Amy Bloom – Wir Glücklichen… (, die es gelesen haben!)

Inzwischen ist sicherlich Maikes und meine Liebe für Bücher aus oder über die 20er,  30er Jahre bekannt. Als ich beim Atlantik Verlag das neue Buch von Amy Bloom über zwei junge Frauen in Amerika der 20er Jahre entdeckte, wurde ich hellhörig. Dann sah ich das lässige Cover mit den beiden hübschen jungen Frauen darauf und da war’s um mich geschehen.
[lightgrey_box]Mit zwölf wird Eva kurzerhand vor der Tür ihres Vaters abgesetzt und lebt von da an mit ihrer Halbschwester Iris unter einem Dach. Iris weiß genau, was sie will: Filmstar werden in Hollywood. Tatsächlich erreicht sie ihr Ziel, doch ihr Stern sinkt so schnell wie er aufgestiegen ist. Die jüngere Eva bleibt treu an Iris’ Seite. Gemeinsam gehen sie nach New York, wo sie bei reichen Italienern in Long Island unterkommen. Iris schauspielert auf zweifelhaften Bühnen, pflegt verbotene Liebeleien und setzt gnadenlos ihre eigenen Interessen durch, während Eva den Alltag organisiert. [/lightgrey_box]
Das Buch beginnt bereits ungewöhnlich: Man erfährt von Evas Kindheit mit ihrer Mutter in einer ärmlichen Wohnung mit wenig Komfort. Ihren Vater sieht sie nur selten, wenn er eine freie Minute erübrigen kann, denn er ist bereits verheiratet und hat mit seiner Ehefrau nicht nur ein sehr hübsches Haus in einem eleganten Stadtteil, sondern auch eine etwas ältere Tochter Iris. Diese lernt Eva kurz nach dem Tod von Iris‘ Mutter kennen, als Evas Mutter sie einfach vor der Tür des Vaters stehen lässt. Die Schwestern müssen sich also gezwungenermaßen zusammentun. Für die schöne und ambitionierte Iris stellt die eher farb- und talentlose Eva keine Konkurrenz dar. So wird sie zu einer Verbündeten, hilft beim Sparen und Geldverstecken für den ganz großen Plan: Iris will Schauspielerin in Hollywood werden und deshalb von Zuhause ausreißen. Man spürt, dass sie und auch Eva immer weniger beim Vater hält, der sich ohne das Geld seiner Frau eher schlecht als recht durchschlägt und immer wieder die Rhetorik- und Schauspielpreisgelder seiner talentierten Tochter plündert. Er ist ein unsteter Windhund und doch irgendwie liebenswerter Charakter, der nie ganz aus dem Leben der Mädchen verschwindet, sich den Situationen anpasst und immer einen Ausweg findet.

Genau diese Fertigkeiten benötigen auch die beiden Mädels auf den verschiedenen Stationen: In Hollywood und auch danach müssen sie sich diversen Rückschlägen stellen und kommen manchmal nur mit Tricksereien und viel Glück über die Runden. 
Abgesehen von dieser Eigenschaft haben die beiden jedoch nicht viel gemeinsam. Während Iris sehr verbissen an ihrem Traum als Schauspielerin arbeitet, Freundschaften knüpft, liebt und lebt, hält sich Eva im Hintergrund. Sie verlässt kaum die Wohnung – und im Laufe der Zeit sind das manchmal üble Löcher. Sie kocht und führt für Iris den Haushalt. Dabei merkt man, dass das junge Mädchen sind in ihrer passiven Rolle regelrecht einigelt. Sie beobachtet, nimmt still an Iris‘ Leben teil, tröstet, ermutigt und bewundert. Doch welche Ziele und Wünsche sie hat, bleibt dem Leser verborgen. Meist ist Iris die treibende Kraft, doch in ihrer sehr egozentrischen Art nimmt sie ihre kleine Schwester auch nach Jahren nur als Anhängsel wahr und treibt sie nie zu eigenen Ambitionen an. Dabei ist Eva klug; ihre wenigen Weggefährten wünschen sich alle für sie, dass sie eines Tages studiert und ihre Intelligenz und schnelle Auffassungsgabe nutzt. Doch bis Eva das selbst erkennt, vergeht viel Zeit.
 
Zu den beiden jungen Frauen gesellen sich mit der Zeit neben dem windigen Edgar (ihrem Vater), eine dunkelhäutige Jazzsängerin mit Pigmentstörung (wenn sie es drauf anlegt, geht sie als Weiße durch), ein homosexueller, mexikanischer Maskenbildner, der aussieht wie ein Waldschrat, eine lesbische Köchin, die mit der ebenfalls lesbischen Iris eine Beziehung eingeht, während ihr deutschstämmiger Mechaniker-Ehemann in einem Internierungslager als mutmaßlicher Spion festgehalten wird und Eva hinreißende Briefe schreibt.
Das ist nicht nur eine wilde, sondern auch überraschenderweise eine authentische Mischung. Die Figuren wirken alle in sich stimmig und gerade durch die betont normale Eva wird das Ensemble rund. Dabei ist keins ihrer Leben geradlinig, sondern von Schicksalsschlägen, verpassten Gelegenheiten und Missverständnissen geprägt – wie im richtigen Leben.
Übrigens ist jedes Kapitel mit einem zeitgenössischem Liedtitel überschrieben. Hier findet ihr die stimmungsvolle Playlist dazu.

