Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart

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Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart neben einer Schmuckschale und Nagellack

Edith Wharton gilt als eine der bedeutendsten amerikanischen Schriftstellerinnen. Ihre Romane, allen voran “Zeit der Unschuld”, der zusätzliche Berühmtheit durch seine Verfilmung von Martin Scorsese erlangte, gelten als Klassiker der amerikanischen Literatur. Ihre bissigen Gesellschaftsromane offenbaren die veralteten Strukturen der New Yorker High Society. 

Doch ich bin ganz ehrlich: Dämmerschlaf fand ich stilistisch eher einschläfernd und weitere Romane von ihr habe ich nach einigen Kapiteln abgebrochen. Ganz anders verhielt es sich bei “Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart”. Ich habe das 470-Seiten starke Werk in kurzer Zeit durchgelesen, habe mit Lily mitgelitten und fühlte mich an meine geliebte Jane Eyre-innert. Also ein vollkommen anderes Leseerlebnis als bei den vorangegangenen Büchern. Dies kann durchaus an der sehr guten und flüssigen Übersetzung von Heddi Feilhauer liegen, die dem etwas in die Jahre gekommenen Stil von Edith Wharton ein wenig Schwung verliehen hat. 

Aber auch inhaltlich ist dieser Roman weitaus spannender, weil handlungsgetriebener als “Dämmerschlaf” und Co. Lily Bart ist eine nicht mehr ganz junge Frau, die für ihre außergewöhnliche Schönheit und ihren Charme überall bewundert wird. Die gesamte höhere New Yorker Gesellschaft rechnet ihr die besten Chancen auf dem Heiratsmarkt aus, als sie einige Jahre zuvor debütiert. Doch sie hat einige sehr wohlhabende Kandidaten vorbeiziehen lassen, ungünstig gleichzeitig angeflirtet oder einfach den richtigen Moment verpasst. Inzwischen ist sie Ende Zwanzig, immer noch wunderschön, doch die geeigneten Ehemänner werden weniger. 

Der Roman beginnt mit einer etwas ungewöhnlichen Begebenheit: Lily verpasst ihren Zug, als sie in New York umsteigen will und muss zwei Stunden zum nächsten überbrücken. Etwas plan- und ziellos steht sie am Bahnhof, als ihr der ihr lose bekannte Anwalt Lawrence Selden über den Weg läuft. Nach kurzem Geplänkel landen sie in seiner Wohnung – zum Tee. Für die damalige Zeit eigentlich ein Skandal, denn die beiden sind dort allein. Der Nachmittag verändert Lilys Leben auf zwei Arten: Zum Einen heizt er dank einer Zufallsbegegnung beim Verlassen des Hauses ordentlich die Gerüchteküche an. Zum Anderen beginnt Lily über sich und über Statushochzeiten vollkommen anders zu denken. 

Es folgt Reihe von Intrigen, Missverständnissen und Unglücksfällen, die Lily zusehens an den Rand der guten Gesellschaft drängen. Einzig ihre Freundschaft zu Selden, selbst als praktizierender Anwalt eher liebgewonnener Zaungast der Bälle und Landpartien, gibt ihr immer wieder Halt und eicht ihren moralischen Kompass. Doch eine Ehe mit dem sozial weit unter ihr stehenden Mann? Das kommt für sie nicht in Frage. Ihre Mutter predigte ihr stets, ihr Äußeres sichere ihr ihren Anspruch auf eine sehr gute Partie – sie habe ein Recht darauf. 

Mit unglaublicher Lust und Zynismus lässt Edith Whaton ihre naive Lily durch viele Intrigen stolpern. Zwischen Mitleid und Faszination schwankend begleitet man die junge Frau auf ihren Weg nach unten. Dabei ist sie einem nie unsympathisch, sie erscheint einem nie hilflos. Lily Bart ist auf ihre Art patent und sich ihrer eigenen Grenzen bewusst. Sie erkennt ihr eigene Unfähigkeit, etwas anderes zu sein als dekorativ. Der Leser bemerkt in ihren Gesprächen mit Lawrence sogar den Funken für weitaus mehr, doch die Konvention hindert sie selbst daran über den Tellerrand zu blicken. 

Als sie gegen Ende einer jungen ehemaligen Lungenkranken begegnet, der sie durch Wohltätigkeit zu einem Sanatoriumsbesuch verhalf und die nun ein vollkommen anderes Leben führt, scheint sie die Möglichkeit eines tiefgreifenden Wandels zu begreifen. Aber sie schreckt zugleich vor der Vorstellung zurück, ebenfalls vollkommen neu zu beginnen. Edith Wharton hat hier und an vielen anderen Stellen verschiedenste Frauenbiografien ihrer Zeit illustriert. Von verwitweten Grande Damen über graue alte Jungfern, die unglückliche, ehebrecherische Ehefrau bis hin zur flotten Angestellten, die sich ihren Traum durch harte Arbeit verwirklicht. Lily sieht sie alle, bewundert jede für ihren eigenen Weg und steht selbst doch ziellos dazwischen.  
So ist die erste Szene am Bahnhof, wo sich alle nach ihrer bestechenden Schönheit umdrehen und doch hastig vorbeigehen, symptomatisch für den gesamten Roman. Es ist der Anwalt Selden, der selbst abseits des Trubels steht, der sie bemerkt und vor allem auch ihre Ziellosigkeit erkennt. Er ist ihr Rettungsanker, und doch stellt sich die Frage, ob sich Lily retten lassen will und kann. 

Ein fantastischer Roman über die Doppelzüngigkeit der New Yorker High Society, die Abgründe der Heiratspolitik und die Frage nach dem eigenen Weg innerhalb dieser engen Welt. Lily Bart hat mich – nicht zuletzt wegen der hervorragenden Neuübersetzung – von der ersten Seite an restlos begeistert. Hier zeigt sich, warum Edith Wharton als eine der ganz großen amerikanischen Autorinnen gilt.

Eure Mareike


Edith Wharton – Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart
Aus dem Amerikanischen von Heddi Feilhauer
Verlag: Ebersbach und Simon
Gebunden, 464 Seiten, ca. 22 Euro

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1 Comments

  1. Nanni says:

    Eine tolle Rezension. Ich weiß nicht, ob der Roman inhaltlich hundertprozentig was für mich ist, aber ich finde du bringst deine Begeisterung dafür so großartig herüber, dass ich ihn schon gerne lesen würde :D
    Ich werde das Buch einfach mal im Auge behalten.

    Liebe Grüße,
    Nanni

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