Simon Van Booy – Mit jedem Jahr

Der neue Roman des britischen Autors Simon Van Booy „Mit jedem Jahr“ ist im Original unter dem Titel „Father’s Day“ (Vatertag) erschienen. Normalerweise werden Titeländerungen im Deutschen gern kritisiert. In diesem Fall finde ich beide Titel gut. Ja, gerade zusammen ergeben sie eine wundervolle Einleitung in den Roman. Denn zum einen spielt ein Großteil der Handlung auf den anstehenden Vatertag an. Die inzwischen erwachsene Tochter Harvey lebt in Paris und erwartet den ersten Besuch ihres Vaters Jason, der noch nie zuvor im Ausland gewesen ist. Sie hat einige Geschenke für ihn vorbereitet, denn in wenigen Tagen ist Vatertag. Sie hat ein Geheimnis entdeckt, das sie ihm schonend enthüllen und zugleich ihre Liebe und Dankbarkeit als Tochter ausdrücken möchte.
Zum anderen wird die schrittweise Annäherung der beiden in Rückblenden erzählt. Jason hatte Harvey nach dem tragischen Tod ihrer leiblichen Eltern adoptiert. Sie kam im Alter von etwa sechs Jahren zu ihm und ist zunächst gar nicht willkommen in seinem Leben.

Es ist interessant und berührend, die beiden Versionen derselben Menschen immer wieder aufeinanderprallen zu sehen. Das kleine verängstigte, ja schwer traumatisierte Mädchen Harvey hat Schlimmes erlebt, muss sich in eine völlig andere, durchaus kinderfeindliche Umgebung einfügen und doch wird aus ihr eine beeindruckende Künstlerin. Selbstbewusst, intelligent und stets freundlich meistert sie ihr Leben im Ausland. Auch Jason hat sich verändert. Aus dem arbeitslosen Trinker und Schläger ist ein liebevoller und stolzerfüllter Vater geworden – sichtlich altersmilde.

Die Geschichte wird somit von zwei Seiten erzählt, und doch strebt sie auf einen gemeinsamen Höhepunkt zu: Harvey glaubt ein Geheimnis ihres Ziehvaters entdeckt zu haben und beginnt, ihre Kindheitserinnerungen in Form von symbolischen Geschenken mit Jason erneut zu durchleben. Spannend dabei ist, dass es natürlich die lückenhaften Erinnerungen einer verstörten Sechsjährigen sind. Van Booy eröffnet dem Leser in seinen Rückblenden eine neue, umfassendere Perspektive.
Denn während es für Harvey stets klar und gewollt war, dass sie zu Jason zieht, wird recht schnell deutlich, dass dies eher ein riskantes Experiment war.
Die Sozialarbeiterin ging ein hohes Risiko ein, als sie den arbeitslosen Alkoholiker und Ex-Sträfling als Ziehvater für die kleine Harvey erwählte. Und liest man direkt im kommenden Kapitel von dem Erfolg und den Früchten dieser außergewöhnlichen neuen Familie, gibt man ihr vollkommen recht. Schnell schließt er die Kleine in sein Herz und beginnt sein Leben umzukrempeln, denn er muss plötzlich Verantwortung tragen. Etwas, dass er viele Jahre – vielleicht sogar seit seiner schwierigen Kindheit – nicht mehr getan hat.
Jason geht nicht immer die üblichen Wege in der Erziehung. Das kann er vermutlich gar nicht. Doch liebt er dieses kleine Mädchen von Tag zu Tag mehr. Sie wachsen zusammen, bilden ein Team, wie es nur zwei Menschen machen können, die sich gegenseitig retten müssen. Ein zutiefst ergreifender Prozess, der in zarte und elegante Worte gehüllt wurde. Mit jeder Seite wächst die Zuneigung für dieses ungewöhnliche Vater-Tochter-Team.

Zu Simon Van Booy habe ich eine ganz besondere Beziehung: Vor etwa drei Jahren ist sein Debüt eines der ersten Bücher gewesen, das ich hier vorgestellt habe. Damals fiel es mir nicht immer leicht, mich auf den ruhigen, reduzierten Stil einzulassen. Dieses Mal bin ich direkt in den ersten Seiten versunken und wollte gar nicht wieder auftauchen.
Wenn Bücher einen so mitnehmen, aufnehmen und berühren, dann ist das immer ein besonderes Gefühl. Simon Van Booy schafft es auf unglaublich unpathetische, unkitschige Weise von der Fragilität menschlicher Beziehungen zu erzählen, dass ich mir noch viel mehr Bücher von ihm wünsche. Dieser Roman ist so bedächtig und elegant in sich komponiert, dass ich am Ende wirklich kurz ein Tränchen wegwischen musste. Passiert mir nicht oft, doch dieses Buch erreicht auch eher zynische Zeitgenossen.

Fazit


Der neue Roman von Simon Van Booy hat mich nachhaltig beeindruckt. Wieder hat er sein Talent für perfekte und überraschende Handlungskompositionen bewiesen. Jede Figur wird sensibel und mit viel Raum für Zwischentöne entwickelt und es entsteht ein Gefühl, als würde man Harvey und Jason wirklich kennen – als wäre man ihnen in Fleisch und Blut begegnet. Dieses Buch wird deshalb noch lange bei mir nachhallen.

Eure Mareike


Simon Van Booy – Mit jedem Jahr
Verlag: Insel
Gebunden, 310 Seiten, ca. 22 Euro

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2 Kommentare

  • Antworten -Leselust- 12. Mai 2017 um 21:07

    Das klingt nach einer schönen Geschichte.
    Ich habe ja manchmal so meine Vorbehalte, wenn es um Erzählungen auf mehreren Zeitebenen geht, weil es leicht als Stilmittel zum Spannungsaufbau überstrapaziert werden kann.
    Aber wenn es gekonnt eingesetzt ist, kann es auch sehr bereichernd sein und das scheint ja hier der Fall zu sein.
    Du hast mich auf jeden Fall neugierig auf das Buch gemacht. Auch das Thema ist ja durchaus eins, was man nicht in jedem Buch findet.
    Soll ich mir vielleicht pünktlich zum Muttertag ein Buch über einen Vater kaufen? ;) Na mal sehen…
    Liebste Grüße, Julia

  • Antworten Nicole B. 16. Mai 2017 um 12:13

    Das Buch habe ich gesehen, die Beschreibung gelesen und mich verliebt und es gekauft. Für mich ein starkes Stück da ich es ziemlich teuer finde. Normalerweise gebe ich nicht mehr als 12 EUR für ein Buch aus. Jetzt liegt es hier und ich sehe es täglich und freue mich darauf es bald zu lesen. Deine Rezi zeigt mir das ich den Kauf nicht bereuen werde.

    Liebe Grüße
    Nicole

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