Wyske Versteeg – Boy

Kürzlich stieß ich auf den Roman von Wytske Versteeg „Boy“. Das Cover zog mich in den Bann. Ich fragte mich, ob ich wirklich noch ein weiteres Buch auf meinem Nachttisch benötige. Vor allem ein Buch, dass mich von der Thematik (adoptiertes Kind aus Afrika findet sich nur schwer in seiner niederländischen  Familie und Umgebung zurecht) erst einmal gar nicht anspricht. Doch dann las ich die ersten Seiten und – was soll ich sagen? Aus „Ich lese mal eben rein“ wurde innerhalb von Minuten „Sprich mich nicht an, ich lese“. Ich habe dieses Buch einfach verschlungen und konnte es kaum aus der Hand legen.

Diese Bücher, die einen einfach in sich einsaugen, einen nicht mehr loslassen und die zu lesen man gar nicht geplant hatte und einen dann so umhauen. Das sind doch die kleinen Momente, in denen man glücklich sein kann, zu lesen. Denn so eine Erfahrung kennen nur wir Leser. Das Glück eines unverhofften Buchschatzes, das sich tief in die Gedanken einbrennt und die eigene Lesebiografie beeinflusst, erlebt man nicht allzu oft.

Doch nun von vorne. Worum geht es in „Boy“ eigentlich:

„Ein Paar adoptiert einen Jungen aus einem afrikanischen Land. Sie sind unsicher, doch voller Hoffnung. Sie wollen diesem Kind die Welt eröffnen, alle Zoos und Vergnügungsparks besuchen. Aber ihr Sohn ist nervös, ängstlich, durch Kleinigkeiten zu verstören. In der Schule wird er zum Außenseiter. Seine Eltern bemühen sich, aber seine Höflichkeit verwandelt sich in Unnahbarkeit, bis er sich schließlich ganz verabschiedet.“

Das Buch beginnt mit dem Satz „»Die Leiche kommt immer wieder hoch«, sagte die Frau.“ Ein erster Satz, der schon so viel enthält. Ja, Boy ist tot. Boy ist ein vierzehnjähriger Junge mit afrikanischen Wurzeln, der von einem kinderlosen Paar aus den Niederlanden als Kleinkind adoptiert worden ist. Dieses Paar wollte einem Kind all die verzweifelte Liebe schenken, die sich in den Jahren der Kinderlosigkeit bei ihnen angesammelt hat. Perfekt also, ein Kind aus den ärmsten Verhältnissen zu holen und ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch Boy ist kein gewöhnlicher Junge. Er ist ruhig, schnell ängstlich und unsicher, redet inzwischen kaum noch mit seinen Eltern. Nach und nach enthüllt sich das Ausmaß der Kluft zwischen ihm und seinen Eltern.
Die Mutter, völlig unfähig, sich ihrer Trauer zu stellen, begibt sich auf die Suche nach Antworten. Sie glaubt nicht an einen Unfall oder gar Selbstmord. Ihr Sohn muss in düstere Fänge geraten sein oder vielleicht zufällig Opfer eines Wahnsinnigen. Stufenweise wird sie aber mit seinem Leben abseits des schweigsamen Zuhauses konfrontiert. Kleine Begebenheiten und Eigenheiten von Boy fügen sich zu einem neuen Bild zusammen und schließlich reist in ein anderes Land, um endlich Antworten zu bekommen.

Das Psychogramm einer Adoption

In einem unheimlich dichten Erzählstrom begleitet man die Mutter auf ihrer Suche nach Antworten. Es werden Tatsachen enthüllt, die aber nicht bis in ihre Wahrnehmung zu dringen scheinen. Die Prämisse scheint immer zu sein: Wenn man einem Kind nur genug Liebe schenkt, wird es zum eigenen. Doch das Fremde an Boy, das sich den Eltern nie ganz erschließt, lässt sich nicht weg schweigen. Vielleicht sind die Erwartungen an ein adoptiertes Kind noch ungleich höher als an ein eigenes, vielleicht sind es die Unsicherheiten des Paares, mit denen sie sich selbst im Weg stehen. Doch auch über Jahre hinweg bleibt eine Anspannung in all ihrem Verhalten.

Es geht um Mobbing, um Einsamkeit und das Gefühl, irgendwie falsch zu sein. Nicht dazu zugehören. In körperlicher wie in geistiger Hinsicht. Nach und nach enthüllt sich ein Bild von Boy vor den Augen des Lesers, dass sich so gar nicht mit dem der Mutter decken will. Sie muss sich – wenn auch unter seelischen Schmerzen – der Wahrheit stellen.

 

Foto 02.07.16, 17 15 57 (1)Dieses intensive wie kurzweilige Leseerlebnis verdanke ich tatsächlich dem ungewöhnlichen Design des Buches, das mich einfach magisch angezogen hat. Es ist eine ganze Reihe in dieser Optik beim Wagenbach Verlag erschienen. Unter dem Motto: „Pas op, Boekenwurm! SNEL LEZEN!“ finden sich noch weitere Schätze von niederländischen Autoren. Hier lohnt sich ein näherer Blick auf die gesamte Buchauswahl.

 

Fazit


Ein Roman, so kurzweilig wie intensiv. Fesselnd und geradlinig ohne dabei auf Raffinesse zu verzichten.
Grandiose Erzählkunst.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Mareike

Ebenfalls begeistert war Die Buchbloggerin.


Wyske Versteeg – Boy
Verlag: Wagenbach
Broschiert, 240 Seiten, 10,90 €

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2 Kommentare

  • Antworten privatkino 11. Juli 2016 um 08:19

    Liebe Mareike,
    mir ging es mit dem Buch ganz ähnlich. Angesehen, Thema eigentlich nicht so spannend empfunden, doch dann die ersten Seiten gelesen und mit einer wunderbaren Geschichte entlohnt worden.

    Kann mich gut in deinen Worten wiederfinden.

    Alles Liebe
    Yvonne

  • Antworten Wytske Versteeg | BOY – Bookster HRO 17. Januar 2017 um 10:39

    […] Ganz ähnlich sehen es auch Die Buchbloggerin und Mareike vom Herzpotential. […]

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