Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind

Mein absolutes Highlight aus den Frühjahrsprogrammen war „Gott, hilf dem Kind“ von Toni Morrison aus dem Rowohlt Verlag. Jetzt habe ich es endlich gelesen und so viel kann ich schon vorweg sagen: Es ist wirklich ein Highlight!

Als Sweetness ihr Baby das erste Mal sieht, erschrickt sie fast zu Tode. Lula Ann ist so tiefschwarz, dass es ihr Angst macht und sie die eigene Tochter in den kommenden Jahren so wenig wie möglich berühren wird. Ihr Mann verlässt sie, weil er der festen Überzeugung ist, seine Frau hätte ihn betrogen. Für einen kurzen Moment überlegt Sweetness, Lula Ann zu töten, doch stattdessen entschließt sie sich, sie mit aller Strenge zu Gehorsam und Unterwürfigkeit zu erziehen. Denn das Leben mit einer dunklen Hautfarbe ist in den USA nicht leicht, kaum auszudenken, was ihrer tiefschwarzen Lula Ann bevorstehen würde.
Doch Lula Ann beginnt, sich gegen das von ihrer Mutter vorgegebene Lebenskonzept zu wehren. Sie ändert ihren Namen in Bride, kleidet sich nur noch in Weiß und macht Karriere in einer Kosmetikfirma. Sie lebt ein auffälliges Leben und damit das komplette Gegenteil von dem, was ihre Mutter ihr beigebracht hat – sie tut alles, um aufzufallen. Doch dann verliebt sie sich in einen geheimnisvollen Mann und muss sich ihrer Vergangenheit stellen. Was auf den ersten Blick einfach und perfekt scheint, entpuppt sich als Auslöser einer Reihe von Ereignissen, die Bride und ihr Leben aus der Bahn werfen. Denn je mehr sie versucht, die Anerkennung der Menschen um sich herum zu gewinnen, desto mehr verwandelt sie sich zurück in das Kind, das sie einst war.

Toni Morrison erlaubt dem Leser einen Blick in das Amerika von heute, das immer noch von Konflikten und Rassismus geprägt ist. Ihre Protagonistin ist gleichzeitig stark und schwach. Ihre Mutter scheint immer über ihr zu schweben und sie will ihr beweisen, dass ducken und Ja-sagen nicht immer die richtige Strategie zum Überleben sind. Erhobenen Hauptes läuft sie von einem Debakel zum nächsten und verliert doch nie den Glauben an ihre Strategie. Auf jeder Seite offenbart sich etwas mehr aus der Vergangenheit, nicht nur von Bride, auch von den anderen Figuren, die immer wieder zu Wort kommen. Und nach und nach kommen die Schatten der Vergangenheit zum Vorschein, die ganz deutlich zeigen, dass Bride nicht so selbstbewusst ist, wie sie gern wäre. Die selbstsichere Karrierefrau mit eigener Kosmetiklinie verhält sich immer wieder wie das kleine, verunsicherte Kind, das bei seiner Mutter um ein Zeichen der Liebe buhlt. Nur ist es jetzt nicht mehr Sweetness, sondern es sind die Menschen, die sie umgeben. Die Beziehung zu Booker, der von ihrem Aussehen magisch angezogen wird, erweist sich als harte Prüfung für beide. Die einzelnen Handlungsstränge – immer wieder sind Kapitel mit den Namen der Protagonisten überschrieben und werden aus der Ich-Perspektive erzählt – laufen nach und nach zusammen und ergeben am Ende die Geschichte. Über allem steht die Akzeptanz des Ichs contra der Verleugnung der Vergangenheit und die Frage, wie man sich dem Rassismus am besten entgegenstellt.

Fazit

Aktueller denn je ist der Stoff, den Toni Morrison für ihr neues Werk ausgewählt hat. Temporeich und dicht erzählt berichtet sie von ihrer jungen Protagonistin, die trotz oder gerade wegen ihrer Hautfarbe um die Anerkennung ihres Umfelds buhlt und sich mehr und mehr verliert. Wie gesagt, (m)ein absolutes Highlight!

Eure Maike


Toni Morrison – Gott, hilf dem Kind
Verlag: Rowohlt
208 Seiten, Hardcover, 19,95 €

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2 Kommentare

  • Antworten -Leselust- 24. Mai 2017 um 15:23

    Hallo Maike,
    Oh man, das Buch stand eh schon auf meiner Wunschliste. Aber mit deiner tollen Rezension hast du mir noch mehr Lust auf das Buch gemacht. Die Geschichte klingt wirklich interessant. Auch die Erzählperspektive aus Sicht verschiedener Charaktere klingt spannend. Und dann hast du das alles auch noch in so schöne Worte verpackt. Da bekommt man wirklich Lust, sofort in die Lieblingsbuchhandlung zu stürmen und sich das Buch zu besorgen.
    Liebste Grüße, Julia

  • Antworten effcaa 25. Mai 2017 um 10:53

    Ohh… Blaubeeren und ein Buch! <3
    x finja | http://www.effcaa.com

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