Yoko Ogawa – Zärtliche Klagen

Ruriko packt eines Tages einfach ihre Koffer – spontan ruft sie die Wirtin eines kleinen Gasthofs an und bittet sie, ihr das Ferienhaus herzurichten. Sie würde kommen und einige Zeit bleiben. Dann steigt sie in den Zug und fährt in die Berge, in das Ferienhaus ihrer Kindheit. Damit entflieht sie einer gewalttätigen Ehe, einem häufig abwesenden Ehemann und dessen stets gedanklich präsenten Geliebten.

Ruriko ist Kalligrafin und kann sich in dem lange vergessenen Häuschen direkt am Wald ihren Auftragsarbeiten mit Ruhe und Präzision zuwenden. Doch bereits nach einigen Tagen durchbricht sie ihre selbstgewählte Einsamkeit. Sie lernt den Cembalobauer Nitta und dessen sehr junge Assistentin Kaoru kennen. Besonders die junge Frau freut sich über die Abwechslung und die neue Gesprächspartnerin in der Umgebung. Ihre Cembalowerkstatt liegt noch einsamer als das kleine Haus von Ruriko. Für den Meister Nitta ist es von essenzieller Wichtigkeit, in absoluter Stille seine präzisen Instrumente zu fertigen.
Doch auch er ist nicht unglücklich über die neue Nachbarin.

Eine feine und sehr fragile Dreiecksbeziehung entwickelt sich und entspinnt eine ganz neue Dynamik in diesem verschlafenen, fast magisch wirkenden Gebirge mitten in Japan. Nitta, das verkannte Musikgenie, ist nicht in der Lage vor Publikum zu spielen, er scheut nichts mehr als Zuhörer. Deshalb ist er nie der Meisterpianist geworden, der er sein könnte. Nun baut er in der Einsamkeit Instrumente von höchster Präzision. Seine eifrige, gut halb so junge Assistentin verehrt ihn und doch macht ihr die Isolation deutlich zu schaffen. Doch scheint die innige, symbiotische Beziehung zwischen Schülerin und Meister rein auf die Arbeit beschränkt zu sein. Ihre Verbundenheit liegt in der Musik und der Fertigung der Instrumente. Ruriko sieht ihre Chance auf ein zweites Glück und entwickelt neben einer starken Faszination seit langer Zeit wieder Gefühle und Vertrauen zu einem Mann.

In Rückblenden und starken Bildern erzählt Yoko Ogawa die Geschichte einer Frau, die sich zwei Mal in ihrem Leben verliebt. Die Parallelen zwischen den Geschichten sind subtil und offenbaren sich erst spät. Vieles wird nur angedeutet, bleibt unter der Oberfläche.
Dieses frühe Werk von Yoko Ogawa ist bereits vor 20 Jahren in Japan erschienen und jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Vergleicht man diesen Roman mit ihren späteren Werken, wie mit „Der Herr der kleinen Vögel“, so ist diese Geschichte weitaus weiblicher, zarter und experimenteller. Es geht um Sichtbarkeit und Grenzüberschreitungen, um Wahrnehmung und Verletzlichkeit. Themen, die man in vielen ihrer Werke findet. Doch scheint mir die Düsternis, die hier an manchen Stellen durch die zarte Sprache durchscheint, abgründiger und unversöhnlicher als in späteren Werken.

Fazit


Yoko Ogawa erzählt von einer Frau, die vor einer tragischen Beziehung flieht und dabei in eine andere hineingerät. Rumiko ist eine besondere Figur, traurig und doch voller Stärke, die wohl keiner so einfangen könnte wie es die japanische Meisterautorin hier tut. Wer zarte, manchmal etwas düstere Geschichten mag, wird diesen frühen Roman von Ogawa lieben. Ich tue es.

Eure Mareike


Yoko Ogawa – Zärtliche Klagen
Verlag: Liebeskind
Gebunden, 272 Seiten, ca. 20 Euro

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2 Kommentare

  • Antworten Nur der Moment zählt. Der ruhige. | Klappentexterin 21. Mai 2017 um 11:52

    […] Herzpotenzial […]

  • Antworten effcaa 25. Mai 2017 um 10:55

    Hach, diese Dreiecksbeziehungen aber das Buch klingt interessant.
    lg finja | http://www.effcaa.com

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