Sarah Moss – Zwischen den Meeren

Der neue Roman von Sarah Moss erzählt die ungewöhnliche Geschichte von Ally, einer jungen Ärztin im späten 19. Jahrhundert weiter. „Zwischen den Meeren“ ist die Fortsetzung von „Wo Licht ist„, in dem die kalte und strenge Jugend von Ally und ihrer kleineren Schwester Meg erzählt wurde. Dies Buch habe ich euch bereits an einer anderen Stelle vorgestellt. Nun ist Ally erwachsen und ganz frisch mit dem jungen Leuchtturmbauer Tom Cavendish verheiratet. Doch statt ihr frisches Eheglück zu genießen, führt es die beiden so weit auseinander, wie es nur geht: Während Tom für ein Jahr nach Japan gehen soll, um dort den Bau von Leuchttürmen zu beaufsichtigen, bleibt Ally in Cornwall, um dort an einem Frauenzuchthaus zu arbeiten. Unterschiedlicher könnten ihre beiden Leben nun für die kommenden Monate nicht verlaufen.
So entspinnt sich durch den steten Wechsel der beiden Erzählsprünge eine spannungsreiche Abwechslung, die immer wieder zeigt, wie unterschiedlich sich Männer und Frauen durch die Welt bewegen. Und doch verbindet die beiden erzählerisch, dass sie sich eine neue Kultur vertraut machen müssen. Für Ally ist es die männlich dominierte Arbeitswelt, voller Gebräuche und Machtspiele, die ihr in ihrer strengen, von Demut und Entbehrung geprägten Erziehung so nie nahe gebracht wurden. Sie wird mit Entmündigung und stetem Leid konfrontiert, das mit System in dieser Anstalt durchgeführt wird. Recht oberflächlich werden die Frauen und ihre Leiden in vier Stationen eingeteilt, die Therapie besteht aus Schock und Züchtigung. Mittel, die auch Allys Mutter mit Vorliebe bei der Erziehung ihrer Töchter einsetzte. So fühlt sich die junge Ärztin den Patientinnen oft weitaus näher als den selbstbewussten Herren aus dem Vorstand, mit denen sie sich eigentlich anpassen müsste.
Auf der anderen Seite des Meeres ist nun Tom, der sich ebenfalls in eine neue Welt, dessen Sprache und Gebräuche ihm vollkommen fremd sind, anpassen muss. Als freier, selbstbewusster Mann ist für ihn die Erfahrung völlig neu, von anderen abhängig zu sein. Sein Führer und Dolmetscher ist zugleich auch sein Schutz und einzige Möglichkeit, um an dem gesellschaftlichen Leben in Japan teilzunehmen.

Geschickt und voller sprachlicher Präzision lässt Sarah Moss diese beiden Figuren parallel die gleichen Gefühle durchlaufen, Verunsicherung und Sehnsucht empfinden, ohne dabei je plump die beiden Handlungsstränge zu ähnlich zu gestalten. Viel zu unterschiedlich sind diese beiden Geschichten. Genau das führt aber dazu, dass die beiden zu vollkommen anderen Menschen werden in diesem Jahr der Trennung.
Somit ist dieses Buch sicherlich kein Liebesroman über ein Paar, das sich ein Jahr lang nach einander sehnt. Viel zu sehr sind die beiden in ihre eigenen Kämpfe verstrickt, machen ihre Erfahrungen und gehen Wege, die zuvor kein anderer gegangen ist. Die junge Ärztin, die noch vor der eigentlichen Sufragetten und Feministinnenbewegungen ihren Weg ins Berufsleben geht, ist für mich tatsächlich um einiges spannender gewesen, als die etwas selbstverlorene Reise eines jungen Engländers in ein fremdes Land. Zugegeben: Ich bin großer Fan der japanischen Kultur und Sarah Moss hat mit viel Feingefühl das im Umbruch aus der Edo-Zeit befindliche Kaiserreich beschrieben. Wie schon im ersten Teil versteht sie sich meisterhaft auf die Beschreibung von Stoffen, Farben und dem Spiel des Lichts. Doch wirklich gefesselt hat mich Allys Kampf mit sich selbst und den Wunden, die die Erziehung und der frühe Tod ihrer kleinen Schwester bei ihr hinterlassen haben.

Konnte ich mich im ersten Teil nur schwer mit dieser jungen, zur Selbstgeißelung neigenden Frau warm werden, durchläuft sie in diesem Buch eine bemerkenswerte Metamorphose, die mich immer wieder überraschte und fesselte.

Fazit


Ein historischer Roman über eine junge Ärztin weit vor ihrer Zeit, die sich von alten Verletzungen lösen muss und ihren charmanten Ehemann, der in Japan eine ihm vollkommen fremde Welt kennenlernt.
Für mich eine mehr als gelungene Fortsetzung von „Wo Licht ist„. Ja, es ist um so vieles fesselnder!

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Mareike


Sarah Moss – Zwischen den Meeren
Verlag: Mare
Gebunden,416 Seiten, 22 Euro

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