Zülfü Livaneli – Schwarze Liebe, Schwarzes Meer

Einer der bedeutendsten Autoren und Musiker der Türkei – mir bisher vollkommen unbekannt, zu meiner Schande, muss ich es gestehen – hat einen neuen Roman veröffentlicht: Zülfü Livaneli. Ein Roman, der in der sich trotz recht einschlägigem Titel als eine überraschende Mischung verschiedenster Genre und Erzähltradtionen herausstellte.

[lightgrey_box]Eigentlich will die junge Journalistin Pelin nur für einen Promi-Mordfall in dem kleinen Küstendorf am Schwarzen Meer recherchieren. Dann lernt sie den Eigenbrötler Ahmet kennen, der vor jeder Berührung zurückschreckt. Mit dem Erzählen von Geschichten gelingt es ihm jedoch, die junge Frau an sich zu fesseln. [/lightgrey_box]

Der ehemalige Architekt und Eigenbrötler Achmet lebt mit seinem Hund Kerberos in einem Dorf am Meer und vermeidet die Berührungen von Mitmenschen. Sein Haus quillt schier über vor Büchern. Er sortiert sie nach den darin behandelten menschlichen Neigungen: Es gibt ein Liebeszimmer, ein Eifersuchtszimmer etc.
Er liebt und lebt Geschichten, seine einzige Art, Menschen zu berühren – mit Worten. Eine der zentralen Handlungstreiber ist der Mord an der jungen schönen Nachbarin Achmets. Sie starb nach einer bei ihr ausgerichteten Cocktail-Party, auf der er ebenfalls zugegen war. Als die junge Journalistin Pelin vor seiner Tür steht, um ihm zu den Mordfall zu befragen, beginnt er zu erzählen – jedoch nicht von der getöteten Frau, sondern von seinem Leben.
Er erzählt in sich geschachtelte Geschichten, von sich, seinem auf der Flucht lebendem Zwillingsbruder und von der Macht der Liebe. Wie Shererazade in 1001 Nacht, beendet er seine Geschichten über Tage, ja Wochen hinweg nicht, sondern geht komplizierte, verschlungene Erzählpfade. Polin ist zunächst irritiert, doch dann fesselt sie die Geschichte von Achmets Zwillingsbruder und dessen großer Liebe in Russland sie von Tag zu Tag mehr, sodass sie den Mordfall immer mehr aus dem Blickfeld verliert.

Achmet ist ein ebenso kunstvoller wie unzuverlässiger Erzähler. Er biegt und schmückt die Wahrheit wie es ihm gefällt. Aber was ist überhaupt die Wahrheit? Sind es nicht nur verschiedene Perspektiven? Ja, durchaus eine bekannte Fragestellung. Hier wird nicht viel Neues erzählt, doch das haben Märchenerzähler noch nie. Sie verweben bereits Bekanntes zu neuen kunstvollen Erzählungen. Und genau das tat auch Züflü Livaneli in seinem Roman über Liebe, Verrat, Einsamkeit, Wahrheit und die große Frage, was am Ende wirklich bleibt.
Die Sprache ist durchaus gewöhnungsbedürftig und exotisch. Mir fiel immer wieder auf, dass es sich hierbei eindeutig nicht um einen typisch westlichen Roman handelt. Viele Motive, der Rhythmus, die benutzten Bilder und Ansichten sind geprägt von einer mir eher unbekannten Kultur. Man spürt die nahe Verwandtschaft zu den großen Erzählungen aus 1001 Nacht, die ich als Kind und Jugendliche geliebt habe. In die ich mich aber, ähnlich wie hier, nie gänzlich fallen lassen konnte, wie es mir bei einem Grimm’schen Märchen gelungen sein mag.
Für mich persönlich war tatsächlich der überraschendste Aspekt dieses Romans, wie über Christen gesprochen wurde – eine Minderheit in der Gegend um den türkischen Handlungsort. Sie standen direkt unter Generalverdacht, als es um die Schuldfrage des Mordes ging. Sie galten als unsauber, unzuverlässig und nicht besonders klug. Wenn man sich die aktuellen Debatten um die muslimischen Flüchtlinge anschaut, ist es unheimlich spannend, die gleichen Argumente in einer umgekehrten Situation zu sehen.

Fazit


Ein Genremix in orientalischer Erzähltradition mit Krimi, Liebe und sehr überraschender Wendungen. Mit ausschweifender und sehr behäbiger Sprache werden viele ineinander verwobene Geschichten erzählt, die nicht vollständig überzeugen können.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leerkleines Herz leer

Eure Mareike

Weitere Eindrücke zum Buch findet ihr bei Literaturgeflüster.


Zülfü Livaneli – Schwarze Liebe, Schwarzes Meer
Verlag: Klett-Cotta
Gebunden, 303 Seiten, 19,95 €

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

2 Kommentare

  • Antworten flattersatz 20. Dezember 2015 um 11:56

    ich kenne livaneli auch nur von einem einzigen roman, der mir aber seinerzeit, lese ich meine besprechung, ganz gut gefallen hat. .. dieser blick von aussen auf „uns“ selbst, den du oben erwähnst, er tut oft gut. wir vergessen immer, daß wir überall in der welt (ausser bei uns) die fremden, die ausländer sind…. ;-)

    herzliche grüße

    • Antworten Mareike 21. Dezember 2015 um 22:17

      Da stimme ich dir absolut zu. Deshalb bin ich auch froh, diesen Roman gelesen zu haben, denn er eröffnete mir einen neuen Blick auf Gegebenheiten, die ich bisher so nie hinterfragt habe.

      Liebe Grüße
      Mareike

    Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: