Truman Capote – Erhörte Gebete

Im Herbst erscheinen mit „Wo die Welt anfängt“ Truman Capotes wohl früheste Erzählungen. Seit der Ankündigung, dass die verschollen geglaubten Texte wiederentdeckt worden sind, warten wir mit Spannung auf das Erscheinen. Und bevor das im Oktober der Fall ist, habe ich „Erhörte Gebete“ das letzte Werk Capotes gelesen – quasi, um meine Vorfreude noch zu steigern.[lightgrey_box]Es sollte sein Opus magnum werden, ein schonungsloses Sittenbild proustscher Dimension, doch Capote konnte und wollte es nicht abschließen. Gleichwohl ist Erhörte Gebete sein konsequentestes Werk, eine giftgesättigte Abrechnung mit der feinen Gesellschaft. Hier schildert Capote die Reichen und Mächtigen, die Verrückten und Verruchten, all jene, die ihn jahrelang als ihr Schoßhündchen betrachtet hatten. Als das erste Kapitel des Schlüsselromans Mitte der Siebzigerjahre in Esquire abgedruckt wurde, erkannten Capotes Freunde, dass das Schoßhündchen durchaus auch zubeißen konnte: Plötzlich waren ihre intimsten Geheimnisse – vom Seitensprung bis zum vertuschten Mord – schwarz auf weiß nachzulesen. „Es ist sehr schwierig, Gentleman und Schriftsteller zu sein“, hat W. Somerset Maugham einmal bemerkt. Mit Erhörte Gebete entschied sich Capote eindeutig für Letzteres.[/lightgrey_box]

Und was hat er für ein skandalträchtiges Buch geschrieben! Capote blickt auf die High Society und gibt vieles von dem, was er sieht, ungeschönt wieder. Dieser Einfluss realer Geschehnisse ist ihm dabei auch zum Verhängnis geworden. Denn natürlich erkannten sich die realen Personen in den fiktiven wieder und waren alles andere als begeistert. So zerbrachen viele Freundschaften, die jahrelang gepflegt worden waren. In der Gesellschaft war er ab diesem Zeitpunkt ein Geächteter.

Erhörte GebeteDabei ist das Buch eigentlich ein unvollendetes – Capote ist vor der endgültigen Fertigstellung verstorben. Doch die vorhandenen Kapitel ergeben auch so einen Sinn – auch wenn man am Ende spürt, dass der Autor eigentlich noch nicht fertig war.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von P.B. Jones, einem angehenden Schriftsteller, der sich nebenbei als Callboy verdingt. Letzteres verschafft ihm Zugang zur High Society, deren Mitglieder ihm nach und nach regelrecht verfallen. Die dabei zustande kommenden Begegnungen verwebt Capote zu wahnsinnig scharfsinnigen und spitzzüngigen Charakterstudien – kein Wunder, dass sich auch lebende Personen in den Figuren wiedererkannt haben wollen! Der Autor lässt seinen Ich-Erzähler mit schonungsloser Offenheit auch intime Details ausplaudern. Dabei wählt er stets eine so süffisanten Plauderton, dass selbst die bösen und bizarren Passagen sich locker und leicht lesen. Teilweise hat man ein wenig das Gefühl, sich durch den Klatsch und Tratsch der Reichen und Schönen zu wühlen, aber auf eine „elegant-vulgäre“ Art und Weise.

Fazit


Wieso habe ich eigentlich so lange gebraucht, um dieses Buch zu lesen? Truman Capote rechnet schonungslos ehrlich mit der Gesellschaft ab, die ihn umgibt. Ob er es bereut hat kann ich nicht sagen. Aber die Abrechnung liest sich auch heute noch ganz köstlich!

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Maike


Truman Capote – Erhörte Gebete
Verlag: Kein & Aber
240 Seiten, Broschiert, 9,90 €

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2 Kommentare

  • Antworten Marina 14. September 2015 um 20:38

    Hach, Capote. ♥
    Ich muss wirklich demnächst mal wieder ein Buch von ihm kaufen. Und lesen. Aber eigentlich will ich ja den Schuber seines Gesamtwerkes und dann muss ich wohl warten, bis auch „Wo die Welt anfängt“ im Schuber eingegliedert wird.

    • Antworten Maike 20. September 2015 um 13:08

      Hey Marina,
      ja, das mit dem Schuber kann wirklich noch etwas dauern. Und wer weiß, vielleicht werden ja noch weitere Texte gefunden…die Hoffnung stirbt zuletzt :-)
      Liebe Grüße, Maike

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