Stefan Beuse – Das Buch der Wunder

Der neue Roman von Stefan Beuse stellt mich vor einige Herausforderungen. Die erste ist wohl, an dieser Stelle erklären zu wollen, worum es in Das Buch der Wunder geht. Geht es um ein Geschwisterpaar, das sich verliert und wiederfindet? Um lieblose Kindheit, um die Flucht durch Fantasie? Geht es um die spirituelle Suche nach dem Dunklen, der anderen Seite in einem Selbst? Ist es vielleicht eine Geschichte über das Erwachsenwerden und den Verlust der kindlichen Unschuld? Ist es ein Krimi über eine düstere Höhle im Wald?

Zentral ist die Beziehung von Tom zu seiner kleinen Schwester Penny. Die beiden könnten in ihrer Herangehensweise an die Welt kaum unterschiedlicher sein: Er ist rational und stets auf der Suche nach klaren Antworten, während Penny in vielem ein Wunder sieht, die Welt stets mehrgliedrig und vielschichtig begreift.
Auf dem Couchtisch liegt stets das Lieblingsbuch des Vaters, „Das Buch der Wissenschaft“. Tom liest regelmäßig in diesem Buch, will dem Vater nacheifern und sieht dieses Buch als zentrales Wissenswerk an. Nach dem überraschenden Verschwinden des Vaters entdeckt er im Regal einen Schuber, aus dem „Das Buch der Wissenschaft“ entnommen wurde. Fast unberührt steht dort ein zweiter Band „Das Buch der Wunder“. Es enthält all die Phänomene und Rätsel der Menschheit, die man (noch) nicht mit wissenschaftlichen Methoden erklären kann.

Einige Jahre später stirbt Penny plötzlich, Tom ist nun auf sich allein gestellt. Unter den Sachen seiner Schwester findet Tom ein kleines Heft, ebenfalls mit der Aufschrift „Das Buch der Wunder“. Es umfasst eine Mischung aus Kindergeschichten, Tagebucheinträgen und Beschreibungen von ihren Versuchen der Frequenzwechsel (Achtung, hier wird es esoterisch, denn es geht um unsere Wirklichkeit überlagernde Welten).
Er wird Werber, widmet sich dem Bau eigener, künstlicher Werbewelten, die einem plumpen Ideal von Sauberkeit und Ordnung entsprechen. Übrigens der gleiche Beruf, dem auch Stefan Beuse neben seiner Schriftstellertätigkeit nachgeht.

Stefan Beuse beim Buchclub im Mairisch Verlag

Elegant und vielschichtig verbindet Beuse starke Themen der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte miteinander: Licht und Schatten als wissenschaftliche Faktoren treffen auf die symbolische Ebene des Kampfes von Gut und Böse. Wie Licht, das in einem bestimmten Winkel durch ein Stück Glas fällt, zerbricht auch die Geschichte stetig in neue, bunte Bestandteile, setzt sich anders zusammen, zerbricht wieder. Den Wald als Bild für das Wilde, Undurchdringliche und den Weltraum, Topos für die menschliche Suche nach Sinn und Wissen verbindet er miteinander. Wälder tauchen auf, verschlingen kleine Kinder, tauchen an anderer Stelle wieder auf und lassen Wildkatzen frei. Sie sind zugleich verwirrend und doch voller bestechender Logik, diese Wunder.
Aus Glasscherben gebaute Mäusekrypthen, künstliche Werbewelten und düstere Abgründe im Wald sind alles Schauplätze, die einen Aspekt der selben Erlebniswunderwelt Toms beleuchten. Doch all diese Wunder werden plötzlich blutig real, als es zu grausamen Vorfällen im Wald kommt und sich die Polizistin Vera an einen einst verschwundenen Jungen erinnert und dessen Buch der Wunder.

Die poetische und doch sehr kraftvolle Sprache von Stefan Beuse schafft es, dass man nach einigen Seiten selbst bereit ist an Wunder zu glauben. Man erinnert sich an die Momente, an denen man selbst als Kind lange in den Spiegel starrte und das Spiegelbild zu flackern begann. Beuse erzählt die Geschichte von Alice hinter den Spiegeln neu, in einer modernen Zeit und aus der Perspektive der Zurückgebliebenen, den Zweiflern, die das Wunderreich selbst nie betreten haben und doch ahnen, dass Alice im Grunde recht hat. Der Moment des In-die-Spiegelwelt-Kippens erlebt man selbst an vielen Stellen des Buches.
Penny und Tom sind die zwei Seelen, von denen Faust sprach: Die Wissenschaft und der Wunderglaube, die sehr wohl nebeneinander existieren können und sich schlussendlich bedingen und gegenseitig zu neuen Höhen treiben.

Vermutlich kann man alle Eingangsvermutungen zum Inhalt zugleich bestätigen und verneinen. Man kann auch einfach sagen, dass es schlussendlich egal ist, worum es geht. Es ist ein exzellentes Stück Literatur, das einem die eigenen Grenzen zeigt und zugleich Brücken zur eigenen Kindheit schlägt. Wenn ihr mal wieder von akuter Leseunlust gepackt seit, ihr das Gefühl habt, dass alles nur der selbe Geschichtenbrei ist, dann greift bitte ganz schnell zu Das Buch der Wunder. Es wird euch den Glauben an überraschende Romane zurückgeben.

Fazit

Das Buch der Wunder ist ein Roman, der lange nachhallt. Ein spannendes Buch voller Magie und kluger Ansätze ohne den Anspruch Antworten zu liefern. Die Geschichte von Penny und Tom liegt selbst etwas abseits der eigenen Frequenz und ist allein deshalb ein absolutes Highlight. Lest das Buch, es wird euch noch lange begleiten – versprochen!

Eure Mareike


Stefan Beuse – Das Buch der Wunder
Verlag: Mairisch Verlag
Gebunden, 224 Seiten, ca. 18 Euro

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2 Kommentare

  • Antworten Chochi 8. April 2017 um 20:23

    Schöne Rezension! Mir hat das Buch auch sehr gefallen, besonders das Spiel mit Gegensätzen.

  • Antworten |Rezension| Das Buch der Wunder - Stefan Beuse • Literatour.blog 28. Juli 2017 um 14:13

    […] den mairisch Verlag für dieses Rezensionsexemplar. Weitere Rezensionen zum Buch:  | Herzpotenzial | studierenichtdeinleben | var disqus_url = […]

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