Didi Drobna – Als die Kirche den Fluss überquerte

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Manche Familien müssen erst auseinander brechen, um wieder zusammen zu finden. So auch die Familie von Daniel, dem Protagonisten aus Didi Drobnas Roman “Als die Kirche den Fluss überquerte”.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Daniel, der alterslos bleibt, aber wohl ein klassischer Halbwüchsiger ist. In seinem Leben läuft alles so, wie es sein soll – bis zu dem Tag, an dem die Küche brennt. Die Familie – bestehend aus Vater, Mutter, Schwester Laura und ihm – ist gerade auf dem Weg in den Urlaub, muss dann aber erst einmal den Brand löschen. Von da an gerät alles nach und nach aus den Fugen. Im anschließenden Urlaub trennen sich die Eltern und Daniel gerät aus dem Tritt. Nichts ist mehr so, wie es sein soll und er muss sich seinen neuen Platz im Leben suchen. Der Zerfall seiner gewohnten und bekannten Familie hat drastische Folgen für Daniel: Er will der starke Mann im Haus sein, will Künstler werden wie Großcousine Miriam, Lebemann wie Onkel Billy und eine Frau finden, die wie seine Schwester Laura ist, in die er heillos verliebt ist. Immer und immer weiter dreht sich für ihn die Spirale, immer weiter verliert Daniel alles um sich herum aus den Augen. Doch dann passiert das Unfassbare: Bei seiner Mutter wird eine Parkinson-Demenz diagnostiziert, die schneller voranschreitet, als es den Familienmitgliedern lieb ist. Und während die Familie eigentlich gerade zerfällt, muss sie sich doch wieder zusammenfinden.

Didi Drobna schreibt darüber, wie seltsam, irrational, abartig und menschlich wir uns in Stresssituationen verhalten. Dafür mutet sie nicht nur ihren Charakteren emotional einiges zu, sondern auch ihren Lesern. Sie schreibt schonungslos ehrlich, nimmt kein Blatt vor den Mund und scheut sich nicht vor den schmerzhaften Dingen des Lebens. Im Verlauf des Buches erinnert sich Daniel immer wieder an Erlebnisse aus seiner Kindheit und Jugend, die nur selten schön sind, sondern teils auch leicht schockierend. Er schämt sich für viele Dinge und ich hab mich beim Lesen mit ihm geschämt. Dennoch, nur so ist nachvollziehbar, wie Daniel zu dem übermäßig verantwortungsbewussten Fast-Erwachsenen werden konnte, der doch unter der Last seiner selbst gestellten Aufgabe fast zusammenbricht.

Mit den Charakteren des Buches konnte ich mich überhaupt nicht anfreunden, allen voran Daniel war mir grandios unsympathisch. Die Emotionalität, mit denen die Charaktere nahezu durchgehend agieren, war mir auf Dauer zu aufdringlich. Einzig der Vater, der trotz seiner Abwesenheit immer anwesend zu sein scheint, war ein ruhiges Gegengewicht zu den anderen Mitgliedern der Familie. Erst zum Ende des Buches kommt die Familie noch einmal zurück in ihr altes Gleichgewicht – ein versöhnliches Ende, bei aller Dramatik und Traurigkeit, die die Geschichte mit sich bringt.

Fazit

Keine leichte Kost ist der Roman von Didi Drobna, auch wenn der Anfang etwas anderes vermuten lässt. “Als die Kirche den Fluss überquerte” geht durch Mark und Bein. Ein ernstes Buch, das von der poetischen Sprache seiner Autorin profitiert, die selbst im größten Chaos noch schönes hervorzaubert.

Eure Maike

Didi Drobna – Als die Kirche den Fluss überquerte
Verlag: Piper
320 Seiten, Hardcover, 20 €

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2 Comments

  1. Eva Jancak says:

    hab ich auch gelesen

    1. Mareike says:

      Vielen Dank, Eva. Gern das nächste Mal ein längerer Kommentar und nicht nur deinen eigenen Link dalassen. So viel Höflichkeit wünsche ich mir. Mareike

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