach nicht aus der Hand legen konnten. Mir ging es genauso. Der kühle, eindeutig zur logischen und effizienten Denkweise von Fiona passenden Erzählton ist perfekt gewählt. Immer stärker steht er zum emotionalen Chaos, das unter der sorgsam gepflegten Oberfläche brodelt. Nach meiner eher mühsamen Lektüre von „Abbitte“, das durch ausufernde Beschreibungspassagen und einer verschnörkelten Sprache ermüdete, ist „Kindeswohl“ voll schlichter, anmutiger Sprache.

McEwan_Lesung_HamburgIan McEwan sagt gegen Ende des Abends etwas ganz entscheidendes: In einem Roman kannst du eigentlich alles und jeden zum Thema machen, doch ohne Vergnügen kann man es vergessen. Der Stoff muss interessant und fesselnd sein. Wenn es den Leser nicht dazu bringt unbedingt weiterlesen zu wollen, ist es nicht gut.
Und genau das merkt man diesem Buch an: Es ist ein Buch mit Sogkraft, voller facettenreicher Figuren, einem spannenden, anspruchsvollen Thema und einer präzisen und klaren Sprache (und Übersetzung!). Ein Buch, dass beweist,dass gute Literatur durchaus unterhaltend sein kann.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt
Eure Mareike

Eine weitere, sehr schöne Besprechung findet ihr bei Papiergeflüster.

Ian McEwan – Kindeswohl
Verlag: Diogenes
Gebunden, 224 Seiten, 21,90€

Vielen Dank an die Heymann Buchhandlungen und den Diogenes Verlag.
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5 Kommentare

  • Antworten Tintenelfe 31. Januar 2015 um 11:33

    Oh, da beneide ich dich ja! Wir lesen „Kindeswohl“ als nächstes im Lesekreis und ich hab es auch schon hier liegen. Ich freue mich schon richtig. Ich musste deinen Bericht jetzt ein bisschen überfliegen, da ich mich von einem Buch gern überraschen lasse und es mir zuviel Inhalt wurde. :-D Ich lese ihn dann später noch einmal.

    Schönes Wochenende!

  • Antworten franzischoenbach 31. Januar 2015 um 15:05

    Och wie toll, das wäre ich auch gerne gewesen. Ich mag Ian McEwan ja sehr, auch wenn nicht jedes Buch mich überzeugen kann wie zum Beispiel The Innocent. Aber Kindeswohl landet jetzt direkt auf meiner WuLi, das klingt nach einem MustRead :). glg Franzi

  • Antworten Nordbreze 31. Januar 2015 um 17:38

    Bei Ian McEwan weiß ich ja nie, ob ich ihn mag. Abbitte hat mich sehr enttäuscht, Am Strand hingegen fand ich gut. Kindeswohl klingt echt interessant, ich muss wohl aber erst einen Blick ins Buch oder in ne Leseprobe werfen, bevor ich mich zum Kauf/Lesen entscheide.

  • Antworten Melissa 31. Januar 2015 um 21:09

    Jetzt ist das Buch ganz nach oben auf meine Wunschliste gerutscht. Danke für den sehr interessanten Bericht!!

  • Antworten Die Sonntagsleserin 05/2015 – Wörterkatze – Von Büchern erzählen 2. November 2017 um 18:02

    […] Herzpotential berichtet von der Lesung zu Ian McEwans „Kindeswohl“. […]

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