Anne von Canal Whiteout

Anne von Canal – Whiteout

Als wir im Januar für ein paar Tage in Norwegen waren, haben wir auch das Schifffahrtsmuseum besucht. Dort steht die Fram – eigentlich ist dort hauptsächlich ein Gebäude um dieses große Segelschiff gebaut. Die Fram ist das legendäre Schiff, mit dem Amundsen zum Südpol segelte. Dieses Schiff ist nicht nur ein gewaltiger Eisbrecher, sondern zeigt auch sehr gut das Wettrüsten mit dem britischen Konkurrenten Scott. Dieser brach fast zeitgleich ebenfalls auf, um den Südpol zu entdecken. Scott und Amundsen lieferten sich ein wildes Rennen, bei dem Amundsen einige Male wegen seines eigenmächtigen Handelns mit anderen Expeditionsteilnehmern aneinander geriet. Trotzdem – oder gerade wegen seines Vorgehens – kam er als erster am Südpol an. Dass er seinem Rivalen sogar einen Monat zuvorkommt, erfährt er erst viel später. Scott und seine Begleiter überleben diese Expedition nicht – sie sind alle erfroren.

Eine grausige Geschichte eigentlich, die in Oslo mit so viel Stolz des Siegers in einem Museum verewigt ist. Und zugleich die perfekte Abenteuergeschichte, die Kinder zum Träumen bringt: Was hätten wir getan? Werden wir einmal auch solchen Gefahren trotzen? 
So sehen das zumindest Hanna und ihr Bruder Jan, die in ihrer Kindheit nichts lieber taten, als die auf Schallplatte inszenierte Südpol-Expedition wieder und wieder nachzuspielen. Mal darf Hanna als strahlender Sieger Amundsen aus dem Spiel hervorgehen, mal Jan. Doch ihnen fehlt ein Gefährte für Scott, sein treuer Begleiter Wilson. In dem Hörspiel ist Wilson ein wichtiger Part, denn er stirbt sehr dramatisch. Gut, dass die beiden Frido kennenlernen. Die verschlossen-widerborstige Pfarrerstochter wird ihre Freundin und Teil ihrer Südpolwelt. Wenn sie groß sind, das versprechen sie sich, werden sie auch Polarforscher.

Der Roman beginnt nun genau hier: Im ewigen Eis. Hanna ist inzwischen die Leitung einer Expedition in der Antarktis. Soeben rollte ein Sturm über ihr kleines Lager. Als die Schäden beseitigt sind, erwartet sie eine Nachricht von Jan: Lieber Amundsen, Scott ist tot. 
Mehr erfahren wir nicht: Nur dieser Satz steht in der E-Mail von ihrem Bruder. Hanna ist sofort klar, dass Jan damit auf Frido anspielt. 
Nur dieser eine Satz reicht aus, um Hannas sorgfältig verschlossenen Erinnerungen an ihre Kindheits- und Jugendfreundin Frido wieder lebendig werden zu lassen. In verschachtelten Rückblenden nähert sich Hanna vorsichtig, fast ängstlich dem spurlosen Verschwinden der engsten Freundin. Bis heute – zwanzig Jahre später – weiß sie nicht, warum diese von einem Tag auf den nächsten für immer aus ihrer Heimatstadt verschwand und den Kontakt zu ihr abbrach. Umso rätselhafter diese plötzliche Todesnachricht. Woher weiß Jan von ihrem Tod? Ist sie tatsächlich gestorben? Sie hatte viele Fragen an Frido, die nun für immer Unbeantwortet bleiben. 

Dieser Roman über Ghosting und dauerhafte Abschiede vermittelt ziemlich gut das Gefühl, ratlos und mit vielen Fragen zurückgelassen zu werden. Auch Anne von Canal macht es einem nicht einfach, denn sie serviert nicht alle Erklärungen auf dem Silbertablett. Dafür lotet sie sehr gut die Gefühlswelt von Hanna aus, einer akribischen, extrem logischen Figur. Hanna blendet in ihrer Freundschaft mit Frido viele Ungereimtheiten und somit auch Anzeichen für deren Not aus. Dadurch entgehen ihr die feinen Zwischentöne, die die Autorin hier in den Rückblenden einwebt. Schwingungen, kurze Sätze und Seitenblicke, die Fridos teilweise sehr extremes Auftreten in einem anderen Licht erscheinen lassen, als es Hanna sich deutet. 

Fazit|

Während ich ihren Debütroman „Der Grund“ zwar recht gern gelesen habe, hat mich „Whiteout“ vollkommen begeistert. Ein Roman der feinen Töne, bedeutungsschwer, wenn man sich etwas genauer mit dem Scott-Amundsen-Abenteuer auseinandersetzt, und der eindringlichen Figuren. Es geht um Freundschaft und Verlust – aber so intensiv, dass man selbst die Kälte der Antarktis zu spüren scheint. Während man sich fragt, was es wohl zu bedeuten hat: Scott ist tot…

Eure Mareike


Anne von Canal – Whiteout
Verlag: Mare
Gebunden, 192 Seiten, ca. 20 Euro

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1 Kommentar

  • Antworten glimrendede 29. Oktober 2017 um 13:28

    Hallo Mareike,
    vielen Dank für die Vorstellung dieses Buches, das ich bislang nicht kannte. Da ich großer Norwegenfan bin und letztes Jahr – genau wie Du – im Fram-Museum war, interessiert mich dieses Buch sehr. Die Geschichte der Fram fand ich schon im Museum total faszinierend. „White Out“ landet nun definitiv auf meiner Wunschliste.

    Herzlichen Dank für die Vorstellung des Buches!

    Viele Grüße,

    Steffi von http://www.glimrende.de

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