Dorothy Baker – Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft

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Dorothy Bakers Roman Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft

Als ich im vergangenen Jahr die Neuübersetzung von “Zwei Schwestern” von Dorothy Baker gelesen habe, war ich restlos begeistert. Ein so progressives und zugleich zeitloses Buch hatte ich lange nicht mehr gelesen. Es war ein Hauch von modernem Klassiker, der von jeder Seite strahlte. Die Geschichte über die rivalisierenden Zwillingsschwestern und die bevorstehende Hochzeit einer von ihnen war nicht nur spannend und abgründig, sondern auch voller Zerbrechlichkeit. Kurz: eines meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre.
Selbstverständlich verfolge ich nun die weiteren Neuübersetzungen von Bakers wenigen Romanen. Ihr Erstling war “Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft” aus dem Jahr 1938. Dieser Roman, der im Original unter dem Titel “Young Man With A Horn” erschienen ist, wird jetzt sogar zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. Warum hat es fast 80 Jahre gedauert, bis es dieses Buch in den deutschen Buchhandel schaffte? 

Ich vermute, dass hier zwei Faktoren eine Rolle spielten. Zum Einen handelt das Buch von einem jungen Mann, der sich in seiner Art und in seinem Musikspiel stark an Schwarzen (im Buch wird sprachhistorisch von Negern gesprochen) orientiert. Im Deutschland der 1930er und 40er Jahre eine undenkbare Thematik für einen guten Roman! Auf der anderen Seite geht es um Jazzmusik, was ebenfalls ein skandalträchtiges Thema war. Da Dorothy Baker bereits einige Jahre nach ihrem Tod aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwand, hat es auch in späteren Zeiten keine Übersetzung ihres Erstlings gegeben. 
Umso schöner, dass es nun eine erste deutsche Übersetzung von Kathrin Razum gibt. Auch wenn die Übersetzerin keine leichte Aufgabe hatte, diesen Roman in die heutige Zeit und in eine flüssige Sprache zu holen. 

Denn “Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft” ist keinesfalls leichte Kost, wie der Titel anmuten mag. Der Roman erzählt aus Sicht eines recht allwissenden Erzählers die Geschichte des gescheiterten Jazz-Trompeters Rick Martin und seinem frühen Tod. Recht schwungvoll wird das erste Drittel im Stil eines Entwicklungsromans erzählt: Ein Waisenkind entdeckt heimlich sein musikalisches Talent, ein Außenseiter und Schulschwänzer. Er findet Freunde unter den Jazzmusikern, allesamt Schwarze, denn Jazz ist die Musik der afroamerikanischen Bevölkerung. Für die Weißen gilt er (noch) als subversiv und unfein. 
Doch Rick hat seine Bestimmung gefunden. Sein Trompetenspiel wird zur Obsession, sein Leben findet in steter Ekstase, im Dauer(alkohol)rausch und im ständigen Bruch der Konventionen statt. Ab hier wird die Erzählweise ebenfalls soghaft, ekstatisch. Man wird in die benebelten Gedanken von Rick gezogen, ohne dass der Erzähler seine Distanz vollständig aufgibt. Ein erzählerischer Drahtseilakt, der auch den Leser zeitweise verwirrt.

Fazit

Dorothy Baker ging in diesem Buch an Grenzen und erzählt keine konventionelle Geschichte. Doch wo “Zwei Schwestern” in sich geordnet und flüssig, ja fast sogartig zu lesen ist, stellt einen ihr Debüt regelmäßig vor die Herausforderung, den Gedankenströmen folgen zu können. 
Doch ist es das wert: Der Roman gilt nicht umsonst als der Prototyp eines ganzen Genres (dem des Jazz-Romans) und hat seine Autorin über Nacht in den Fokus der Literaturkritik gerückt. Die sowohl finstere wie auch faszinierende Geschichte vom Jazz-Trompeter Rick Martin lässt einen auch nach dem Beenden des Buches nicht mehr los. 

Es gab Rick Martin zwar nicht, doch gab es reale Vorbilder, und allein deshalb lohnt es sich, nach der Lektüre den Plattenspieler abzustauben und eine entsprechende Schallplatte aus den 30er Jahren aufzulegen, an Rick zu denken, an die verrauchten Clubs und die schönen Frauen in ihren betörenden Kleidern. Denn Glamour und Elend liegen in all den Romanen aus dieser Zeit einfach verdammt nah beieinander. 

Eure Mareike


Dorothy Baker – Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft
Übersetzung: Kathrin Razum
Verlag: dtv
Gebunden, 272 Seiten, ca. 20 Euro

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3 Comments

  1. Bri says:

    Wie schön, jetzt freue ich mich noch mehr auf die Lektüre. Es liegt bei mir auch schon bereit. Und was Du über Zwei Schwestern schreibst stimmt auf den Punkt genau. So ging es mir auch und mit Stoner ist das ein Buch, für dessen Verfügbarkeit in deutscher Sprache ich DTV sehr, sehr dankbar bin. LG, Bri

  2. Katharina says:

    Liebe Maike, deine Rezension trifft den Nagel auf den Kopf. Das Buch war mein erster Parker und bei dem Titel hatte ich tatsächlich eine heitere Geschichte erwartet. Die Lebensgeschichte jedoch, die Dorothy Parker entwirft, ist sehr bewegend und mitunter todtraurig. Gefallen hat mir ihr Erzählstil, den ich sehr außergewöhnlich finde. Nach deiner Empfehlung werde ich “Zwei Schwestern” jetzt unbedingt auf meine Leseliste setzen.
    – Katharina

    1. Mareike says:

      Liebe Katharina,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Ja, bitte, lies unbedingt “Zwei Schwestern”. Ein so tolles Buch! Du wirst es lieben, ich glaube fest daran!
      Viele liebe Grüße
      Mareike

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