Die Frage nach der Selbstoptimierung

Posted on

Wir nähern uns mit großen Schritten der Zeit der Besinnung und der Rückschau. Damit geht meist einher, dass wir auch überlegen, wohin es gehen kann, was gut lief in unserem Jahr, aber auch was nicht so gut lief.

Sehr schnell ist man dann natürlich bei den Punkten, an denen man darüber nachdenkt, was man hätte besser machen können. Wo bin ich selbst nicht so, wie ich es gern wäre? Welche Angewohnheiten haben sich wieder stärker eingeschliffen und warum komme ich nicht dagegen an?
Klar: Es geht hier um Vorsätze und Veränderung. Das ständige Gefühl, sich selbst nicht genug zu sein. Ein Gefühl, das besonders Frauen sehr stark und in der ein oder anderen Ausprägung ständig fühlen. Sei es im Beruf, in der Beziehung, bei der Ernährung, dem eigenen Gewicht oder einfach der täglichen Routine. Irgendwo geht da sicherlich noch etwas.

Ich nehme mich da kein Stück aus. Niemand macht mir selbst so viel Druck wie ich mir selbst. Während des Studiums haben wir Michel Foucault gelesen. Eines der Bücher des Soziologen heißt “Überwachen und Strafen”. Darin geht es um den schrittweisen Prozess, die Gewalt und vor allem das Strafsystem von Außen langsam ins Innere zu verlagern. Es geht um die Verinnerlichung des gesellschaftlichen Systems. Wir haben das Thema Bestrafung dann auf den modernen Menschen übertragen. Zunächst kommt die Strafe ausschließlich von Außen (Eltern, Erzieher etc.), doch mit der Zeit verlagert sich der Bestrafungsmechanismus in das Innere des Menschen in Form einer eigenen Moral, Selbstzweifel und Selbstdisziplinierung.

Wenn ich an dieses Buch denke frage ich mich manchmal, ob wir modernen Menschen, insbesondere wir gebildeten, modernen Frauen nicht die höchste Stufe dieser Entwicklung sind. Wir machen für uns die Selbstdisziplinierung, die Selbstbestrafung zur höchsten Lebensaufgabe. Die neue Hose passt nicht? Du ernährst dich halt nicht clean und gesund genug, mach mehr Sport! Kauf dir neue Laufschuhe.
Warum schaffen es andere Frauen so dünn und aktiv zu sein, aber du nicht?
Du ertrinkst in Arbeit? Dann musst du dringend an deinem Zeitmanagement arbeiten – Kauf dir einen neuen Terminkalender!
Es ist deine Schuld, wenn du die Arbeit nicht schaffst. Jemand anders würde sie schaffen.
Ich kann brutal und unbarmherzig mit mir selbst sein. Und die letzten Monate haben mir immer wieder gezeigt: Ich habe für die Schwächen von anderen eine Menge Verständnis. Für die eigenen aber nicht.

Ich schaue auf dieses Jahr zurück und sehe vieles, was gut für mich lief. Doch gönne ich mir kaum die Gelegenheit, das wirklich wertzuschätzen. Zu viele Dinge ärgern mich an mir selbst. Dieses Grundgefühl der Unzufriedenheit ist meine größte Schwäche, vermute ich.
Mehr Dankbarkeit für das, was ich habe und Genuss des privilegierten Lebens, ohne zu vergessen, dass es da schwächere, weniger begüterte in unserer Gesellschaft gibt, ist mein Ziel.

Doch wie findet man sein besseres Ich?

Irgendwo zwischen spätkapitalistischen Gelüsten nach den perfekten Dingen, die mein Leben endlich in die richtige Spur bringen und Büchern, die mir sagen, dass ich das alles nicht brauche, suche ich oft nach dem Mittelweg.
Ich brauche nicht das schnieke Eigenheim und das neue große Auto für das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Ich kann mich aber auch nicht in eine einsame Waldhütte zurückziehen und meine Tochter mit Beeren und Rüben großziehen. Genauso wenig will ich weiterhin Teil einer Gesellschaft sein, die mir so tief in meine Seele eingedrückt hat, dass ich stets ungenügend bin und die ganz offensichtlich unseren Planeten zerstört.

