Cynthia D’Aprix Sweeney – Das Nest

Es geht auf Weihnachten zu und damit auch wieder das Taktieren mit den (zu erwartenden) Geschenken. Kauft man sich jetzt noch das eine Buch oder wartet man lieber bis Weihnachten und hofft, dass es unterm Baum liegt? Wie viele Gutscheine kann man wohl erwarten und schenkt Tante XY wohl wieder das Duschgel? Wie praktisch, dass man einige Dinge erwarten kann, weil Menschen nunmal durchschaubar sind. Doch die menschliche Natur ist natürlich nicht in allen Punkten so durchschaubar. 

Wie sehr man sich verschätzen kann, wenn man sich zu sehr auf etwas verlässt, zeigt der Roman „Das Nest“ von Cynthia D’Aprix Sweeney. Denn das titelgebende Nest ist in Wirklichkeit ein elterlicher Fond, der vom Vater sehr vorausschauend und mit viel finanziellem Feingefühl vor Jahrzehnten eingerichtet wurde. Zum vierzigsten Geburtstag der jüngsten Tochter soll dieser nun an alle vier Geschwister ausgezahlt werden. Dass dieser Tag kommen wird und sie eine wirklich große Geldsumme erwartet, ist den vieren stets bewusst. Entsprechend verhalten sie sich. Es heißt, dass Menschen, die eine größere Geldsumme erwarten ihr Konsumverhalten der erwarteten Summe anpassen. Sie geben also schon das erwartete Geld aus BEVOR sie es eigentlich in den Händen halten.
Exakt das trifft auf diese vier zu, die stets „Das Nest“ bei ihren Plänen mit einbeziehen. Sie nehmen Hypotheken auf oder planen für ihre Kinder die teuersten Privatuniversitäten ein, weil sie ja wissen, dass das große Geld in naher Zukunft kommen wird. Diese süße Hoffnung zieht sich von ihrer Jugend bis in ihre 40 Jahre, wenn ihnen „Das Nest“ ausbezahlt werden soll.

Das gemachte Nest

Doch leider müssen sich drei der Geschwister der harten Realität stellen, dass die Mutter von ihrem außerordentlichen Recht Gebrauch gemacht hat, um für einen Notfall fast das gesamte Geld aus dem Fond zu nehmen und dem ältesten Sohn Leo zu geben. Leo hatte kürzlich einen schlimmen Autounfall, der ihn mitten in einer sehr delikaten Lage ereilte. Die junge Kellnerin – die natürlich nicht seine Frau war – war gerade in seinem Schritt zu Gange, als das Auto von der Straße geriet. Sein erfolgreiches Leben wechselte von einer Sekunde zur anderen – zu einem Rechtsstreit mit der jungen Frau, die schlimme, bleibende Verletzungen davon trug, und einer unschönen Scheidung.
Seine Geschwister Melody, Jack und Bea kennen ihren Bruder leider nur zu gut, dass sie befürchten müssen ihr Geld niemals wiederzusehen. Ungünstigerweise haben sie viele Jahre so gelebt, als hätten sie das Geld bereits. Alle haben Schulden und führen einen Lebensstil, der ihren Einnahmen nicht entspricht.

Dieser Roman erzählt von vier sehr unterschiedlichen Geschwistern, die der gehobenen New Yorker Gesellschaft entstammen. Durch ihre vier sehr unterschiedlichen Lebensentwürfe und Umfelder wird ein kritischer Blick auf die Upper Class geworfen. Es geht um eine Gesellschaft, die auf Pump lebt und immer davon ausgeht, dass es schon gut gehen wird. Die vier Geschwister gehen mit einer hochnäsigen Anspruchshaltung an ihr Leben, die einem Durchschnittsverdiener so manches Mal eine steile Falte auf der Stirn entstehen lässt. Die Probleme sind durchgängig hausgemacht. Die Reaktionen nicht selten durch die komplizierten Beziehungen der Familie untereinander stets angespannt und leicht überzogen. Doch spürt man die Verzweiflung und Ausweglosigkeit der Figuren, die eindeutig alle keinen Plan B abseits der Erbschaft haben.

Ein bisschen fühlt man sich hier auch ertappt, wenn man an die großen Weihnachtseinkäufe denkt, die man VOR dem Erhalt des Weihnachtsgeldes getätigt hat. An die Schulden, die man natürlich in Kauf nimmt, wenn man für einen neuen Job umzieht oder einen Kredit für ein Haus aufnimmt mit dem festen Glauben, dass man immer einen guten Job haben wird.

Dieses Buch ist unterhaltsam und sympathisch eingängig, weil die Figuren zugleich plausibel und authentisch aus ihren begrenzten Blickwinkeln heraus agieren (kaum einer interessiert sich für etwas anderes als das eigene Ansehen), und doch irgendwie harmlose Probleme haben, die dem Leser nicht viel abverlangen. Zugleich zeigt die Autorin sehr viel wirtschaftliche Einsicht und bietet tiefe Einblicke in die geltungssüchtige Upper Class.

