Cornelia Travnicek – Junge Hunde + Kurzinterview

Johanna und Ernst sind schon seit Ewigkeiten befreundet. Und auch wenn der Kontakt mal mehr und mal weniger da ist – sie verlieren sich nie aus den Augen. Und so ist Johanna erst auch etwas skeptisch, als Ernst ihr von seinem Plan erzählt. Er will nach China reisen, dort seine leibliche Mutter finden und endlich etwas über seine Wurzeln herausfinden. Johanna hingegen bleibt in Österreich und in ihrem Alltag. Der ist von Arbeit, Routine und Hilfe für andere geprägt. Denn Johanna ist immer da, wenn mal Not am Mann ist. Sei es für ihren an Demenz erkrankten Vater oder für ihre Freundin, die alleinerziehende Mutter Julia, ihren Bruder oder den alten Herrn Glantz. Und dabei fragt sie sich immer wieder, ob das der Platz ist, den sie im Leben einnehmen soll. Ist sie immer nur die gute Tochter und die gute Freundin?

Wo gehören wir hin? Das ist die zentrale Frage, die sich die Protagonisten in „Junge Hunde“ immer wieder stellen. Sie sind eigentlich erwachsen – und doch immer noch auf der Suche Junge Hundenach ihrer Identität, denn sie fühlen sich unvollständig. Sie befinden sich in einer Phase des Umbruches und beginnen, sich Fragen nach dem eigenen Leben zu stellen. Gewisse Wahrheiten, die sie sich in ihrer Kindheit angeeignet haben, bröckeln weg und bedürfen eines Ersatzes. Für Ernst ist das eine scheinbar offensichtliche Sache. Er wurde adoptiert und glaubt, wenn er nur seine leibliche Mutter fände, würden sich alle seine Fragen klären. Doch in Wahrheit ist das alles dann doch etwas komplizierter. Und so muss auch Ernst feststellen, dass seine Suche bei jeder Antwort eine Menge neuer Fragen aufwirft und ihm alles andere als Klarheit verschafft. Und auch Johanna stellt fest, dass das mit dem Erwachsenwerden ganz schön schwierig sein kann. Sie dachte, sie hätte ihren Platz im Leben gefunden, bis ein Satz auf einer alten Postkarte alles verändert. Jetzt muss auch sie sich auf die Suche machen und herausfinden, wohin sie eigentlich gehört. Dafür muss sie sich von lieb gewonnenen Wahrheiten verabschieden und sich einen neuen Blickwinkel auf das eigene Leben erarbeiten.

Cornelia Travnicek erzählt die Geschichte nicht stringent. Einerseits wechselt die Sichtweise der Erzählung zwischen Ernst und Johanna hin und her, andererseits lässt die Autorin auch immer wieder Episoden aus der Vergangenheit einfließen. Die Freundschaft der beiden Protagonisten entfaltet sich vor dem Leser und es wird klar – hier ist kein Platz für eine Liebesgeschichte. Das hat mir persönlich sehr gut gefallen, endlich mal keine Liebesgeschichte, in der die räumlich getrennten Figuren sich nacheinander verzehren! Nein, beide haben ihre eigenen Sorgen und kommen kaum dazu, miteinander zu sprechen (und wollen das manchmal vielleicht auch nicht). Das hat zur Folge, dass beide Erzählstränge überwiegend getrennt voneinander ablaufen.
Die Autorin erzählt die Geschichte in einem gleichmäßigen und unaufdringlichen Ton. Sie berichtet und versucht nicht, den Leser zu belehren. Für meinen Geschmack war das zwar manchmal etwas zu ruhig und die Handlung „tröpfelte“ etwas zu seicht vor sich hin, ich habe es dennoch in einem Rutsch gelesen.

Fazit


Cornelia Travnicek vermittelt auf ruhige und poetische Art und Weise die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Ihre Protagonisten sehen sich Problemen gegenüber, die dringend und auf individuelle Art gelöst werden müssen. Dies vermittelt die Autorin, ohne den Leser an irgendeiner Stelle belehren zu wollen. Wenn ich auch etwas Action vermisst habe, ein wundervolles Buch, mit dem man sich gemütlich ins Bett verziehen kann.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leer

Wir haben die Autorin übrigens auf der Buchmesse in Frankfurt getroffen und die Chance genutzt, ihr ein paar Fragen zu stellen!

Was ist ihr Lieblingsschreibort?

Ich schreibe nicht zu fixen Zeiten, sondern aus der Idee heraus. Darum habe ich immer ein Notizbuch dabei, damit ich mir jederzeit Notizen machen kann. „Chucks“ ist z.B. zu großen Teilen in der Straßenbahn auf dem Weg zur Uni entstanden. Für „Junge Hunde“ habe ich mir auch unterwegs immer viele Notizen gemacht und die dann zuhause fertig geschrieben. Dort habe ich mehrere Schreiborte an denen ich je nach Jahreszeit schreibe.

Welches ist ihr Lieblingsgeräusch?

Das klingt vielleicht etwas klischeehaft, aber ich bin gern die erste, die in eine frische Schneefläche steigt. Und tatsächlich Katzenschnurren!

Was liegt gerade auf dem Nachttisch?

Da liegt gerade ein Buch mit dem Titel „Anatomy of Chinese“. Da geht es um Poesie, Rhythmus und Reim im Chinesischen. Ich habe ja Sinologie studiert und möchte das zwar nicht so expertenmäßig weiter betreiben, aber gerade an der chinesischen Literatur möchte ich dran bleiben.

Lesen Sie auch E-Books?

Ich hatte mal einen E-Book Reader, habe dann aber sehr schnell festgestellt, dass ich mich viel weniger an das Gelesene erinnere. ich habe da viele Klassiker draufgehabt, in alles aber nur mal rein gelesen. Darum hab ich den dann wieder verkauft, das tut meinen Lesegewohnheiten besser.

Bitte den Satz vervollständigen: Wenn ich groß bin…

Ha, das ist eine schöne Frage! Ich bin ja nur 1,59m groß und wenn ich jemanden treffe heißt es ganz oft „ich dachte immer, Sie seien größer“. Wenn ich große bin, bin ich also endlich so groß wie alle immer dachten!

Sympathisch, oder? Wir hatten jedenfalls sehr viel Spaß bei unserem Gespräch. Vielen Dank Cornelia Travnicek!

Eure Maike


Cornelia Travnicek – Junge Hunde
Verlag: DVA
240 Seiten, Klappenbroschur, 14,99 €

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

2 Kommentare

  • Antworten Buchiger Monatsrückblick: Oktober - Herzpotenzial 2. November 2015 um 18:35

    […] weil die Sprache nicht immer ganz eingänglich war. Als Vorbereitung für die Messe habe ich „Junge Hunde“ von Cornelia Travnicek und „Morgen ist es vorbei“ von Kathrin Wessling gelesen […]

  • Antworten Traurig sein ist gut. | buchrevier 16. November 2015 um 10:11

    […] weitere, lesenswerte Rezension samt einem Autoreninterview haben Mareike und Maike auf ihrem Blog Herzpotenzial […]

  • Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: