Stewart O’Nan – Westlich des Sunset

Es kommt mittlerweile eher selten vor, dass wir beide das gleiche Buch lesen. In den Jahren des gemeinsamen Bloggens haben wir einfach gelernt, uns abzusprechen. Wenn es dann doch mal zu Überschneidungen kommt, klären wir vorher, wer das Buch rezensiert, so dass die andere sich entsprechend darauf einstellen kann. Doch hier war das einfach nicht möglich. Innerhalb von Sekunden wussten wir, dass wir a) beide das Buch sofort nach Erscheinen lesen müssen und b) zum ersten Mal eine gemeinsame Rezension verfassen.

Es geht natürlich um kein anderes Buch als „Westlich des Sunset“ von Stewart O’Nan. Als Hauptfigur für seinen neuen Roman hat er sich F. Scott Fitzgerald ausgesucht – jetzt ist klar, warum wir beide das Buch lesen mussten, oder?
O’Nan schreibt über Fitzgeralds letzte Jahre, die er in Hollywood verbracht hat. Der einst gefeierte Schriftsteller ist mit 41 Jahren nur noch ein Schatten seiner selbst. Er trinkt zu viel, arbeitet zu viel an erfolglosen Texten und verausgabt sich völlig, um seiner Tochter eine gute Schulbildung und seiner Frau eine optimale Betreuung in einer psychiatrischen Klinik zu ermöglichen. Dafür nimmt er einen Job als Drehbuchautor annimmt und von der Ost- an die Westküste Amerikas zieht. In der Villenanlage Garden of Allah lebt er zusammen mit den Schönen und Reichen, und trifft unter anderem Humphrey Bogart nachts am Pool. Tagsüber schuftet er neben vielen anderen an Drehbüchern und versucht Produzenten, Schauspieler und Studiochefs von seinen Ideen für ihre Filme zu überzeugen und nebenbei seine eigenen Text voranzubringen. Jeden Tag stellt er sich der Herausforderung, in der Traumfabrik Hollywoods sein Geld zu verdienen, ohne seine kreativen und künstlerischen Ansprüche an sich selbst völlig aufzugeben. Und dann gibt es da noch diese Frau, zu der er sich mehr und mehr hingezogen fühlt und die der Lichtblick seiner trübseligen Tage ist.

 

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Maikes Highlight

Hättet ihr in diesem Buch eine Liebesgeschichte erwartet? Ich nicht – damit hat der Autor mich eindeutig kalt erwischt. Und dann ist es auch noch so eine schöne. Fitzgerald verliebt sich nämlich noch einmal und führt sich schlagartig auf, wie ein Teenager. Er kann nicht schlafen, denkt nur noch an Sheilah und schwankt zwischen völliger Glückseligkeit und panischer Angst sie zu verlieren. Denn auch wenn er noch mit Zelda verheiratet und ihr gegenüber loyal und wohlgesonnen ist, sind da keine solchen Gefühle mehr für sie. Er möchte, dass sie es gut hat, aber mehr auch nicht. Dennoch steht er vor einem riesigen Dilemma: ist es gerecht gegenüber Zelda, sich in eine andere Frau zu verlieben? Ist es gerecht gegenüber Sheilah, dass er weiterhin mit Zelda verheiratet ist? Er findet keinen einfachen Ausweg hier, sondern stürzt sich immer mehr in Arbeit, die ihn immer weiter zerstört. Dieses Auf und Ab, diese Hollywood-Geschichte, die in Hollywood stattfindet, beschreibt Stewart O’Nan in kraftvollen Worten, die mich auch Wochen nach Beenden des Buches noch beeindrucken.

Mareike Highlight

Eine völlig neue Seite an einem meiner Lieblingsautoren kennenzulernen ist immer eine tolle Erfahrung. Genau das ermöglichte mir Stewart O’Nan mit diesem Buch. In bisherigen Biographien oder anderen Zusammenhängen wurden die späten Jahre der Fitzgeralds meist sehr knapp zusammengefasst. Hier zeigt sich, dass Scott tatsächlich ein völlig neues Leben begonnen hat, viele Weggefährten begegneten ihm in Hollywood, genauer im Garden of Allah erneut – manche inzwischen gefeierte Stars, andere genauso am Boden wie er. Man bekommt Einblicke in die frühe Welt des Films und wie diese von den großen Stimmen der Literatur ganz unmittelbar geprägt wurde. Wie sich filmische und literarische Mittel gegenseitig beeinflusst haben und Fitzgerald dadurch ganz neue Impulse bekommen hat. Wen er in seinen späten Jahren noch alles traf – täglich, in der Kantine! Ich finde es unheimlich faszinierend, wie diese großen Literaten gemeinsam gelebt und gearbeitet haben. Wie fantastisch und zugleich voller Abgründe diese Szene doch gewesen sein muss.

