Sylvie Schenk – Schnell, dein Leben

Wie fühlt es sich an, in einem fremden Land zu leben? Noch dazu, wenn es ausgerechnet das Land ist, von dem man von Kindesbeinen an gelernt hat, dass dort der Feind lebt? Diesem Thema geht Sylvie Schenk in ihrem Roman „Schnell, dein Leben“ nach.

Louise wächst in den 1950er Jahren in Frankreich auf und lernt dort vor allen Dingen, dass die Deutschen niemals Frankreichs Freunde sein können. Zu viel Leid haben sie über das Land gebracht, mehrere Kriege und grauenhafte Verbrechen gingen von ihnen aus. Louise fügt sich diesem Bild ohne es zu hinterfragen. Nach dem Abitur erlauben ihre Eltern ihr ein Studium in Lyon aufzunehmen. Sie findet bald Freunde und schließt sich einer bunten Clique junger Leute an. Unter ihnen ist auch Johann, ein Austauschstudent aus Deutschland. Und ausgerechnet in ihn verliebt sie sich.
Schenk_25331_MR.inddSie heiraten, nachdem sie den anfänglichen Widerwillen Louises Eltern überwunden haben, und gehen gemeinsam nach Deutschland. Dort muss sich Louise eine ihr völlig fremde Welt erschließen, die ihr gegenüber nicht immer freundlich ist. Ihre Schwiegereltern sind herzlich und offen, was ihr das Einleben erleichtert. Doch die Sprache ist immer wieder ein Hindernis für sie. Die Deutschen reagieren auf die Französin ähnlich unterkühlt wie die Franzosen auf Deutsche. Louise braucht lange, um ihre eigene Identität und ihren Platz in ihrem neuen Leben zu finden. Auch wenn es ihr schwer fällt, sie richtet sich immer mehr in ihrem Leben ein und nimmt gemeinsam mit ihrem Mann viele Hindernisse. Und dennoch, es gibt viel Unausgesprochenes, was über ihnen und ihrem kleinen Glück schwebt. Denn auch in Deutschland wird der Mantel des Schweigens über das Thema 2. Weltkrieg gebreitet, um ja kein Salz in offene Wunden zu streuen.

Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass man hier einen ganz besonderen Roman in den Händen hält. Auf nur 160 Seiten erzählt die Autorin ein ganzes Leben – mit allem was dazu gehört. Die Parallelen zum Leben von Sylvie Schenk sind eindeutig zu erkennen, der Roman hat autobiografische Züge. Doch dank der gewählten Du-Perspektive gelingt es ihr, einen gewissen Abstand zur Protagonistin Louise aufzubauen. Die Aufarbeitung eigener Erlebnisse scheint der Autorin ein großes Anliegen zu sein. Vor allem die Frage nach der Schuld rückt immer wieder in den Vordergrund. Louises Schwiegervater, ein großer Verehrer Frankreichs, war in seiner Zeit als Soldat während des 2. Weltkriegs dort. Dennoch behält er seine Erinnerungen an diese Zeit für sich. Erst nach und nach wird Louise klar, welche Rolle er dort inne hatte. Für sie und vor allem für ihren Mann ein einschneidender Moment, drohte das Schweigen sie doch zu ersticken.
Besonders ist an diesem Buch auch die Sprache. Schenk schreibt nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Deutsch. Und das tut sie auf eine Art und Weise, die zum Titel passt: schnell und präzise. In vielen kurzen Kapiteln reiht sie wichtige Episoden aus Louises Leben aneinander, die ein genaues Bild ihres Lebens zeichnen. Voller feinsinniger Beobachtungen erhält man beim Lesen Einblick in die Gefühlswelt einer jungen Frau, die sich zwischen den Grenzen zweier Länder bewegt und die sich nirgends so recht zugehörig fühlt. Und was anfangs wie die einfache Lebensgeschichte einer jungen Frau erscheint, entwickelt sich nach und nach zu einer Geschichte, die einen neuen Blick auf die Nachkriegszeit und den Umgang mit der Vergangenheit eröffnet.

Fazit


Ich glaube, ich habe mein Top-Buch für 2016 gefunden. Dieses Buch hat mich gefesselt, was lange keinem anderen mehr gelungen ist. Schade, dass es so schnell vorbei war, aber es ist eindeutig ein Kandidat für ein Re-Read.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Maike


Sylvie Schenk – Schnell, dein Leben
Verlag: Hanser
160 Seiten, Hardcover, 16 €

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4 Kommentare

  • Antworten stefka 28. November 2016 um 22:08

    Das hört sich nach einem interessanten Buch an. Ich mag Bücher mit fundiertem, geschichtlichen Hintergrund, da diese meist spannend sind, und man ganz nebenbei auch noch einen Lerneffekt hat.

    Mir fällt gerade ein, „Schnell, Dein Leben“ muss ich mir auch für eine Freundin merken, denn die ist mit einem Franzosen verheiratet. Und obwohl bei den beiden die Geschichte andersherum ist (er ist zu ihr nach Deutschland gezogen), denke ich, dass sie das Buch interessieren wird.

  • Antworten Silvia 29. November 2016 um 17:54

    Mir hat das Buchauch ganz gut gefallen, aber zum Topbuch 2016 würde ich es wohl doch nicht wählen. Doch die Autorin wr an der FBM so nett und charmant, dass ich mir driekt eine Karte für eine Lesung mit ihr gekauft habe. Das ist morgen, ich freue mich darauf, sie bringt einen Saxophonspieler mit.

  • Antworten Denise 1. Dezember 2016 um 11:03

    Das Buch ist mir in letzter Zeit sehr oft begegnet und steht schon auf meinem Wunschzettel. Deine Rezension hat mich nochmal daran erinnert, dass „Schnell dein Leben“ ganz bald mal bei mir einziehen muss.

  • Antworten kaprizioesblog 3. Dezember 2016 um 11:21

    Hej Maike,

    „Schnell, dein Leben“ ist mir bisher noch überhaupt nicht aufgefallen. Wie hast du es entdeckt und gibt es ein vergleichbares Buch? Also so nach dem Motto „Für Leser von Buch XYZ“?

    Liebe Grüße,
    Janine

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