Truman Capote – Wo die Welt anfängt

Wenn der Name Truman Capote fällt, denken viele zuerst an „Frühstück bei Tiffany„, „Kaltblütig“ oder „Erhörte Gebete„. Ich für meinen Teil füge zu dieser Liste jetzt mit „Wo die Welt anfängt“ noch ein weiteres Buch hinzu. Anfang November ist nämlich endlich „Wo die Welt anfängt“ erschienen.

[lightgrey_box]Jede dieser frühesten Geschichten von Truman Capote vermag zu überraschen, zeigen sie doch alle bereits die Handschrift des großen Stilisten. Denn seit Capote zehn war, wusste er, dass er Schriftsteller werden will, und während seiner Zeit an der High School schulte er sich täglich an seiner Schreibmaschine im Handwerk des Schreibens. In seinen damals entstandenen Short Storys schuf er sich sein eigenes, fantasievolles Universum, das, anders als man es bei einem Teenager vermuten würde, von Figuren bevölkert ist, die nur wenig mit den Erfahrungen eines Schülers zu tun haben. All diese lebendigen und eigenwilligen Charaktere, die eindringlichen Bilder, die schnörkellos glänzende Sprache und die erzählerische Kraft lassen schon im jungen Truman Capote die ganz besondere Stimme des älteren Capote erkennen.[/lightgrey_box]

Truman Capote Wo die Welt anfängtDieses Buch haben wir hier bei Herzpotenzial sehnlichst erwartet. Aber um ehrlich zu sein, als ich es dann in der Hand hielt, hatte ich doch recht gemischte Gefühle. Schließlich hatte ich es dieses Jahr schon einmal, dass ich mich wahnsinnig auf ein Buch gefreut habe und dann ziemlich enttäuscht war. Zum Glück war das hier anders. Schon nach den ersten Seiten stand für mich fest: Die frühen Kurzgeschichten von Truman Capote sind fantastisch. Seine schriftstellerischen Fähigkeiten schimmern hier nicht nur durch, sie sind einfach schon da. Das habe ich mit einer gewissen Faszination und auch etwas Neid feststellen. Die wunderschönen Geschichten, die schon auf wenigen Seiten eine ungeheure Anziehungs- und Sogkraft entwickeln, sind von einem Jungen geschrieben worden, der noch zur Schule ging. Zu Recht heißt es da im Nachwort, dass die Geschichten eine Reife und Kunstfertigkeit hätten, die man einem so jungen Menschen nicht zutrauen würde.

Die Kurzgeschichten stehen in keinerlei Zusammenhang, es gibt keinen roten Faden. Der Leser muss sich alle paar Seiten auf ein neues Setting einlassen, lernt neue Schauplätze und neue Figuren kennen. Das klingt kompliziert und etwas anstrengend, ist es aber nicht. Truman Capote gelingt es, den Leser mit den ersten Sätzen jeder Geschichte abzuholen und völlig für das Neue zu vereinnahmen. Ganz egal, ob er aus der Sicht von Männern, Frauen, Schulmädchen oder Rumtreibern schreibt, er schreibt auf eine so natürlich Art und Weise, dass es eine Freude ist, sich immer wieder auf die Figuren einzulassen.
Truman Capote wusste schon mit neun oder zehn Jahren, dass er Schriftsteller werden wollte. Und ab diesem Zeitpunkt arbeitete er auf dieses Ziel hin, feilte an seiner Schreibtechnik und wollte die „richtigen“ Personen kennenlernen. Ich glaube, dass die Kurzgeschichten auch repräsentativ für dieses Ziel stehen: Sie sind Experimente aus seinem Schreiblabor, in dem er ausprobierte, wie verschiedene Dinge beim Schreiben zusammen wirken. So findet man am Ende einer Geschichte die Übertragung einer handschriftlichen Notiz (Capote schrieb fast immer mit der Schreibmaschine), aus der hervorgeht, dass eigentlich noch Änderungen vorgenommen werden sollten. Er steckte bereits damals verdammt viel Arbeit in sein Schreiben und versuchte sich immer weiter an sein persönliches Ideal heranzutasten und seinen eigenen Stil zu festigen, für den er in seinen späteren Romanen später so gelobt wurde.

Fazit


Unglaublich, was für ein kleiner Schatz hier gefunden wurde! Ein Buch, dass ich uneingeschränkt alles Lesern empfehlen würde. Capote gelingt es, auch mit kleinen Geschichten, seine Leser in den Bann zu ziehen und hinter seinen großen Romanen müssen sich die Kurzgeschichten definitiv nicht verstecken.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Maike


Truman Capote – Wo die Welt anfängt
Verlag: Kein & Aber
160 Seiten, Hardcover, 18,90 €

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4 Kommentare

  • Antworten Marina 18. November 2015 um 18:40

    Ich bin verliebt! ♥
    Heimlich träume ich ja eh schon die ganze Zeit von der Gesamtausgabe, aber ich glaube, ich muss mir die Bücher von Capote doch einzeln kaufen, weil „Wo die Welt anfängt“ in dem Schuber bisher nicht dabei ist.

    Macht auf jeden Fall Lust aufs Lesen!

    • Antworten Maike 20. November 2015 um 12:37

      Ein Dilemma, mit dem ich auch kämpfe, liebe Marina!Aber wenn wir beide einfach abwechselnd nerven, wird es vielleicht schneller in den Schuber integriert?

  • Antworten Karin 20. November 2015 um 13:45

    Das wär definitiv auch etwas für mich! Kurzgeschichten kann man auch so schön in der Bahn lesen, weil man da doch manchmal etwas abgelenkter ist, als Daheim. :)

    Ich bin auch noch unschlüssig, ob ich mir den kompletten Schuber holen soll…

    • Antworten Maike 20. November 2015 um 19:06

      Liebe Karin,
      Truman Capote lohnt sich immer! Speziell diese würden sich sehr für die Bahn eignen, die sind wirklich schön kurz. „Erhörte Gebete“ ist schon eher etwas, das man am Stück lesen sollte. Wirf einfach mal einen Blick auf/in den Schuber und entscheide dann ;-)
      Viele Grüße,
      Maike

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