Wie ich die ostanatolischen Zwergbergziegen kennenlernte: Adnan Maral – Adnan für Anfänger

Passend zu aktuellen Debatte und dem dadurch ausgelösten Shitstorm(chen) um die Themenwoche des ARDs, möchte ich euch heute ein Buch vorstellen, dass von der Integration in Deutschland erzählt. Vermutlich haben die meisten von euch mitbekommen, dass die ARD für die diesjährige Themenwoche mit eher unglücklich formulierten Plakaten für „Toleranz“ wirbt. Diese Plakate zeigen Schwule(warum eigentlich keine Lesben?), Ausländer, Kinder und alte Menschen und mit Fragen wie „Bereicherung oder Belastung?“ stellen sie zur Debatte, ob diese Gruppen in unserer Gesellschaft „toleriert“ werden sollen/müssen oder auch nicht. Wunderschön zusammen gefasst hat Meedia die Reaktionen aus dem Web und dieser Zeit-Artikel stellt sich die Fragen, die mir auch teilweise kamen.
Als ich von diesen Plakaten erfuhr, da musste ich direkt an die ostanatolischen Zwergbergziegen denken, die manchmal mit Adnan Maral durchgehen, besonders in Situationen von Vorverurteilungen und betont „toleranten“ Verhalten. In seinem neuen Buch „Adnan für Anfänger – Mein Deutschland heißt Almanya“ zeigt er, wie wenig Integration tatsächlich mit „Toleranz“ zu tun hat.
AdnanMaral_AdnanfuerAnfaengerSo beginnt das Buch damit, dass der Schauspieler zunächst seine eigene Nationalität und Herkunft in Frage stellt (ist er Deutscher oder Türke?) und schließlich die Bedeutung von Nationalität an sich auseinander nimmt. Durch einige süffisant erzählte Beispiele aus der Eroberungsgeschichte von Türkei und Deutschland zeigt er, dass wir alle heute auch Griechen, Römer oder Ungarn sein könnten. Dass die Länder, in denen wir heute leben historische Zufälle sind. Besonders die Anekdote über die vielen Hundert Türken, die im 17./18. Jahrhundert in Bayern eingebürgert wurden, fand ich spannend. Wäre hätte gedacht, dass ausgerechnet in Bayern so viele Menschen mit anatolischen Wurzeln leben? Das zeigt, dass Maral sich wirklich mit der Thematik auseinander gesetzt hat, er hat recherchiert, sich mit der Geschichte von Integration, mit Kulturen und Akzeptanz auseinander gesetzt. Er ist interessiert an Lösungen, der Wurzel von Vorurteilen und historischen Entwicklungen. Natürlich überwiegen die persönlichen Anekdoten, die Erlebnisse aus seiner Kindheit und die seiner Eltern, die zu der ersten Generation von Gastarbeitern gehören, es ist schließlich eine Art Autobiografie. Er erzählt von seiner Schauspielkarriere, den Rollen, die er spielen darf und denen, die er leider nie spielen darf. Er stellt genau die Fragen, die ich mir von der Themenwoche des ARD erhoffen würde: Warum gibt es so viele Rollen als türkische Gemüsehändler und so wenige als Anwälte, Ärzte oder Polizisten?
Adnan Maral beschreibt auch, warum er seine Rolle als ordnungsliebender Polizist in „Türkisch für Anfänger“ so richtig und wichtig fand und sein „Metin“ eine so ungewöhnliche Rolle in der deutschen Filmlandschaft ist. Ich selbst habe „Türkisch für Anfänger“ (besonders Staffel 1) sehr geliebt und nun weiß ich auch ein bisschen mehr, warum das so ist.

Das alles fügt er ein in eine Rahmenerzählung: Er begibt sich krank in ein bayrisches Wartezimmer und wird mit verschiedenen Typen von Vorverurteilungen, Diskriminierungen und Lebenswirklichkeiten konfrontiert. Während alle auf die Ankunft des Arztes warten (Godot, ick hör‘ dir tapsen!), entspinnen sich verschiedenste Gespräche über Adnans Leben.
Zwar kündigt er bereits zu Beginn an, dass man einem Geschichten erzählendem Osmanen nicht alles glauben darf, doch im letzten Drittel bricht die Leichtigkeit dieses Konstrukts leider weg. Die auftauchenden Figuren wirken nur noch wie Symbolfiguren und verlieren an Lebendigkeit. Das fand ich etwas schade, denn insgesamt, enthält das Buch so viel Lesenswertes. Man erfährt sehr viel über die Gastarbeiter, die Kindheit eines Gastarbeiterkindes, auch über die Erwartungen und Vorurteile der in der Türkei lebenden Verwandtschaft.
Interessant fand ich gerade auch mal den Perspektivwechsel: Wie sind die Deutschen? Schicken wir wirklich unsere Kinder früher als die Türken ins Bett, weil wir unsere Ruhe vor ihnen haben wollen? Regen wir uns wirklich ständig über Dinge auf, auf die wir gar keinen Einfluss nehmen können? Natürlich gibt es auch von der anderen Seite aus Vorurteile und Unverständnis, die genauso beleuchtet werden müssen, wenn man von Integration spricht.

Fazit: Das Buch liest sich wie ein nettes Gespräch, als würde man mit Adnan Maral zusammen sitzen und über Gott (welchen auch immer!) und die Welt sprechen. Er schafft es, sich mit einer leichten unverkrampften Art einem Themenkreis zu nähern, der in unserer Gesellschaft viel zu schnell in Grundsatzdiskussionen ausartet. Zwar gelingt die Umsetzung seiner Rahmenhandlung nicht immer, doch die Anekdoten und Beispiele sind authentisch und voller Selbstironie. Darüber hinaus leistet dieses Buch für mich einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über Integration, denn es zeigt wie viel wichtiger es ist, jeden Menschen als Menschen und nicht als Teil einer Nationalität zu sehen und ihn mit seinen Eigenheiten und Macken zu akzeptieren.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leer
Eure Mareike

P.S.: Habt ihr schon an unserem Gewinnspiel teilgenommen? Es läuft noch bis Sonntag.

Adnan Maral – Adnan für Anfänger. Mein Deutschland heißt Almanya 
Verlag: Blanvalet
Taschenbuch, 255 Seiten, 14,99 €

Rezensionsexemplar, vielen Dank.
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1 Kommentar

  • Antworten Monatsrückblick November - Herzpotenzial 29. Januar 2016 um 09:39

    […] John von Düffel – Wassererzählungen Edward St. Aubyn – Der beste Roman des Jahres Adnan Maral – Adnan für Anfänger Mercè Rodoreda – Der Garten über dem […]

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