Buch mit Kerze und Teetasse

Marilyn Yalom & Theresa Donovan Brown – Freundinnen. Eine Kulturgeschichte

Freundschaften – manche dauern nur kurz, andere halten ewig. Man kann sie nicht erzwingen, sie beruhen auf Gegenseitigkeit und auf Gemeinsamkeit. Marilyn Yalom und Theresa Donovan Brown beleuchten in ihrem Buch „Freundinnen – Eine Kulturgeschichte“ die Vielfalt von Frauenfreundschaften über die Jahrhunderte hinweg.

Waren in der Antike Freundschaften eher Männersache (bzw. als solche in der Öffentlichkeit zu sehen) begegnete man erst ca. ab dem 11. Jahrhundert Freundinnen im öffentlichen Raum. Natürlich freundeten sich auch schon vorher Frauen untereinander an, dennoch eher innerhalb der Familie und hinter verschlossenen Türen im eigenen Zuhause. Kontakt zu Nachbarinnen oder Frauen aus dem gleichen Viertel? Fehlanzeige. Erst als sich die christlichen Klöster auch für Frauen öffneten ergab sich die Möglichkeit, Freundschaften abseits der familiären Strukturen zu knüpfen. Beispielhaft ist hierfür die Freundschaft Hildegard von Bingens mit ihrer Mentorin Jutta von Sponheim. Über lange Zeit waren Klöster DER Ort, an dem Frauen zueinander fanden und enge Freundschaften knüpften.

Mit jedem Kapitel berichten die Autorinnen von einer neuen Entwicklung der Frauenfreundschaften, immer über die Jahrhunderte und Kontinente hinweg. Der Leser erlebt, wie Frauen nach und nach öffentliche Räume erobern und ihre Freundschaften dorthin tragen. Sie finden in den literarischen Salons großer Städte statt, Shakespeare lässt sie in seine Werke einfließen und bis heute erhaltene Briefe zeigen, wie intensiv manche Freundschaften auch über Entfernungen gepflegt wurden. Die Autorinnen zogen für ihre gründlichen Recherchen die unterschiedlichsten Quellen zu Rate und förderten manch interessante Geschichte zu Tage. So zum Beispiel die des 1839 gegründeten Nähkreises der Calvinist Church aus Worcester in Massachusetts. Binnen kürzester Zeit traf sich hier eine wachsende Anzahl von Frauen zweimal im Monat für 7 Stunden, um Näharbeiten für den Verkauf anzufertigen. Diese Gruppe begann relativ schnell, sich zu emanzipieren und schreckte damit die Männer der Stadt gehörig auf. Sie wollten anderen Frauen ihrer Stadt helfen und nicht nur an Heim und Kinder gefesselt sein. Das gemeinsame Ziel knüpfte ein inniges Band zwischen den Frauen, die sicher schnell Freundinnen wurden.

Besonders gefallen hat mir das Kapitel, dass sich komplett Eleanor Roosevelt widmet. Die Frau  von Franklin Roosevelt hinterließ einen sprichwörtlichen Berg an Schriftstücken. So machte sie es Historikern und Historikerinnen leicht, ihr umfangreiches Netzwerk an Familienmitgliedern und Freunden zu rekonstruieren. Vor allem ihre Briefe zeigen, wie sehr diese in der Öffentlichkeit stehende Frau auf die Liebe und die Anerkennung ihrer Freunde angewiesen war. Dazu gehörte Isabella Selmes, die sie bereits vor ihrer frühen Hochzeit kennen lernte und mit der sie ein Leben lang – auch über große Distanzen – befreundet war. Beide waren innig miteinander verbunden und kannten keine Geheimnisse voreinander. Ihre Freundschaft hatte Höhen und Tiefen, überstand Kriege, Affären und Todesfälle. Selbst wenn die eine mal nicht schreiben konnte, da sie zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt war, sie knüpften einfach wieder an ihr vorheriges Gespräch an. Für mich war gerade diese Schilderung idealtypisch für eine Freundschaft. An der Beziehung der beiden Freundinnen erkennt man das, was Frauen auch heute noch praktizieren – nur ohne Kurznachrichten oder soziale Medien. Gleich ist ihnen die Zuneigung, Offenheit und Unterstützung, die auch heute für Freundinnen eine wichtige Rolle spielt und wohl auch in der Zukunft spielen wird.

Fazit

Anhand zahlreicher Beispiele schildern die Autorinnen die kulturgeschichtliche Entwicklung von Frauenfreundschaften. Das ist nicht im geringsten trocken, sondern witzig und informativ. Und dank des weit gespannten Bogens von der Antike bis heute, hat man nach dem Genuss dieses Buches definitiv einiges an Wissen dazugewonnen.

Eure Maike


Marilyn Yalom, Theresa Donovan Brown – Freundinnen. Eine Kulturgeschichte
Verlag: btb
416 Seiten, Hardcover, 22 €

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