Zum Stil

Mareike fing dieses Buch mit einer dicken Grippe im Gepäck an und stellte nach wenigen Seiten fest: Dieses Buch ist dicht. Die Sprache ist reduziert und erinnert stellenweise an die präzisen Sätze von Ernest Hemingway. Kein Wort zu viel und doch voller eleganter Bilder und Phrasen. Wer O’Nan kennt, weiß um seine herausragende Begabung mit Worten umzugehen. Doch in diesem Buch übertrifft er sich selbst, indem er wahrhaft einem Hemingway würdig schreibt. Das bedeutete natürlich für den vergrippten Kopf, dass sich die Lektüre als eine intensive und manchmal kräftezehrende Aufgabe darstellte. Dieses Buch ist nicht als leichte Zwischendurchlektüre zu empfehlen. Dafür muss man zu aufmerksam sein. Dann erwartet einem ein präzises und intensives Bild über die Schriftstellerszene Hollywoods der 40er Jahre.
Maike begann das Buch im Zug und ihr ging es ähnlich. Man muss sich wirklich konzentrieren und jedes Wort auf einer Seite lesen, sonst passt es am Ende nicht zusammen. Mehr als einmal durfte sie noch eine Seite zurück blättern, weil ihr irgendein Detail entgangen war. Aber gerade eine solche Herausforderung beim Lesen macht so ein Buch spannend: Man liest es halt nicht abends, um besser schlafen zu können, sondern um sich auf einen Autor einzulassen, der schwer zu knacken ist, einen als Gegenleistung aber in eine wundervolle Story mitzieht.

Fazit


Ein Buch, das uns beide nachhaltig beeindruckt hat. Mit sprachlicher Intensität hat O’Nan das alte, nicht immer so glamouröse Hollywood auferstehen lassen und uns beide mit diesem Buch überrascht. Wir haben völlig neue Seiten an unseren Helden der Lost Generation kennen gelernt und doch viel Vertrautes wiederentdeckt. Ein ausgezeichneter Roman über zweite Chancen und den ständigen Druck der Filmbranche – der selbst schon in ihren Anfängen stets präsent war.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Maike und Mareike

 


Stewart O’Nan – Westlich des Sunset
Verlag: Rowohlt
Gebunden, 416 Seiten, 19,95€

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3 Kommentare

  • Antworten Marina 5. Juni 2016 um 19:22

    Hallo, mein Name ist Marina und ich gehöre zu den anonymen Fitzgerald-Liebhabern, weswegen hier nun mein obligatorischer Kommentar folgt:

    Hach. Immer, wenn ich das Buch sehe, möchte ich es mir sofort kaufen, doch jetzt muss ich noch den Geburtstags abwarten, nicht, dass es mir jemand schenkt. Die lange Wartezeit wird durch eure Rezension noch unerträglicher als zuvor ;)

    • Antworten Mareike 5. Juni 2016 um 21:43

      Hallo Marina,

      willkommen bei den anonymen Fitzgerald-Liebhabern. Wir freuen uns, dass du auch heute wieder zu unserer Gruppe gefunden hast. Ja, das ist natürlich fatal mit dem Geburtstag und der Ungeduld. Aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste….
      ach, egal! Lies bald das Buch!!!
      Wir wollen wissen, was du von dem Buch hältst!

  • Antworten schonhalbelf 7. Juni 2016 um 12:06

    Oh, wie toll! Ich hatte es ja mal in meinen Top 3 Neuerscheinungen vorgestellt, habe es mir bisher aber nicht gekauft und es auch nicht gelesen – sollte ich nachholen, so wie ihr beiden schwärmt. :)
    Liebe Grüße
    Inga

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