Celeste Ng – Kleine Feuer überall

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Celeste Ng Kleine Feuer überall neben Kuchen und Tee

Im vergangenen Jahr sorgte der Debütroman von Celeste Ng für wahre Begeisterungsstürme unter einigen meiner liebsten Blogger. In “Was ich euch nicht erzählte” geht es um ein verschwundenes Mädchen und wie das Verschwinden die Familie an ihre Grenzen treibt. Jetzt ist bereits ihr zweiter Roman erschienen – mit einem Thema, das mir etwas weniger emotional triggernd erschien. Deshalb wagte ich mich dieses Mal direkt an die Lektüre und habe mein bisheriges Jahreshighlight gefunden.

“Kleine Feuer überall” erzählt von zwei Familien, deren Leben sich auf sehr komplexe Weise miteinander verschlingen, was schließlich zu einer Katastrophe führt. Ein nicht ganz so eindringliches Thema wie in ihrem Debüt, doch nicht minder fesselnd. 

Der Roman beginnt mit den titelgebenden kleinen Feuern: Systematisch in jedem Raum ist ein Feuer gelegt worden und jetzt brennt das elegante Vorstadthaus bis auf die Grundmauern ab. Nun wird die gesamte Community in Shaker Hights erkennen, dass diese scheinbar perfekte Vorzeigefamilie nicht ganz so perfekt ist. 

Mit diesem Einstieg ist die Spannung vorprogrammiert und Celeste Ng baut immer wieder solche kleinen Vorausdeutungen ein, die dem zunächst unschuldigen Setting einen leicht bedrohlichen Touch geben. Man möchte unbedingt herausfinden, was hinter der Fassade der erfolgreichen Familie zu einer solchen Katastrophe führen konnte.  
Kammerspielartig werden zunächst die beiden zentralen Familien vorgestellt, aus deren Aufeinandertreffen sich die vielen kleinen Feuer entwickeln. Zum Einen ist da Mrs Richardson, vierfache Mutter, Regionaljournalistin und sehr engagiert in der Shaker Heights Gemeinde. Ihr Ehemann ist sehr erfolgreicher Anwalt und verbringt den größten Teil seiner Zeit bei der Arbeit. Die vier Kinder, alle mit nur einem Jahr Abstand geboren, sind inzwischen Teenager und bis auf eine Ausnahme Vorzeigekinder. Einzig die Jüngste, Izzy, gilt als merkwürdig und rebellisch. Es ist schnell klar, dass sie das Haus anzünden wird. Doch bis zum Einzug der Künstlerin Mia und ihrer Tochter Pearl in eine der Mietwohnungen der Richardsons ist Izzy zwar merkwürdig, aber ingesamt eher unauffällig. 
Es ist der Zusammenstoß der zwei vollkommen unterschiedlichen Lebensmodelle, der die Ereignisse ins Rollen bringt. Mia hält sich nie lange an einem Ort auf. Sie und Pearl besitzen nicht mehr als in ihren Van passt. Wenn Mia eine Schaffensphase für beendet erklärt, brechen sie all ihre Verbindungen ab und ziehen in die nächste Stadt. Immer auf der Suche nach frischen Impulsen, Weiterentwicklung und neuen Begegnungen. Für Pearl, die bei den Richardsons ein anderes Leben kennengelernt hat, eine zunehmend belastende Erfahrung. Sie findet in Moody, dem mittleren Sohn, endlich einen Freund und somit erstmals einen Anker und einen Grund, sesshaft sein zu wollen. Durch Moody lernt sie eine ganz andere Lebensweise kennen. Seine Mutter lebte schon immer in Shaker Heights und identifiziert sich vollkommen mit dem geordneten, sauberen Leben in dieser Plansiedlung. Hier hat alles seinen Platz, Besitz und Status sind selbstverständlich und logisch. Für die Richardsons, vor allem für die Mutter, ist es unvorstellbar, dass jemand freiwillig ein anderes Leben will. 
Nicht nur in diesem Punkt unterscheiden sich die beiden Frauen, auch ihre Art der Erziehung und ihr Umgang mit ihren Kindern unterscheidet sich stark. Izzy hat das Gefühl, endlich die Mutterfigur gefunden zu haben, die sie bisher nicht kannte. Und Pearl fühlt sich in der Gemeinschaft der Richardson-Geschwister erstmals nicht ruhelos.

Nebenbei wird die Geschichte eines befreundeten Pärchens der Richardsons erzählt, die gerade ein Findelkind adoptierten, nachdem die beiden viele Jahre vergebens versucht hatten, selbst Kinder zu bekommen. Dass dieses Kind asiatische Wurzeln hat, spielt für die beiden zunächst keine Rolle, doch als sich plötzlich die Mutter meldet, eine mittellose Migrantin, wird dies zum Politikum. All das angesiedelt in den 1990er Jahren, abseits von Handys, Internet und sozialen Medien, gibt den Figuren genügend Zeit, um ihre Probleme langsam zu entwickeln und abzuwägen. Ich mochte das Nineties-Feeling, das dezent, aber nie plump durch die Zeilen hindurchscheint.

Celeste Ng greift so viele Themen auf, dass ich sie kaum alle nennen kann: Es geht um Mutterschaft, um die Sehnsucht nach Sinn, Rassismus, Adoption, erste Liebe, Zugehörigkeit, Familie und Kunst. Besonders die Frage, ab wann man eine Mutter ist und wer darüber entscheidet, spielt eine zentrale Rolle. Es geht um gewollte und ungewollte Mutterschaft und die damit verbundenen Herausforderungen. 

Doch habe ich auch die Abschnitte über Mias Kunst und die Fotografie sehr gern gelesen. Denn Celeste Ng schafft es, sehr klug und kundig in wenigen Worten komplexe Schaffensprozesse zu beschreiben. Ich hatte direkt Lust, in die nächste Kunstgalerie zu gehen. Allein hierüber könnte ich einen eigenen Artikel verfassen. Kurz: Kunstfotografie ist nicht die objektive Kunst, als die viele es darstellen. Sie ist subjektiv – in ihrer Wahl des Motivs, des Winkels und der Beleuchtung. Und so ist es auch mit den Themen, die in diesem Roman verhandelt werden: Es ist eine Frage des Blickwinkels.

Celeste Ng Kleine Feuer überall in Mareikes Hand

 

Fazit

Celeste Ng erzählt eindringlich von all den kleinen Feuern, die sich nach und nach um die Familie Richardson entzünden. Sei es durch ungewollte Schwangerschaften, abgegebene Kinder oder unerwiderte Schwärmereien. Überall schwelen die Konflikte, die kleinen Dramen, die schließlich zur großen Katastrophe führen: dem Verschwinden der heilen Fassade.

Ich habe meinen persönlichen Roman 2018 gefunden. Celeste Ng hat für mich mit diesem Roman eine Geschichte geschrieben, die alles hat, was mich als Vielleserin glücklich macht: eine intelligente, spannende Geschichte mit Tiefgang. 

Eure Mareike 

P.S.: Und noch eine spannende Info am Rande: Reese Witherspoon liebt diesen Roman und hat bereits angekündigt, dass sie sich dem Stoff mit ihrer Produktionsfirma annehmen will. Eine Miniserie im Stil von “Big Little Liars” kann ich mir sehr gut vorstellen. Der Stoff eignet sich perfekt dafür! 


Celeste Ng – Kleine Feuer überall 
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: dtv
Gebunden, 384 Seiten, ca. 22 Euro 

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