Fazit


Für mich das Überraschungsbuch 2016. Mit spitzem Humor und einem scharfen Blick auf die New Yorker Upper Class erzählt Cynthia D’Aprix Sweeney einen Familienroman, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Ein Highlight!

Eure Mareike


Cynthia D’Aprix Sweeney – Das Nest
Verlag: Klett-Cotta
Gebunden, 410 Seiten, 19,95€

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11 Kommentare

  • Antworten Silvia 16. Dezember 2016 um 16:20

    Ach ja, die New York Bücher. Irgendwie spielt gefühlt jedes zweite Buch dort ;)).
    Engagierte Besprechung eines Buches, das mich schon vorher interessiert hat. Wie kann ich es jetzt nicht lesen?
    Schöne Feiertage!
    Silvia

    • Antworten Mareike 18. Dezember 2016 um 21:11

      Liebe Silvia,
      vielleicht muss ein vielschichtiger amerikanischer Roman in New York spielen, wie ein charmant britischer in London?
      Ich habe ihn auf jeden Fall sehr genossen und wünsche dir auch viel Vergnügen damit.

      LG
      Mareike

  • Antworten Ela 16. Dezember 2016 um 18:28

    Ich kann deine Begeisterung so gut nachvollziehen!
    Ich hab es als Hörbuch gehört und fand auch, dass es ein richtiges Highlight in diesem Jahr war.
    Könnte mir auch sehr gut eine Verfilmung vorstellen!
    Liebe Grüße
    Ela

  • Antworten Yvonnes Lesewelt 17. Dezember 2016 um 21:18

    Hey!
    Ich glaube, das Buch wäre nicht so nach meinem Geschmack. Aber, ich muss trotzdem meinen Senf hier abgeben. Ich mag die Art, wie du diese Rezension geschrieben hast total. Der Bezug auf die Weihnachtsgeschenke und die Erklärung, was das Nest ist. Irgendwie macht es diese Rezension so anders, so individuell. Es hat total Spaß gemacht, sie zu lesen.
    DANKE und einen schönen 4. Advent
    Yvonne

    • Antworten Mareike 18. Dezember 2016 um 21:13

      Liebe Yvonne,

      das ist eines der schönsten Komplimente: Wenn du meine Besprechung gern gelesen hast – ganz unabhängig vom Buch. Wie lieb! Vielen Dank dafür und dir auch einen schönen 4. Advent :)
      Mareike

  • Antworten Steffis Bücherkiste 18. Dezember 2016 um 00:19

    Es steht auf meinem Weihnachtswunschzettel (mit 9 anderen Büchern). Mal schauen, ob das Christkind sich gnädigt zeigt! :-)

  • Antworten Nanni 18. Dezember 2016 um 06:50

    Hey,
    tolle Rezension.
    Ich mochte das Buch auch sehr gerne. Leider hat es mich ein wenig in ein Lesetief gerissen, da alle Bücher, die ich seitdem aufgeschlagen habe, nicht annähernd mitreißend sind. Ich glaube es ist ein bisschen die gewisse Form von Voyeurismus, die D’Aprix Sweeney nutzt, die den Roman so fesselnd macht.
    Für mich persönlich liegt der Fokus weniger auf der Upper Class, als vielmehr auf dem Konstrukt der Familie, die sich nicht auf zwischenmenschliche Fähigkeiten stützt, sondern auf eine materielle Basis, die ihnen Nestwärme ersetzt. Sie bauen Fassaden auf, die ihnen ein Miteinander erschweren. Eine Scheinwelt – und da kreuzt es sich ja wieder mit dem typischen Leben der Upper Class -, die jeder individuell errichtet hat und die mit dem Sturz des Nests zerbröckelt.
    Ich kann manchmal schlecht aus meiner Pädagogen – Haut schlüpfen :D
    Im Endeffekt ist der Roman eben einfach sehr unterhaltsam.

    Liebe Grüße
    Nanni

    • Antworten Mareike 18. Dezember 2016 um 21:16

      Liebste Nanni,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Natürlich ist dieser Roman unheimlich vielschichtig. Ich habe lange hin und her überlegt, worauf ich meinen Fokus bei der Besprechung legen möchte. Du hast natürlich recht, dass die Familiendynamik eine sehr zentrale Rolle spielt. Ich habe aber mehrere Besprechungen gelesen, die dies bereits angesprochen haben und deshalb dachte ich: hey, leg den Fokus auf einen anderen Aspekt. Ich finde ja, man hätte eine komplette Kapitalismuskritik oder eine über Homosexualität oder Liebesbeziehungen schreiben können. Der Roman gibt einfach sehr viel her.

      Ganz liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten Nanni 19. Dezember 2016 um 11:18

    Da gebe ich dir absolut Recht.
    Ich mag es sehr, wenn unterschiedliche Leser unterschiedliche Dinge für sich rausziehen können.

    Viele liebe Grüße
    Nanni

  • Antworten schonhalbelf 21. Dezember 2016 um 10:14

    Ich werde es hoffentlich dieses Jahr auch noch lesen (liegt schon bereit) und freue mich jetzt umso mehr darauf.

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