Yoko Ogawa – Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Die Bücher von Yoko Ogawa sind mir zuerst vor allen Dingen durch die Cover aufgefallen. Sowohl die Hardcover-Ausgaben aus dem Liebeskind Verlag als auch die Taschenbücher aus dem Aufbau Verlag sind von außen unglaublich liebevoll gestaltet. „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ finde ich so schön, dass ich sogar überlegt habe, es im Büro zu Deko-Zwecken aufzustellen!

[lightgrey_box]Seit einem geheimnisvollen Unfall währt das Kurzzeitgedächtnis eines Professors nicht länger als achtzig Minuten. Eine neue Haushälterin gewinnt sein Vertrauen, auch ihren zehnjährigen Sohn schließt er ins Herz. Über die faszinierende Welt der Mathematik kommen sie einander näher, und mit jeder neuen Gleichung, mit jedem neuen Zahlenrätsel entstehen zwischen ihnen Bande, die stärker sind als der Verlust der Erinnerung – bis die Schwägerin des Professors dem ein Ende setzt …[/lightgrey_box]

Wie geht man mit einem Menschen um, dessen Gedächtnis nur jeweils 80 Minuten umfasst? Yoko Ogawas Ich-Erzählerin muss sich genau diese Frage stellen, als sie ihren neuen Job als Haushälterin antritt. Der Professor scheint allgemein recht schwierig zu sein, denn vor ihr haben schon viele Frauen die Stellung sehr schnell wieder aufgegeben. Doch das erste Gespräch läuft recht normal, auch wenn ihr neuer Boss etwas schrullig zu sein scheint. Er Das Geheimnis der Eulerschen Formel, Ogawa„weiß“ um den Zustand seines Gedächtnisses und hat daher überall an seiner Kleidung Notizen als Gedächtnisstützen angebracht. Und schnell wird ihr klar, dass er sich wirklich bemüht, keine Last zu sein. Viele Gespräche führen sie zwar mehrfach (einige fast jeden Tag), aber dennoch mag sie den Professor und möchte ihm helfen, wo sie nur kann. Die Situation zwischen den beiden ist entspannt, ganz besonders, nachdem sie ihren zehnjährigen Sohn mitbringt, den der Professor liebevoll „Root“ nennt. Es entspinnt sich eine wunderbare Freundschaft, deren Grundlage überraschenderweise die Mathematik ist! Denn Zahlen bestimmen das Leben des Professors, sie waren schon vor seinem Unfall in seinem Leben und sind nicht verloren gegangen. Und nach und nach zeigt er Root und seiner Mutter diese faszinierende Welt.

Ich gebe zu, ich habe dieses Buch nicht grundlos ausgewählt. Immerhin bin ich hier in Kiel am Institut für Informatik beschäftigt. Die Mathematik ist da nie fern… meine Kollegen scheitern in regelmäßigen Abständen daran, mir den ein oder anderen Zusammenhang näherzubringen. Aber zum Glück braucht es so gut wie keine Mathematik für dieses Buch. Denn sie steht nicht so sehr im Zentrum, wie Titel und Klappentext es vermuten lassen. Im Mittelpunkt steht vor allen Dingen die Freundschaft der drei Protagonisten zueinander, wie sie das Leben der anderen jeweils zu bereichern und zu erleichtern versuchen. Der Professor ist ein brillanter Mathematiker, der viele schwierige Rätsel in Fachzeitschriften löst und Geldpreise gewinnt, doch das interessiert ihn nicht – er erinnert sich ja nie dran. Doch seine Haushälterin und ihr Sohn schaffen es immer wieder, einen wichtigen Part in seinem Tagesablauf zu spielen (sie bekommen sogar eine eigene Notiz!). Denn am Ende zählen Menschlichkeit und Freundschaft mehr als Geld und Ruhm. Yoko Ogawa schafft es, auf wenigen Seiten eine wunderschöne Geschichte zu erzählen. Das tut sie auf genau die Art und Weise, die ich auch bei anderen japanischen Autoren_Innen so schätze: still, regelrecht leise, und mit klaren Worten. Es ist sehr leicht, sich auf sie und ihre Geschichte einzulassen. Und da sie ruhig und unaufgeregt vorangleitet, war sie für mich genau das Richtige nach langen und stressigen Arbeitstagen.
Einzig die bereits erwähnte Mathematik ist mir hier und da zum Verhängnis geworden, weil ich es manchmal einfach nicht nachvollziehen konnte und das Gefühl hatte, dadurch einen wichtigen Zusammenhang nicht fassen zu können. Ich glaube, hier werde ich noch mal auf meine hauseigenen „Fachleute“ zurückkommen müssen – vielleicht haben die ein paar einfache Worte, um mir die Bedeutung der Eulerschen Formel zu erklären.

Fazit


Keine Ahnung, ob die Bücher in Deutschland noch als Geheimtipp gelten. Ich jedenfalls kann verstehen, warum sie in Japan ein solcher Verkaufsschlager sind! Feinsinnig komponiert und voller Liebe für Menschen – ich bin begeistert. Das wird definitiv nicht das letzte Buch sein, dass ich von der Autorin gelesen habe.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leer

Eure Maike


Yoko Ogawa – Das Geheimnis der Eulerschen Formel
Verlag: Aufbau
250 Seiten, Broschur, 8,99 €

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4 Kommentare

  • Antworten Tobi 23. November 2015 um 20:58

    Hallo Maike,

    es ist schon einige Zeit her, dass ich das Buch gelesen habe. Aber ich war eher enttäuscht und hätte mir mehr mathematische Bezüge gewünscht. Hab das eher dürftig in Erinnerung. Auch die Charaktere und die Annäherung zwischen dem Professur und der Frau mit ihrem Jungen hat mich nicht sonderlich gerührt. Der Klappentext hat mir hier mehr versprochen als dann drinnen war, denn von der Mathematik und auch was das Vergessen angeht, hätte man hier schon mehr rausholen können. Das sind ja zwei sehr spannende Themen.

    Liebe Grüße
    Tobi

  • Antworten die bine 23. November 2015 um 23:36

    Liebes,
    schieb es auf die Gene! Alles!
    Aber das Buch werde ich sicher auch lesen.

    Liebe Grüße von mir

  • Antworten [Monatsrückblick] November - Herzpotenzial 2. Dezember 2015 um 18:19

    […] exakt diesem Buch gegriffen! Gerade bei dem Wetter fand ich es mehr als passend. Yoko Ogawas „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ war hingegen das Buch, das diesen Monat auf meinem Nachttisch lag. Ich habe tatsächlich […]

  • Antworten Yoko Ogawa - Der Herr der kleinen Vögel - Herzpotenzial 18. Januar 2016 um 07:29

    […] Ogawa ist eine der wichtigsten japanischen Autorinnen der Gegenwart. Ihre Romane „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ oder „Schwimmen mit Elefanten“ sind mit zahlreichen Literaturpreisen […]

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