Was bin ich meiner Tochter für ein Vorbild, wenn ich so hart zu mir selbst bin und mich ständig bis an die eigene Belastungsgrenze bringe? Ich merke jetzt schon, wie sie ihr Leben in To-Dos gliedert und keine Minute ungenutzt lässt. Effizienz ist jetzt schon oft Teil ihres Handelns. Ist das gut? Sollte ich ihr nicht besser vorleben, dass jeder seine Auszeiten braucht und man gut zu sich selbst sein muss?

Ein Experiment, eine Suche

Ich begebe mich also auf eine Suche. Eine Suche nach mir selbst (was für eine Plattitüde!), einer besseren Version von mir, die hoffentlich gnädiger mit sich selbst ist. Weniger Druck auf sich selbst aufbaut und zugleich neue Wege findet, in einer Welt voller Probleme und ungelöster Herausforderungen einen Unterschied zu machen.

Werdet ihr mich auf meinem Weg begleiten?
Ich werde vermehrt Ratgeber lesen, mich intensiver mit dem Weiterbildungsprogramm der Female Future Force beschäftigen und auch im Alltag versuchen, mehr darauf zu achten, mit welcher Einstellung ich an die Dinge des Alltags gehe.
Und ich freue mich auf den Input und Austausch mit euch.

Frohe Weihnachtszeit!
Mareike

  • Share

9 Comments

  1. Brösel says:

    Ja, Mareike, ich verstehe Dich so gut und begleite sehr gerne Deinen Weg vom neuen “Selbstentdecken”. Wundervoll verständlich geschrieben und garantiert entdecken sich darin mehrere wieder. Da schließe ich mich nicht aus. Alles Liebe und eine tolle Weihnachtszeit, Deine Brösel

    1. Mareike says:

      Vielen Dank, meine Liebe! Ich freue mich, wenn ich nicht allein bin auf diesem Weg!

  2. Steffi says:

    In deinem Text finde ich mich ein Stückweit wieder. Vermutlich sogar mehr als das. Danke.
    Steffi

    1. Mareike says:

      Liebe Steffi,
      dabei bist du für mich immer sehr klar und geerdet. Das, wo ich mal hin möchte :O
      Viele Grüße
      Mareike

  3. Bri says:

    Was für ein schöner, klarer Post, Mareike. Wir hatten ja schon mal ansatzweise darüber gesprochen, dass gerade wir Frauen häufig so unterwegs sind und ich bin ja ein großer Fan der Bücher Brené Browns … und freue mich schon sehr auf ihr neues … Herzliche Grüße, Bri

    1. Mareike says:

      Liebe Bri,
      deine Gespräche bringen mich jedes Mal ein Stückchen weiter. Vielen Dank dafür!
      Viele Grüße
      Mareike

      1. Bri says:

        Ach hör auf – das beruht doch auf Gegenseitigkeit. Ich unterhalte mich sehr sehr gerne mit Dir!! Du bist aber auch ein sehr offener Mensch dafür – und dafür habe ich zu danken. Liebe Grüße, Bri

  4. Yvonne says:

    Liebe Mareike,
    dein Text spricht mir SO aus der Seele! Ich kann wirklich alles nachvollziehen und ich selbst habe 2016 auch schmerzhaft erfahren müssen, was es heißt, Stopp zu sagen. Wenn der Körper und Geist eine Pause brauchen, wenn man sich einfach mal ausruhen muss, ohne an die To-Do-Liste zu denken oder was man alles noch besser machen könnte.
    In einem Artikel in der Happy Ways Zeitung habe ich gestern auch von einem Faultier gelesen. Es nimmt sich den Baum, der gerade frei ist und sucht nicht ewig nach dem Besten. Einfach mal öfters zufrieden sein, nicht immer nach dem Allerbesten, mehr Leistung streben.
    Danke für deinen tollen Beitrag!
    Liebe Grüße,
    Yvonne :)

Leave a comment

Your email address will not be published.

Bitte erklär dich damit einverstanden, dass deine Daten einzig für den Zweck des Kommentarschreibens in unserem System gespeichert werden.