Die Autorin gibt einigen Figuren die Gelegenheit durch Briefe selbst zu Wort zu kommen und die eigenen Sehnsüchte und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Besonders die selbstironischen Briefe von Gus aus dem deutsch-japanischen Internierungslager sind humorvoll und pointiert. Sie zeigen besonders schön die sprachlichen Möglichkeiten der Autorin, die sich bei den Passagen von Eva gekonnt zurückhält.
Leider gibt es durch die vielen Figuren ein paar Nebenschauplätze zu viel. Besonders die Eskapaden des Vaters bringen manchmal die Haupthandlung zum Stocken. Außerdem wirkt Evas Passivität zeitweise recht ermüdend auf mich – das Mädchen ist jung und ihr stehen viele Möglichkeiten offen, doch sie verpuppt sich völlig in ihrer Hausfrauenrolle und selbst als sie sich mit den Jahren emanzipiert, möchte man sie zu mehr anspornen.

Fazit


Ein Buch voller bunter Lebensgeschichten, ein ungewöhnliches Schwesternpaar und die seltsamen Wendungen, die das Leben so mit sich bringt. Das alles hübsch verpackt in dem glamourösen Flair der 30er/40er Jahre. Lesenswert.
kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leer

Empfehlenswert fanden es auch Frau Hauptsachebunt und Mareike vom Bücherwurmloch. Warum Marina von Nordbreze es nicht gelungen fand, kann ich aber auch sehr gut nachvollziehen. :)

Eure Mareike


Amy Bloom – Wir Glücklichen
Verlag: Atlantik
Gebunden, 336 Seiten, 22,00 Euro

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

8 Kommentare

  • Antworten kielfeder 7. April 2015 um 00:09

    Das lag in meiner Lieblingsbuchhandlung auch recht weit vorne und das Cover machte mich dort neugierig.
    Dann wandert es jetzt aber definitiv auf die Wunschliste.
    Danke dafür :)

    Liebe Grüße,
    Ramona

    • Antworten Mareike 7. April 2015 um 12:29

      Eine gute Entscheidung, liebe Ramona.
      Das Cover hat mich ja auch direkt angesprochen. Manchmal kann man sich da auf seinen Bauch oder eben die Augen verlassen ;)
      Liebe Grüße
      Mareike

      • Antworten kielfeder 7. April 2015 um 22:08

        Man sollte sich viel öfter auf seinen Bauch/ die Augen verlassen… ;)

        Liebe Grüße,
        Ramona

  • Antworten Nanni 7. April 2015 um 07:19

    Hallo ihr Lieben,
    ich mag Bücher über diese Jahrzehnte auch sehr gern. Nur die 50er/60er können das noch toppen ;) Die Atmosphäre ist einfach so großartig.
    Eine sehr schöne Rezi. Gut, dass der Roman den Weg in mein Regal gefunden hat. Ich freu mich drauf :)
    Lg Nanni

    • Antworten Mareike 7. April 2015 um 12:29

      Dann bin ich gespannt, was du dazu schreibst, liebe Nanni!
      Liebe Grüße
      Mareike

  • Antworten Marina 7. April 2015 um 12:16

    Ich dachte, ich hab schon gestern einen Kommentar geschrieben, aber anscheinend hab ich mir das nur eingebildet …
    Erstmal danke für die Verlinkung (da ist aber anscheinend ein Leerzeichen zu viel drinnen), freut mich, dass auch eine negative Kritik genannt wird. Mir tut das auch total leid, dass mir das Buch nicht gefallen hat, weil ich bei den 20er bis 40er Jahren doch immer so positiv gestimmt bin.
    Habt ihr denn noch andere Titel im Kopf, die zu der Zeit spielen? Ich sollte mal wieder Fitzgerald lesen, aber für neue Tipps bin ich immer offen.

    • Antworten Mareike 7. April 2015 um 12:44

      Liebe Marina,
      gestern ist mir kein Kommentar von dir angezeigt worden. Sorry!
      Dass der Link nicht ganz richtig war, hat mir heute morgen schon mein Linktracker mitgeteilt und ich hab es nun behoben. Da hab ich wohl ein wenig schnell die Links eingefügt. War aber kein Diss, weil deine Rezension nicht so positiv war :D :D
      Ich finde es immer gut, wenn ich meinen positiven oder negativen Rezensionen einen Kontrast entgegen stellen kann.
      Kennst du die Bücher von Colette? Ansonsten haben wir an der linken Seite ja nun die hübschen Bubbles. Klick doch mal auf „Golden Age“ ;)
      Meine persönliche Empfehlung ist: http://herzpotenzial.com/rezension-anna-hope-abgesang/
      Schöne Woche
      Mareike

      • Antworten Marina 7. April 2015 um 13:22

        WHHHHHHAT? Ich werde hier gedisst???? ;)

        Nee, die „Golden Age“-Bubble seh ich erst jetzt, die guck ich mir gleich genauer an, danke! :D

    Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: