Stefan Slupetzky – Der letzte große Trost

In Stefan Slupetzkys „Der letzte große Trost“ habe ich wohl ein erstes echtes Jahreshighlight gefunden! Auch Tage nachdem ich das Buch beendet habe, bin ich noch völlig hin und weg. Das Buch hat mich in der Vorschau bereits fasziniert und mit entsprechend hohen Erwartungen habe ich zu lesen begonnen, die zum Glück voll und ganz erfüllt wurden.

Hauptfigur des Buches ist Daniel Kowalski, ein Mann, der eine bewegte Familiengeschichte hat. Die Familie seiner Mutter ist Jüdin, viele ihrer Verwandten sind unter der Herrschaft Hitlers in KZs umgekommen. Die Familie seines Vaters hingegen wurde in dieser Zeit reich und zwar mit der Produktion von Zyklon B. Daniel wächst im Haus seiner Großeltern auf, wo die Familie zusammen mit der Großmutter lebt. Diese scheint sich an der familiären Vergangenheit ihres Schwiegersohns nicht zu stören, dennoch teilt sie sich die Eigentümerschaft mit dem Bruder ihres toten Mannes. Dieser lebt in Israel und weiß nicht, dass in „seinem“ Haus ein Kowalski lebt – bis die Großmutter stirbt und ihre Tochter das ganze Haus kaufen will. Er verweigert den Verkauf und zwingt die Familie, das Haus überstürzt zu verlassen und in Wien in eine Wohnung zu ziehen.

Stefan SlupetzkyDaniel ist zu diesem Zeitpunkt fast volljährig. Als er 22 ist stirbt sein Vater unerwartet, seine Mutter erleidet wenige Jahre danach einen Hirnschlag und existiert nur noch als Hülle. Daniel, der eigentlich Künstler werden wollte, hat diese Ambitionen zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben. Seine Freundin ist mit Zwillingen schwanger und seine Mutter benötigt aufwendige Pflege und einen Platz in einem guten Heim. Er wird Fotograf und ist damit sehr erfolgreich. Sein Leben verläuft in geordneten Bahnen und relativ frei von Überraschungen. Bis eines Tages ein Brief aus Israel eintrifft. Das Haus, in dem er seine Kindheit verlebt und seit dem überstürzten Auszug nicht mehr betreten hat, soll verkauft werden. Ihm ist aber noch ein letzter Besuch gestattet, um noch dort liegende Erinnerungen abzuholen. Die Handlung setzt an dem Tag ein, als Daniel sich tatsächlich dahin aufmacht. Seine Fahrt dahin ist erfüllt mit Erinnerungen an seine Kindheit und vor allen Dingen an seinen Vater, die viele Jahre verschüttet waren und jetzt wieder hervorkommen.

Faszinierend ist, dass die eigentliche Handlung nur an zwei Tagen spielt, dabei aber die Geschichte der Familie über mehrere Jahrzehnte aufgearbeitet wird. Slupetzky hat hier auch die Geschichte seiner eigenen Familie eingewoben. Denn auch seine Familie weist diese Ambivalenz auf, die er der Familie seines Hauptprotagonisten mitgegeben hat: Während seine Mutter viele Verwandte im Holocaust verlor, war ein (entfernt) väterlicherseits Verwandter ein Produzent von Zyklon B. Diese Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit spielt in der ersten Hälfte des Buches eine wichtige Rolle, doch genauso bedeutsam ist die Thematik der Beziehung Daniels zu seinem Vater und dessen Verlust. Der plötzliche Tod und all die ungestellten Fragen beschäftigen Daniel auch noch nach Jahrzehnten noch täglich – auf eine Art und Weise, die sogar seinen Alltag und sein Leben beeinflussen. Er sucht nach Erklärungen für das scheinbar Unerklärliche, sieht Hinweise und Fährten, die ihm dabei helfen und erklärt am Ende so viel, dass Realität und Einbildung verschwimmen. Die Wahrheit, der sich Daniel am Ende stellen muss, ist nicht die, die er sich ausgemalt hat.

Fazit


Ein wortgewaltiges Buch, dass sich den Themen Vergangenheitsbewältigung und Verlust auf meisterhafte Weise nähert. Slupetzky erzählt sorgfältig die Geschichte der Beziehung eines Sohnes zu seinem Vater und erschafft dabei ein Bild, das dem Leser immer wieder neue Einblicke offenbart. So bleibt es bis zum Schluss spannend. Kein leichtes oder vergnügliches Buch, dafür aber eins, dass seine Leser noch lange begleitet.

kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefüllt

Eure Maike


Stefan Slupetzky – Der letzte große Trost
Verlag: Rowohlt
256 Seiten, gebunden, 19,95 €

Vorherige Beiträge Nächste Beiträge

Vielleicht gefällt dir auch

3 Kommentare

  • Antworten Frauke 25. März 2016 um 09:07

    Das klingt sehr interessant und berührend. Gerade die Bücher, die diese Themen in kurzen Zeitspannen beschreiben, sind meist so intensiv. Wird auch auf die Landschaft eingegangen? Ich finde das immer tröstlich, als Signal für etwas Gutes, Bleibendes oder als Zeichen für die Verbindung der Generationen. Klingt das jetzt komisch? Ich kann es nicht besser ausdrücken… Das Buch kommt auf jeden Fall auf meine to read -Liste. Bis bald, Frauke von wasfraukemacht.de

  • Antworten [Die Sonntagsleserin] März 2016 | Phantásienreisen 3. April 2016 um 08:04

    […] Für Maike von Herzpotenzial entpuppte sich dagegen Stefan Slupetzkys „Der letzte große Trost“ als „echtes Jahreshighlight“. […]

  • Antworten Deutscher Buchpreis 2016 - Was könnte auf der Longlist stehen? 14. August 2016 um 14:12

    […] von Herzpotenzial hat dieses Buch bereits gelesen und hat darin eines ihrere Jahreshighlights […]

  • Kommentar verfassen

    %d Bloggern gefällt das: