Maria Semple – Wo steckst du, Bernadette?

Ich mag keine lustigen Bücher. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, doch irgendwie hauen sie mich nie um. Diese lockere, witzige Atmosphäre, der fluffige und leichte Erzählstil und die so kreativen Figuren. Gefühlt ist das Fast Food. Ein Buch, das sich nicht allzu sehr wehrt und das man auch mal dem Gelegenheitsleser in die Hand drücken kann: „Hier, ist lustig.“ Dann legt der es sich auf’s stille Örtchen und kann jeden Tag ein paar Minuten vor sich hin schmunzeln.

Wie kommt es also, dass ich heute ein Buch vorstelle, dass ich eindeutig in die Kategorie „Hier, ist lustig.“ stecken würde? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr genau. Wir waren in der Buchhandlung und irgendwie…. Naja, ihr kennt das sicherlich.
[/lightgrey_box]Bernadette Fox ist chaotisch, überfordert – und ungeheuer liebenswert. Ihr Ehemann Elgie, der neue Hoffnungsträger bei Microsoft, mag ihren Witz. Und ihre verrückten Ideen. Irgendwie auch ihre Unsicherheit, wenn sie mal wieder von quälenden Ängsten heimgesucht wird. Die anderen Mütter, allesamt perfekt organisiert, halten Bernadette allerdings für eine Nervensäge. Verantwortungslos. Schließlich beschäftigt sie online eine indische Assistentin, die den Alltag für sie regelt. Zum Stundensatz von 0,75 Dollar reserviert Manjula den Tisch im Restaurant, erledigt mal eben die Bankgeschäfte und bucht den Familienurlaub in die Antarktis. Und für ihre 15jährige Tochter Bee, die kleine Streberin, ist Bernadette, na ja, eine Mutter. Bee kennt ja keine andere. Doch irgendwann beschließt Bernadette auszubrechen. Ihr wird das alles zu viel. Und auf einmal ist sie verschwunden …[/lightgrey_box]
Die Grundidee ist simpel und zugleich genial: Eine exzentrische Frau bestreitet ihr Leben exzentrisch, stößt dabei auf immer mehr Widerstand und verschwindet schließlich. Das tut sie jedoch kurz vor Weihnachten und ihre Teenager-Tochter Bee ist natürlich sehr erpicht darauf ihre Mutter wiederzufinden. Dabei stöbert sie in unterschiedlichsten Unterlagen: eMails, Briefe, Untersuchungsdokumente, Notizzettel und vieles mehr. So wird vor den Augen des Lesers nach und nach das Leben von Bernadette Fox und die Ereignisse der letzten Wochen vor ihrem Verschwinden beleuchtet. Dieses Buch ist also weniger eine zusammenhängende Handlung mit klassischem Erzähler als eine Akte voller Hinweise zum Verschwinden von Bernadette. Man muss sich ein wenig in die wechselnden Stile und Personen hineinfinden. Was genau hat eine Info-Mail von Bees Schule mit der ganzen Sache zu tun? Warum werden eMails von der Arbeitskollegin ihres Vaters in dieser „Akte“ gesammelt? Und woher kommen eigentlich all diese persönlichen, teils streng vertraulichen Informationen?
Ich kann sagen, dass sich alles tatsächlich perfekt ineinander fügt. Jedes kleinste Detail ist wichtig und durchdacht. Die Handlung bleibt dadurch nicht nur (im gewissen Rahmen) authentisch, sondern auch rasant und witzig. Nach jeder Wendung denkt man: „Na klar! Das ist perfekt!“ Man spürt einfach, dass Maria Semple in ihrem Debüt all ihre Erfahrungen als Drehbuchautorin einfließen ließ. Handlungsbögen, Pointen, Figurenkonzeptionen sind einfach perfekt.
Bernadette, ihre Tochter Bee und selbst der zunehmend verzweifelte Vater sind liebenswert und detailreich gezeichnet. Auch wenn Bernadette selbst erst ganz zum Schluss zu Wort kommt, bekommt man ein immer klareres Bild von ihr. Man versteht nach und nach ihre Abneigung gegen alles und jeden, ihre Verbitterung und schließlich ihre Flucht. Jede Figur hat ihre Schwächen und auch wenn sie alle überreagieren (wie gesagt: es ist eine Kommödie), versteht man sie doch irgendwo. Jeder kennt eine klassische Übermutti, die einfach alles perfekt haben möchte und dabei ständig über das Ziel hinausschießt. Jeder kann sich in einen unsicheren Teenager hineinversetzen, dem die eigenen Eltern manchmal peinlich sind.
Man sieht regelrecht einen Film vor dem eigenen Auge entstehen – und dazu noch einen sehr, sehr lustigen Film. Mit Pinguinen, einstürzenden Häusern, verkannten Genies, Fischerwesten und Mercedes-Muttis. Was für eine Mischung!

Doch nun muss ich leider auf meine Anfangsaussage zurückkommen. Ich mag keine lustigen Bücher. Ja, es hat mich unterhalten. Ja, es ist eine gut geschriebene Geschichte mit liebenswerten Figuren und einer sehr gut konzipierten Handlung. Doch es hat mich nicht vom Hocker gehauen. Es fühlte sich wirklich ein wenig wie Fast Food an, wo ich mir manchmal ein wenig mehr Soul Food gewünscht hätte. Ein wenig mehr Tiefe bei den Figuren, ein paar Ecken und Kanten. Dass die Figuren – besonders Bernadette und ihr Ehemann – nicht einfach alles so laufen lassen bis zur großen Katastrophe. Und so nett der ungewöhnliche und indirekte Erzählstil durch die vielen Unterlagen und eMails war: Es las sich eher wie ein Drehbuch als ein Roman. Ich denke, dass der Film (der natürlich schon in Arbeit ist) weitaus besser zu dieser Geschichte und ihrem Aufbau passt. Es sind eher Filmfiguren als Romanfiguren. Wenn auch sonst gern gesagt wird: „Ein Roman ist immer besser als seine Verfilmung“, behaupte ich in diesem Fall mal, dass es eher umgekehrt sein wird. 

Fazit


Ein amüsanter und temporeicher Roman für Filmfreunde und Gelegenheitsleser. Für den passionierten Vielleser wird dieses Buch wohl nicht lange im Gedächtnis bleiben. Das ist schade, denn handwerklich und sprachlich ist es ausgezeichnet. Ich hoffe, dass die Autorin sich bei ihrem nächsten Roman mehr von ihrem Denken als Drehbuchautorin lösen kann.
kleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz gefülltkleines Herz leerkleines Herz leer

Eure Mareike


Maria Semple – Wo steckst du, Bernadette?
Verlag: btb
Taschenbuch, 384 Seiten, 9,99€

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2 Kommentare

  • Antworten Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel von Bradley Somer | Herzpotenzial 29. April 2015 um 12:50

    […] diesem Buch um ein lustiges handelt. Lange Titel liegen da aktuell im Trend. Leider habe ich ja bereits erwähnt, dass ich es nicht so mit lustigen Titeln habe. Aber das ist wohl das Risiko, wenn man jemanden mit […]

  • Antworten Beatrix Petrikowski 14. Juni 2016 um 17:47

    Ich fand diesen Roman alles andere als temporeich und wenn, dann erst ab der Hälfte.

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